Adolphsens Einsichten

Von Obdachlosen und einem Seelenwärmer

| Lesedauer: 5 Minuten
Helge Adolphsen schreibt alle zwei Wochen für die Regionalausgabe harburg des Abendblatts.

Helge Adolphsen schreibt alle zwei Wochen für die Regionalausgabe harburg des Abendblatts.

Foto: privat / HA

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Hamburger Michel. Seine Kolumne erscheint im Zwei-Wochen-Rhythmus

Harburg. Der Mann lebt auf der Straße. Die Straße ist seine Heimat geworden. Schon seit vielen Jahren. Er schläft in einem seiner Verstecke. Hackevoll und zugedröhnt. Da kommen drei Männer, übergießen ihn mit Benzin und zünden es an. Er wird wach, verfolgt sie. „Das war nur ein Scherz!“, sagen sie. Nicht zu fassen! Dass so etwas in einer Stadt wie Bremen passiert. Aber es könnte auch in jeder anderen großen Stadt geschehen.

Harald Schröder ist immer unterwegs auf den Straßen und in den Parks der Stadt. Er ist der Diakon für die Obdachlosen und Wohnungslosen. Diakon, zu Deutsch: Diener. Er ist der Mann der aufsuchenden Seelsorge. Ein Kollege nennt ihn den „Paten im Namen Gottes“. Wenn er auf seinem Arbeitsfeld, der Straße, unterwegs ist, hat er immer eine Kanne heißen Kaffee dabei. Sein Ehrentitel: der „Seelenwärmer.“ Den trägt er nicht nur wegen des Kaffees, sondern auch, weil er immer ein offenes Ohr hat. Wenn er auftaucht, sagen manche der Gestrandeten: „Hallo, wie gut, dass du da bist. Lass uns reden!“ Dann kniet Harald Schröder, um mit ihnen auf Augenhöhe zu sein. Gespräche als Medizin, aber auch als Motivationsstärkung.

Das sogenannte Gutmenschentum hilft nicht

Ich kenne das. Ich habe in meiner ersten Gemeinde in Kiel 725 Menschen in Schlichtwohnungen im „Lager Solomit“ betreut. Alle waren aus ihren bisherigen Wohnungen rausgeklagt worden. Das ging damals sehr fix. In diesen Kreisen floss auch viel Alkohol. Aber wenn du ihnen helfen willst, müssen die Alkoholkranken erst ganz unten sein, am Boden liegen, schluchzen oder rufen: „Hilf mir doch!” Das sogenannte Gutmenschentum hilft nicht.

Das weiß der erfahrene Streetworker und Seelenwärmer. Er weiß auch, dass immer mehr Jüngere, aber auch Ältere, ohne Dach über dem Kopf leben. Die Berber-Karriere sieht so aus wie bei dem Mann, der überfallen wurde: Der Vater eines Jugendlichen stirbt, damit geht sein fester Halt verloren. Saufen ohne Ende. Vier Flaschen Doppelkorn, muss man mit Bier runterspülen! Das kennen alle Alkoholkranken: So die schlechten Gefühle und die Einsamkeit abtöten. Nur schlafen! Wer so maßlos trinkt, verliert sein Erinnerungsvermögen.

Aber Harald Schröder hat großen Respekt vor der Überlebensleistung dieser Menschen. Man stelle sich das vor: Für sie gibt es im öffentlichen Raum keine kostenlosen Toiletten. Sie können sich nicht duschen. Es gibt keinen sicheren Ort für die wenigen Habseligkeiten. Andere Wohnungslose klauen ihnen die Schuhe. Das habe ich oft erfahren. Wenn einer an Grippe oder Corona erkrankt, ist kein Bett zu haben.

Ich werde nie die Baracke im „Lager Solomit“ vergessen

Ich werde nie die Baracke im „Lager Solomit“ vergessen. 16 ältere Menschen lebten dort, völlig verwahrlost und im Dreck. Es stank. Mit der Gemeindeschwester ging ich rein, versuchte mit ihnen zu sprechen. War schwierig. Aber Schwester Anni, Mutter von fünf Kindern, packte an. Die Männer begannen ihr zu vertrauen. Sie erhielten Bettwäsche. Gemeinsam mit der Schwester räumten sie den Dreck weg. Die Sanitäranlagen wurden gesäubert. Später habe ich mit dem Sozialdezernenten der Stadt Kiel und mit Freunden erreicht, dass die Baracke abgerissen und das ganze Lager aufgelöst wurde. Heute ist dort ein schmuckes Wohngebiet.

Der Mann aus Bremen, der mit Benzin übergossen wurde, hat die Kurve gekriegt. Er brach zusammen. Nach zwei Tagen Tiefschlaf im Krankenhaus hing er an Schläuchen. Dann die Entgiftung, eine Therapie und – der erste Rückfall. Das passiert häufig. Aber irgendwann war er trocken. Doch wer es geschafft hat, bleibt gefährdet. Dem Mann wird schlecht, wenn er Alkohol riecht. Inzwischen lebt er mit einem Sohn in einer Wohnung. Er ist Partner des Diakons Harald Schröder, ein ehrenamtlicher Streetworker.

Ehrenamtlicher Streetworker führt zu Obdachlosen

Die Straße ist für ihn nun keine trostlose und gefährliche Heimat mehr. Er führt jetzt Jugendgruppen an die Orte der Obdachlosen. Und erklärt ihnen die Szene und die Gründe für diese Lebens-und Leidensschicksale.

Ende Februar ist der Pate im Namen Gottes und der Kämpfer für die Alkoholkranken in den Ruhestand gegangen. Das berichtet Pastor Stephan Kreutz über den Mann, der seine Mission auch gegen Widerstände überzeugend durchgesetzt und verfolgt hat. Und obwohl die Bremer Kirche sehr sparen muss, wird die Stelle schnellstmöglich wieder besetzt. So etwas kommt kaum noch vor. Ein mittleres Wunder! Alle Verantwortlichen in der evangelischen Kirche und in der Ökumene Bremens und sogar in der Verwaltung der Freien Hansestadt stehen hinter diesem Beschluss. Respekt!