Adolphsens Einsichten

"Heute beginnt der eine Tag vom Rest meines Lebens"

| Lesedauer: 6 Minuten
 Ex Michel Pastor Helge Adolphsen schreibt regelmäßig für das Hamburger Abendblatt.

Ex Michel Pastor Helge Adolphsen schreibt regelmäßig für das Hamburger Abendblatt.

Foto: Klaus Bodig / HA /

Helge Adolphsen ist ehemaliger Hauptpastor des Michel. Seine Kolumne erscheint alle zwei Wochen. Heute: Einsichten eines Freundes

Harburg/Hamburg. Ich zog die Seite mit einer großen 75 als Überschrift aus dem Drucker. Ohne Absender und Anrede. Was auf dieser Seite steht, sind bewegende Sätze meines Freundes zu seinem 75. Geburtstag. Dass einer zu seinem eigenen Geburtstag einen Brief schreibt, habe ich selten erlebt. Der langjährige Freund ist Journalist und ein kreativer Zeitgenosse. Er war Erfinder und Chefredakteur einer Zeitschrift für die Familie. Damals hatte er mich eingeladen, zu Themen der religiösen Erziehung zu schreiben.

Er blickt auf ein bewegtes Leben zurück, arbeitete in Hamburg und in Dubai. Als er 50 wurde, haben wir diesen Tag im Michel gefeiert. Mit seinen vielen Freunden. Die Freunde waren keine wahren Freunde. Die meisten wollten die Beziehungen zu ihm pflegen, um sich selbst Vorteile zu verschaffen. Sein Sohn ist im elterlichen Haus tödlich verunglückt, Er rief mich an, schnell ins Krankenhaus zu kommen. Ich habe den sterbenden Jungen noch gesegnet und die Eltern getröstet.

Nach schweren Schicksalsschlägen lebt er heute im Pflegeheim

Vor einigen Jahren hatte er einen schweren Unfall. Heute lebt er in einem Pflegeheim. Sehr eingeschränkt und mit Schmerzen. Seine Gedanken auf anderthalb Seiten des Briefes sind mehr als eine Bilanz. Er beginnt sie im klaren Blick auf seine fortgeschrittene Lebenszeit so:

„Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe zu leben, als ich bisher gelebt habe. Ich fühle mich wie ein Kind, das eine Schachtel Bonbons geschenkt bekommen hat und die ersten mit Vergnügen ‚verschlingt‘, bis es merkt, dass nur noch wenige übrig sind. Da beginnt es, die Süßigkeiten langsam zu essen und wirklich zu genießen.“

Dann beginnt er, sich kritisch mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, besonders mit dem, was er früher als Chefredakteur alles tun musste. „Ich habe nun keine Zeit mehr für endlose Konferenzen, bei denen Statuten, Regeln, Verfahren und interne Vorschriften besprochen werden – schon vorher wissend, dass dabei nichts rauskommt und nichts erreicht wird.“

Was dann folgt, klingt nach Aufräumen und Sortieren der Seele, um sich vom Ballast der früher ungeheuren wichtigen Dinge zu befreien. Er benennt das, was ihn stört und wovon er sich verabschieden möchte.

„Ich habe auch keine Zeit (und keine Lust) mehr, wichtigtuende, sich selbst überschätzende Menschen zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters nicht erwachsen geworden sind und denen es an Wahrhaftigkeit fehlt. Ich will nicht mehr in Besprechungen sitzen, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren und ihre Meinung ungefragt herausposaunen. Ich ertrage weniger denn je Manipulierer noch Opportunisten.“

"Meine Seele ist in Eile, hat keine Zeit zu verschenken"

Bei oberflächlichem Lesen mag das arrogant klingen. Aber mein Freund will ehrlich mit sich selbst sein und Bilanz ziehen im Blick auf seine ihm noch verbliebene Zeit: „Mich stören diese Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen. Meine Zeit ist zu kurz, um Überschriften zu diskutieren. Ich will, ohne zu zögern, das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile, hat keine Zeit zu verschenken „ohne Süßigkeiten in der Verpackung.“

So weit geht sein kritischer Blick zurück- – ohne Zorn. Danach schaut er nach vorne und entfaltet das, was ihm jetzt, heute und für morgen wesentlich ist. Und was er sich wünscht und erhofft: „Ich hab es eilig, irgendwie. Ja, ich habe es eilig, um endlich mit der Intensität zu leben, die mir hoffentlich die Reife geben kann.“

"Ich möchte mit Menschen leben, die menschlich sind"

Was er sich wünscht an wahrhaft menschlichen und wohltuenden Begegnungen und Beziehungen, klingt dann so: „Ich möchte mit Menschen leben, die menschlich sind. Menschen, die über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden, die sich nicht vorzeitig selbst loben, weil sie sich für etwas Besonderes berufen fühlen. Ich möchte Menschen erleben, die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen, die grundsätzlich menschliche Würde verteidigen und an der Seite von Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen und stehen möchten. Ich möchte mit Menschen leben, die vorbehaltlos verzeihen können. All das macht das Leben lebenswert.“

Sein Wunsch, “mit Menschen zu leben, die vorbehaltlos verzeihen können“, macht mich besonders nachdenklich. Ich habe öfter erlebt, dass es Menschen schwerfällt, zu verzeihen und zu vergeben. Trotz intensiver Bitten der „Täter“, trotz ihrer ehrlichen Einsichten und Reue, sind sie nicht bereit zu vergeben. Es tut sehr weh, wenn die Unversöhnlichkeit so hart wie Beton ist und so gnadenlos, dass kein Frieden wird.

Von der Hoffnung auf einen solchen Frieden

Von der Hoffnung auf einen solchen Frieden schreibt mein Freund so: „Mein Ziel ist es – auch bei Machtlosigkeit im Anblick eines sinnlosen Krieges – das Ende im Frieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinem Leben, meinem Gewissen und meinen Freunden, die mir geblieben sind.“

Am Ende seines besonderen Geburtstagsbriefes gibt er allen zu bedenken: „Bedenke bitte: Wir alle haben zwei Leben. Das zweite beginnt dann, wenn wir erkennen, dass wir nur eins haben. Für mich ist nun heute der eine Tag vom Rest meines Lebens.“