Schottergärten

Hamburg und das Umland sagen "Gärten des Grauens" Kampf an

| Lesedauer: 9 Minuten
Sabine Lepél
Schottergärten und Steingärten werden in Hamburg und dem Umland zunehmend als Ärgernis wahrgenommen.

Schottergärten und Steingärten werden in Hamburg und dem Umland zunehmend als Ärgernis wahrgenommen.

Foto: Markus Weissenfels / FUNKE Foto Services

Neu Wulmstorfer Initiative und Behörden gehen ohnehin gegen die verbotenen Steinwüsten vor und fordern Vielfalt statt Einöde.

Neu Wulmstorf/Hamburg.  Babett Ohlen und ihre Mitstreiter haben den Steinwüsten in der Gemeinde Neu Wulmstorf den Kampf angesagt. Die Gruppe aus dem „KlimaTeam Blühendes Neu Wulmstorf“ steht auf dem Marktplatz – ausgestattet mit einem nagelneuen Flyer zum Thema und guten Argumenten. „Schottergärten sind in Neu Wulmstorf keine Einzelfälle mehr“, sagt Babett Ohlen: „Leider!“

Als Schottergärten – auch "Gärten des Grauens" genannt – werden Gartenflächen bezeichnet, die oft mit Folie oder Vlies und anschließend mit Schotter, Split oder Kies überdeckt werden und auf denen Pflanzen nur spärlich zu finden sind. Manchmal kommen auch Rindenmulch oder Holzhackschnitzel als Abdeckmaterial zum Einsatz. Der Boden wird durch solche Flächen versiegelt. Insekten, Vögel und andere Tiere finden in diesen eintönigen Steinwüsten keine Nahrung. „Unser Ziel ist es, die Neu Wulmstorfer für das wichtige Thema der bedrohten Artenvielfalt und das Insektensterben zu sensibilisieren“, sagt Babett Ohlen.

Schottergärten gelten als Umweltsünde

Eine Stippvisite im südlichen Hamburger Umland zeigt: So eine Kampagne ist offenbar unbedingt notwendig. Denn ob im Fischbeker Heidbrook auf Hamburger Gebiet, in den Neubaugebieten von Neu Wulmstorf, in traditionellen Wohnlagen wie der Heidesiedlung im Neu Wulmstorfer Kernort oder auf den Dörfern in der Umgebung: Überall finden sich Beispiele dieser in großen Teilen der Gesellschaft als Umweltsünde geltenden "Gärten des Grauens".

Dabei sind sie gar nicht erlaubt – selbst im eigenen Garten nicht. Die niedersächsische Landesbauordnung erklärt Schotter- und Steinwüsten als nicht zulässig. Danach müssen Grundstücksflächen, die nicht bebaut sind, Grünflächen sein. Ausnahmen sind beispielsweise Wege oder schmale Einfassungen von Beeten. Die Vegetation muss deutlich überwiegen. Schotter- oder Steinflächen dürfen nur für einen erkennbaren Zweck angelegt werden.

Schottergärten in Buxtehuder Wohngebiet verboten

Viele Kommunen legen inzwischen zusätzlich in den Bebauungsplänen ein Verbot von Schottergärten fest, wie kürzlich die Hansestadt Buxtehude: Erstmals wird in dem Bebauungsplan „Wohngebiet südlich Heimbrucher Straße“ für die geplante neue Wohnbebauung in der Siedlung Pippensen explizit festgesetzt, dass Schottergärten verboten sind, obwohl das wegen des landesweiten Verbots eigentlich überflüssig wäre.

Denn Freiflächen, die nicht als Zugang, Zufahrt oder Stellplatz erforderlich sind, sind ohnehin als Grünflächen anzulegen. Und Vorgärten dürfen nicht aus Gründen der Gestaltung oder vermeintlich leichteren Pflege überwiegend aus Steinflächen bestehen.

Auch in Buxtehude wird das Verbot nicht überall eingehalten

Doch auch in Buxtehude wird das Verbot nicht überall eingehalten, die erstmalige ausdrückliche Festsetzung im Bebauungsplan soll die gesetzliche Vorgabe unterstreichen und das Entstehen von Schottergärten von vorn herein unterbinden. Irgendwie ein logischer Zwiespalt, denn die Kommunen geben ja bereits mit der Ausweisung der Baugebiete grünes Licht für die Versiegelung der bis dahin meist unbebauten Landschaft.

Schottergärten sind auch in Hamburg durch die Hamburger Bauordnung verboten. Zuständig für die Überwachung der Einhaltung sind die Bezirksämter. Maßnahmen bei Verstößen gegen die Hamburger Bauordnung in Verbindung mit Schottergärten werden dort allerdings nicht gesondert statistisch erfasst, wie das Bezirksamt Harburg mitteilt. „Bei der Verfolgung kommt es aber ohnehin nicht in erster Linie auf die Verhängung eines Bußgeldes an, sondern auf die Herstellung ordnungsgemäßer Zustände“, sagt Renate Pinzke, Sprecherin der Hamburger Umweltbehörde.

Schottergärten kommen auch im Fischbeker Heidbrook vor

„Schottergärten kommen zwar auch im Fischbeker Heidbrook vor, jedoch eher als deutliche Ausnahme“, sagt Arne von Maydell, Pressesprecher der IBA Hamburg GmbH. „Die überwiegende Mehrheit ist sich der sensiblen Lage unserer Baugebiete in direkter Nachbarschaft zu einem Naturschutzgebiet aber bewusst, und unsere gemeinsamen Informationsveranstaltungen mit dem NABU zum naturnahen Gärtnern sind gut besucht.“

Information scheint der bessere Weg zu sein, denn allen Verboten und Strafandrohungen zum Trotz gibt es immer mehr solche „Gärten des Grauens“, wie die Klima-Initiative aus Neu Wulmstorf mit einer Foto-Dokumentation für den Landkreis Harburg nun auch beweisen möchte. Denn als die Neu Wulmstorfer dort vorsprachen, wurden sie laut Ohlen mit dem Hinweis abgespeist, es handele sich um Einzelfälle. Der Landkreis ist zuständig für die Einhaltung des Schottergarten-Verbots.

„Als Bauaufsichtsbehörde können wir auf Schottergärten, die grundsätzlich gegen das niedersächsische Baurecht verstoßen, mit entsprechenden Maßnahmen reagieren“, bestätigt Landkreis-Sprecher Bernhard Frosdorfer. Geprüft werden müsse im Einzelfall. In der bauaufsichtlichen Praxis spielten Schottergärten bisher allerdings eine geringe Rolle, so Frosdorfer: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bauaufsicht konzentrieren sich schwerpunktmäßig auf Fälle, in denen Gefahr für Leib und Leben besteht sowie auf den Schutz des Außenbereichs vor nicht genehmigten baulichen Anlagen oder illegaler Nutzung. Eine gezielte Kontrolle der Gärten im Landkreis Harburg findet dementsprechend nicht statt.“

„Wir wollen niemanden denunzieren!“

„Wir wollen niemanden denunzieren und mit unserem Flyer auch die Anwohner nicht zu Denunziantentum und Anzeigen motivieren. Wir möchten informieren und bieten bei Interesse auch Beratungen für die Umgestaltung der lebensfeindlichen Gärten an“, sagt Babett Ohlen. Es sei unrealistisch, von Besitzern eines Schottergartens den kompletten Rückbau zu verlangen: „Man kann die Flächen aber problemlos aufbrechen und kleine Inseln schaffen oder zum Beispiel ein Hochbeet anlegen und so wenigstens einen kleinen Beitrag leisten“, so die Umwelt-Aktivistin. Leider sei es aber häufig so, dass die Leute erst aktiv werden, wenn sie zahlen müssen. „Deshalb wäre es toll, wenn in den Wohngebieten mehr auf die Einhaltung der Bauordnung bei der Gartenanlage geachtet werden würde“, so Ohlen.

Doch so eine Kontrolle der Anwohner ist weder bei den Kommunen noch bei den übergeordneten Stellen vorgesehen. „Dennoch gilt erst einmal das Verursacher-Prinzip“, sagt Neu Wulmstorfs Bürgermeister Tobias Handtke. „Wer ein Haus baut, dem muss klar sein, welche Regeln gelten.“ Die Bauaufsicht liege allerdings beim Landkreis und es wäre grundsätzlich dessen Aufgabe, entsprechenden Hinweisen nachzugehen. „Wir möchten hier in Neu Wulmstorf aber lieber Überzeugungsarbeit leisten und so einen Wandel schaffen“, so Handtke.

Schottergarten-Besitzer fühlen sich dennoch zunehmend als Umweltsünder an den Pranger gestellt. „Wenn es wie jetzt in Dürreperioden mancherorts das Wässern des Gartens verboten wird, bleiben nur Schotter und Steine als Gartengestaltung“, sagt ein Anwohner der Heidesiedlung, der namentlich nicht genannt werden möchte. Auch fehle seiner Familie das Geld, die Lust und die Zeit für die Anlage und die Pflege eines üppig blühenden Gartens. „Ich habe mir dieses Grundstück gekauft, um mein eigener Herr zu sein und möchte nicht, dass mir die ganzen Gutmenschen auch hier noch vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe“, so der „Schottergärtner“ ohne grünen Daumen.

„Ich habe mir dieses Grundstück gekauft, um mein eigener Herr zu sein !“

Mit dieser Einstellung könnte er Schwierigkeiten bekommen: „Wenn wir bei Kontrollen vor Ort unzulässige Bodenversiegelungen feststellen – etwa bei einer Überschreitung der zulässigen Grundflächenzahl oder Bodenversiegelungen im Außenbereich – drängen wir darauf, dass diese beseitigt werden“, so Landkreis-Sprecher Frosdorfer. Das habe Erfolg: „Auf unsere Intervention hin wurden immer wieder auch Schottergärten zurückgebaut – allerdings ohne formelle bauaufsichtliche Verfahren.“ Der Landkreis gehe zudem Fällen, die ihm über die Kontrollen vor Ort hinaus bekanntwerden, selbstverständlich nach.

Das Klima-Team aus Neu Wulmstorf setzt derweil weiter auf Aufklärung. „Der aktuelle Sommer spielt uns dabei offenbar in die Karten“, sagt Babett Ohlen. „Die Leute mögen nicht in ihren aufgeheizten Steinwüsten sitzen.“ Pflegeleichter seien diese im übrigen auch nicht, sagt die Hobby-Gärtnerin: „Davon möchten wir die Leute überzeugen und kommen auch gern zur Beratung vorbei.“ Dass ihre Aufklärungsarbeit nicht immer gut ankommt, musste Ohlen während ihres Einsatzes am Infostand auf dem Marktplatz auch schon erfahren: „Eben war eine Dame da, die von uns wissen wollten, wie sie die Insekten in ihrem Garten am besten töten kann“, sagt sie. Es gibt noch viel zu tun fürs Neu Wulmstorfer Klima-Team...

Den neuen Flyer zum Thema Schottergärten/Steinwüsten in Neu Wulmstorf hat das „Klima-Team Blühendes Neu Wulmstorf“ zusammen mit Neu Wulmstorfs Bürgermeister Tobias Handtke und der Klimaschutz-Beauftragten Gabriele Max auf den Weg gebracht. Die Flyer liegen ab sofort im Foyer des Rathauses aus und werden in den nächsten Wochen im Ort verteilt.

Für Fragen und Anregungen sind die Klima-Aktiven per Mail an bluehendesnw@klimaforum-neu-wulmstorf.de zu erreichen.

Weitere Informationen über das Klima-Team finden sich auf der Webseite des Klimaforums.