Serie „Von oben“

Die Schönheit der Heide – von oben

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Die Lüneburger Heide wirkt von oben, wie willkürlich hingegossen – und ist doch menschengemacht.aufwind-luftbilder

Die Lüneburger Heide wirkt von oben, wie willkürlich hingegossen – und ist doch menschengemacht.aufwind-luftbilder

Foto: aufwind-luftbilder

„Von oben“ heißt unsere neue Serie, für die Fotograf Holger Weitzel in die Luft gegangen ist. Carolin George beschreibt. was wir sehen.

Lüneburg.  Gästen kommt sie oft vor, als habe die Natur sie einfach so auf dem Boden ausgegossen – aus einem riesigen Eimer auf den sanft gewellten Untergrund verteilt. Hier ein paar Wacholder, dort einige Kiefern und Birken, und dann wieder viele Quadratmeter weit nur Heidekraut. Und doch ist es die Hand des Menschen, die diese Landschaft erschaffen hat. Und würde der Mensch nicht immer wieder dafür sorgen, dass die Heide gepflegt wird: Sie wäre längst ein riesiger Wald. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre – und wenn es nicht die Stiftung Naturschutzschutzpark Lüneburger Heide gäbe, 1909 als Verein gegründet und damit eine der ältesten privaten Naturschutzorganisation Deutschlands.

Und dort gibt es wohl niemanden, der die Lüneburger Heide so gut kennt wie Dirk Mertens – ob vom Boden oder von der Luft aus. Mertens leitet den Fachbereich „Offenlandpflege und Naturschutz“. Der gelernte Gärtner und studierte Landschaftsarchitekt weiß ganz genau, welche Fläche im Naturschutzgebiet mit welcher Maschine bearbeitet wurde – und wann. Denn die Heidschnucken und die Ziegen sind zwar hungrig, fleißig und hübsch anzusehen gleichermaßen, und sie zuckeln in einer Anzahl von mehr als 9000 Tieren in 13 Herden an 365 Tagen im Jahr durch die Heide.

Weder Appetit noch Gebiss reichen zur vollständigen Pflege

Aber weder ihr Appetit noch ihr Gebiss reichen aus, die riesigen Flächen so in Schuss zu halten, dass sie das Bild abgeben, wie wir und Gäste in der Heide es kennen. Wir haben Dirk Mertens gebeten, sich das Foto anzusehen und uns zu erklären, was es bedeutet, dass die verschiedenen Flächen so unterschiedlich aussehen. Und wir haben gelernt, dass ein Bild von oben in dieser Form gar nicht mehr möglich wäre. Weil die Art der Pflege sich verändert hat und solche Muster daher nicht mehr entstehen können.

„Die dunklen Flächen (reine Besenheide ohne Gräser) mit den vielen Streifen sind Graderflächen aus der Pionierzeit der mechanischen Pflege in der Heide zwischen 1983 und 1985. Hier wurde der Oberboden mit einem Grader (Planierer, Anm. d. Red.) in Streifen abgeschoben, das Ergebnis ist wie beim Plaggen (Abtrag der Vegetationsschicht und der Rohhumusauflage, Anm. d. Red.). Im Gegensatz zu späteren Pflegeverfahren wurde das Material auf Dämmen (=Streifen) in den Flächen belassen (=Streifen).

Die beiden dunklen Flächen am Westrand sind zwei Plaggflächen

Die etwas organischeren schmalen hellen Streifen, die jeweils eine Fläche umgeben, sind Brandsicherheitsstreifen. Hier wurde die organische Auflage abgefräst. Das Ergebnis ist ähnlich einem flachen Schoppern (Abtrag der Vegetationsschicht und eventuell eines Teils der Rohhumusauflage, Anm. d. Red.). Diese Streifen dienten als Brandsicherheitsstreifen, um die innerhalb gelegenen Flächen sicher abbrennen zu können. Diese Methode wird in dieser Form heute nicht mehr praktiziert.

Die beiden dunklen Flächen am Westrand sind zwei Plaggflächen – die östliche (untere) ist von 1987, geplaggt mit einer der ersten Plaggmaschinen. Die etwas weniger deutliche westliche (obere) wurde mit einem Bagger geplaggt. Darüber hinaus sind auf dem Luftbild Mahdstreifen unterschiedlichen Alters zu erkennen. In dieser Fläche wurde Saatgut gewonnen. Aufgrund der eingesetzten Überladetechnik konnten kaum Kurven umgesetzt werden. Die helleren Streifen zeigen Flächen, auf denen überalterte Heide für Biofilteranlagen gewonnen worden war. Zeitweise wurde Heidemahdgut an Reetdachdecker verkauft.

In diesem Bereich war die Heide zu diesem Zeitpunkt aber flächig so überaltert, dass nur kleine Mengen für die Dachdecker geeignet waren.“

Am Sonntag, 4. September, lädt die Stiftung VNP von 11 bis 17 Uhr zum traditionellen Hoffest auf den Landschaftspflegehof Tütsberg.

Holger Weitzel, Fotograf unserer neuen Serie, nimmt uns mit nach oben. Und zeigt uns Bilder, die wir ansonsten vermutlich niemals sehen würden – es sei denn, wir machen selbst einen Flugschein.

Er war ein kleiner Junge, als er auf dem Fahrrad immer mal wieder am Segelfluggelände in Boberg vorbeiradelte. Der Geruch der Holzflugzeuge, die Starts, die Menschen: Das war eine Welt, die Holger Weitzel als kleiner Junge einfach nur toll fand.

Als Erwachsener ist er selbst Teil dieser Welt. Seit 1974 fliegt er Segelflugzeuge, und es mag jetzt an die 40 Jahre her sein, dass er sein erstes Foto, eine Baustelle auf der Autobahn 24 bei Billstedt, geschossen auf schwarz-weiß-Film aus einem Segelflugzeug heraus, verkaufte: an die Bergedorfer Zeitung.

Gelernt hat Holger Weitzel Vermesser, hat viele Jahre Niederschlagsabflussmodelle errechnet. Doch was ihn wirklich fasziniert, das ist das Segelfliegen. „Technik, Naturwissenschaften, der Blick vom Himmel auf die Welt: Sobald man mit dem Fliegen anfängt, erweitert sich der Horizont“, sagt er.

Wenn Holger Weitzel mit seiner Schleicher ASH 31 Mi mit ihren 21 Metern Spannweite in die Luft geht, hat er immer seine Sony Alpha 7 M4 dabei. Und wenn er von da oben ein Bild sieht, das er fotografieren will, dann hält er mit der linken Hand das Steuer seines Fliegers fest – und mit der rechten Hand seine Vollformat-Systemkamera mit Zoomobjektiv aus dem Fenster.

Den fotografierten Ausschnitt der Welt kann Weitzel über das Klappdisplay der Kamera sehen und auswählen; scharfstellen übernimmt die Technik für ihn. „Das geht beim Fliegen nicht auch noch.“

Das Foto von sich in seinem Segelflieger hat Weitzel auch selbst geschossen: mit einer kleineren Sony, montiert auf der Fläche des Flügels und per Fernsteuerung ausgelöst.

www.aufwind-luftbilder.de