Gastronomie Landkreis Harburg

Aus für Gasthaus „Zum Kiekeberg“: „Es geht so nicht weiter“

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Lars Hansen
Das Gasthaus "Zum Kiekeberg" in Ehestorf schließt zum Oktober.

Das Gasthaus "Zum Kiekeberg" in Ehestorf schließt zum Oktober.

Foto: Lars Hansen / xl

Das Traditionslokal schließt zum Oktober. Chefin will nun Gästezimmer zu Miet- und Ferienwohnungen mit Weitblick umbauen.

Ehestorf. Die Ausflugsgastronomie im Landkreis Harburg ist im Umbruch. Wer auf gut Glück losfährt, und glaubt, den Gasthof, den man in der Vergangenheit gern ansteuerte, auch in diesem Jahr aufsuchen zu können, kann durchaus Pech haben. Eine signifikante Zahl an Lokalen hat ganz aufgegeben, andere, wie Makens Hoff oder Meyers Linde betreiben kein Tagesgeschäft mehr, sondern verköstigen nur noch Familien und Gruppen auf Vorbuchung. Zum Oktober wird eine Ikone der Branche schließen: Das Gasthaus „Zum Kiekeberg“. Es schließt nicht etwa, weil es schlecht läuft. Im Gegenteil. Es läuft so gut, dass die Wirte die Arbeit nicht mehr schaffen. Und Hilfe ist nicht in Sicht. Aus der Corona-Krise ist eine Personalkrise geworden.

Kiekeberg: Seit 120 Jahren betreiben Schusters den Gasthof

Warum der Kiekeberg „Kiekeberg“ heißt, erschließt sich, wenn man im Gastraum oder auf der Terrasse des Gasthauses sitzt: Über ein grünes Meer aus Baumkronen erstreckt sich der Blick bis zum Horizont, auf dem sich markante Wahrzeichen der Hamburger Skyline abzeichnen. Irma Schuster ist mit diesem Blick aufgewachsen.

Gesessen hat sie dabei selten. Schon früh war es für die 36-Jährige selbstverständlich, im elterlichen Gasthof mit anzupacken, genauso, wie es für die Hotelkauffrau feststand, dass sie den Betrieb übernehmen würde – als fünfte Generation der Familie. Seit 120 Jahren betreiben Schusters den Gasthof, der davor schon 80 Jahre bestand. Zum Jahresende wollte Vater Johannes den Kiekeberg an die Tochter übergeben und sich fortan vermehrt der Ferne widmen. Das Wohnmobil dazu hat er schon.

Irma Schuster übernimmt das Gasthaus allerdings nicht, Der Entschluss reifte in den vergangenen Monaten. Dabei hatte das Restaurant gerade diverse Krisen gemeistert und stand gut da. „Direkt nach dem zweiten Corona-Winter hatten wir einen Wasserschaden und konnten drei Monate nicht öffnen“, sagt Irma Schuster. „Dann lief der Betrieb sechs Wochen lang, bis sich die gesamte Küchencrew mit Corona infizierte und noch einmal lange ausfiel. Von all dem haben wir uns erholt. Wir haben auch unser fest angestelltes Personal in der Corona-Zeit halten können – zum Glück! Aber wir bekommen kaum Saisonkräfte und Aushilfen.“

Seit Monaten sieben Tage in der Woche zumeist mehr als acht Stunden am Tag

Für die Juniorchefin bedeutet das, dass sie seit Monaten sieben Tage in der Woche und zumeist auch mehr, als acht Stunden am Tag arbeitet. „Ich habe drei Kinder“, sagt sie, „und einen Mann, der seit Monaten jedes Wochenende verbringt, wie ein alleinerziehender Vater. Auch wenn man sich fest vornimmt, an einem bestimmten Tag frei zu machen und für die Familie da zu sein, passiert doch wieder etwas oder jemand fällt aus und schon steht man wieder im Laden.“

Das geht nicht nur ihr so. Auch das Stammpersonal in Küche, Service und Hotellerie – zum Gasthof gehören neun Zimmer – ist an der Belastungsgrenze. Vater Johannes‘ Fernwehverwirklichung scheint ebenfalls unrealistisch, wenn der Gasthof so gut weiterläuft – und ihn schlecht laufen zu lassen, wäre unter der Würde der Schusters. Dann hätte man es sich auch sparen können, Küche und Speisekarte zu modernisieren sowie neue Event- und Bewirtungskonzepte zu entwickeln. Zur Umsetzung der neuen Ideen und der traditionellen Qualität fehlt es aber an Personal. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. „Es gibt nicht mehr so viel junge Leute auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Irma Schuster, „und von den wenigen haben viele ganz andere Vorstellungen von Arbeit als wir. Ich bin froh über jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter und stolz auf alle, denn wen wir einstellen, der passt auch zu uns.“ Die Angestellten der Schusters müssen keine Zukunftsangst haben: Gastronomische Fachkräfte und gute Aushilfen werden im ganzen Landkreis und erst recht in Hamburg mit Kusshand genommen.

Kiekeberg: Gästezimmer sollen Ferien- und Mietwohnungen werden

„Trotzdem tut es weh, sich von Menschen trennen zu müssen, mit denen zusammen man so viel bewegt hat“, sagt Schuster, „aber jeder Einzelne von ihnen spürt die momentane Belastung auch selbst. So kann es nicht weitergehen!“ Wie es weitergeht, ist noch nicht klar. Schusters wollen mit drei Generationen in ihrem Haus wohnen bleiben. Die Gästezimmer sollen teils zu Ferienwohnungen, teils zu Dauermietwohnungen umgewandelt werden.

Irma Schuster will sich einen Halbtagsjob suchen und Zeit für die Familie haben. Ganz vom Kiekeberg will die Enkelin der für ihre Brotback-Kurse legendären alten Irma Schuster nicht: „Es gibt auch noch Herzensangelegenheiten“, sagt sie. „Unser Engagement bei Veranstaltungen im Museumsdorf würden wir gerne beibehalten.“