Unternehmer Landkreis Harburg

Warum ein Möbeldesigner nach Radbruch zog

| Lesedauer: 6 Minuten
Angelika Hillmer
Firmengründer Jan Cray und seine Schwester Anna Cray vor einer  von zwei Küchen, die am neuen Standort in Radbruch anzuschauen sind.

Firmengründer Jan Cray und seine Schwester Anna Cray vor einer  von zwei Küchen, die am neuen Standort in Radbruch anzuschauen sind.

Foto: Angelika Hillmer / Hillmer/HA

Hamburger Manufaktur Jan Cray produziert nun in einer gläsernen Werkstatt mit kleinem Ausstellungsbereich

Radbruch.  „Möbel und Küchen aus Hamburg“, steht auf der Website vom Möbeldesigner Jan Cray. Der gebürtige Lüneburger begann 2013 in Altona, Möbel im industriellen Design zu entwerfen und zu bauen. Er kombiniert Holz und Stahl und das mit ökologischem Anspruch. Aus Hamburg stammen seine Möbel seit einem guten halben Jahr nicht mehr: Zur Jahreswende ist die Möbelmanufaktur nach Radbruch nahe Winsen umgezogen.

Im kleinen Gewerbegebiet nahe des Radbrucher Bahnhofs hat Cray eine 1500 Quadratmeter große Produktionshalle mit „gläserner Werkstatt“ und angeschlossenem Büro- und Ausstellungstrakt errichten lassen. Der Umzug sei eine gemeinschaftliche Entscheidung des gesamten Teams gewesen, sagt er. In Hamburg habe es keinen Raum für weiteres Wachstum gegeben. „Wir hatten zum Schluss mehrere Lager“, sagt Schwester Anna Cray, die für die Kommunikation nach außen und innen zuständig ist. Jetzt ist alles in einer übersichtlichen Halle vereint, die dreimal so groß ist wie die alte Werkstatt. Große Fenster bieten Blickkontakt zu den Kollegen im Showroom oder Bürotrakt. Mit den Räumlichkeiten wuchs die Personaldecke auf jetzt 18 Mitarbeiter. „Wir haben ein superjunges Team, die meisten Leute sind 30 bis 35 Jahre alt.“

Die Geschwister sind in Lüneburg aufgewachsen

Die Geschwister sind in Lüneburg aufgewachsen. Bei der Suche nach einem Standort in der Region Hamburg bot sich das südliche Umland an. Das vom Landkreis Lüneburg geförderte Grundstück in Radbruch machte das Rennen. „Alle fühlen sich hier pudelwohl“, sagt Anna Cray. Etwa die Hälfte der Mitarbeiter wohnt zwischen Winsen und Lüneburg. Die Hamburger können die Bahn oder eine von drei Fahrgemeinschaften nutzen: Die Teams Altona, Eimsbüttel und Ottensen pendeln in drei firmeneigenen E-Mobilen klimaneutral nach Radbruch – entgegen der Hauptfahrrichtungen des Berufsverkehrs und deshalb relativ staufrei.

Nachhaltigkeit wird bei Jan Cray groß geschrieben. Die neue Halle ist eine Holzkonstruktion, in den Wänden ist Lehm verarbeitet. Die Büroräume sind mit Holz ausgekleidet – „man fühlt sich hier wie in einem dänischen Ferienhaus“, sagt Jan Cray schmunzelnd, „aber das ist völlig okay“. Der Strom wird solar erzeugt, energiesparende Bodenplatten halten die Wärme. Geheizt wird mit Holzabfällen aus der eigenen Produktion.

„Die Halle verkörpert das, wofür wir stehen wollen“

„Die Halle verkörpert das, wofür wir stehen wollen“, sagt Anna Cray. Begonnen hat alles mit dem 6Grad Tisch. Er trägt diesen Namen, weil seine Beine nicht gerade stehen, sondern um sechs Grad abspreizen. Die erste und weitere Tischplatten waren aus recyceltem Holz gefertigt. „Ich wollte unbedingt nachhaltige Möbel bauen und hatte Baugerüst-Dielen aufgekauft, ohne konkret zu wissen, was ich daraus machen will“, sagt Jan Cray, der schon als Jugendlicher Möbel baute. Daraus geworden ist die 6Grad-Produktlinie mit Tischen, Bänken und Hockern in unterschiedlichen Größen und Designs, für Innenräume und Außenbereiche. Längst sind Eiche, Esche, Wildeiche und Fichte aus regionaler, zertifizierter Forstwirtschaft hinzugekommen. Das 6Grad-Sortiment wurde zum Aushängeschild der Möbelmacher.

Sie verkaufen zu etwa 70 Prozent an Privatleute und 30 Prozent an Unternehmen. Inzwischen auch Küchen. Die machen etwa die Hälfte des Umsatzes aus. Auch für sie kombiniert Jan Cray Holz mit Stahl. Alle Holzteile der Möbel und Küchen werden selbst gefertigt, die Stahlteile kommen von Zulieferern aus der Region Hamburg. Eine klassische Küche ist für gut 30.000 Euro zu haben. Mit Geräten werden es locker 35.000 bis 40.000 Euro. Eine Pantry als Büroküche ist etwas schlichter ausgestattet.

„Wir bauen Möbel für die Ewigkeit. Sie sollen schön altern.“

Zwei Küchen werden am Radbrucher Standort gezeigt, eine schwarze mit Stahlplatten als Arbeitsfläche, „so wie sie aus der Walze kommen“. Sie haben eine matte Oberfläche, die auch mit Gebrauchsspuren noch attraktiv aussehe, sagt Anna Cray: „Wir bauen Möbel für die Ewigkeit. Sie sollen schön altern.“ Der Werkstoff Linoleum ergänzt inzwischen das Angebot an Oberflächen. Jan Cray nennt das auf Leinöl und anderen pflanzlichen Bestandteilen basierende Material „Handschmeichler“.

Die zweite Küche ist hell gehalten und steht in der Galerie. Auch ein Regal – Vertreter einer neuen Produktgruppe – ist zu sehen. Die Küchen stehen im Fokus, sie sind beratungsintensiv. Andere Produkte werden gekauft, ohne sie real gesehen zu haben. „Der Erstkontakt läuft meist per E-Mail“, sagt Jan Cray. „Der zweite ist dann ein Telefonat. Nach zehn Minuten ist dann klar, ob zum Beispiel eine Vor-Ort-Beratung nötig ist. Das läuft bei entfernten Wohnorten dann per Video. Rund 30 Prozent der Kunden kaufen die Möbel blind.“ Wer die Möbel vor dem Auftrag lieber ansehen und anfassen möchte, kann nach Radbruch kommen. Oder sich mit den Möbelmachern in Bahrenfeld an der Boschstraße verabreden. Dort stehen, verbunden mit einer Kunstgalerie, vier Übersee-Container mit Exponaten aus der Kollektion.

In der Radbrucher Werkstatt sägen zwei Mitarbeiter Holz zurecht. Gegenüber wird ein Werkstück computergesteuert gefräst und mit Löchern versehen. Für den Automaten war bislang kein Platz. Am Ende der Halle wird eine Pappbahn von einer großen Rolle in präzise Stücke geschnitten. In dem Rollenkarussell hängen auch verschiedenfarbige Linoleumrollen, die hier zugeschnitten werden können. Jetzt geht es aber um eine materialsparende Transportverpackung zur Auslieferung an den Kunden. Jan Cray: „Wir liefern in eigenen Lkw nach Deutschland, Österreich und Schweiz. Dadurch kommen wir im Vergleich zur Auslieferung per Spedition fast ohne Verpackung aus.“