Projekt zur Einweihung

Warum in Karoxbostel junge Frauen altes Eisen schmieden

| Lesedauer: 7 Minuten
Hanna Kastendieck
Die FSJ-lerinnen Luisa Kampert, Sarah Klein, Carla Gerstner, Lada Efimova und Mashal Atai (v.l.) schmiedeten in der historischen Schmiede der Wassermühle Karoxbostel Haken für das Hufnerhaus.

Die FSJ-lerinnen Luisa Kampert, Sarah Klein, Carla Gerstner, Lada Efimova und Mashal Atai (v.l.) schmiedeten in der historischen Schmiede der Wassermühle Karoxbostel Haken für das Hufnerhaus.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Fünf FSJ-lerinnen dürfen als erste in der historischen Schmiede der Wassermühle Karoxbostel den Hammer schwingen

Karoxbostel. Diesmal ist es ein ganz heißes Eisen, an das sich Mashal, Sarah, Lada, Luisa und Carla heranwagen. Weit über 1000 Grad hat das Material, an dem die fünf jungen Frauen der Jugendbauhütte Hamburg an diesem Sonnabendvormittag arbeiten.

Normalerweise verbringen die FSJ-lerinnen ihren Alltag im fast 500 Jahre alten Hufnerhaus in Hamburg-Allermöhe, sorgen unter fachlicher Anleitung und Begleitung des Denkmalamtes dafür, das historische Gebäude zu restaurieren. Diesmal aber sind sie nach Seevetal in die alte Wassermühle Karoxbostel gekommen. Sie brauchen 40 eiserne Haken fürs Hufnerhaus. Diese wollen sie schmieden.

17-jährige Schüler aus Neugraben betreut Schmiede

Seit den frühen Morgenstunden schon brennt in der historischen Schmiede auf dem Mühlenhof das Feuer in der Esse. Juniorschmied David Sgaga hat alles für die fünf jungen Handwerkerinnen vorbereitet. Gemeinsam mit Schmiedemeister Arnold Kahnenbley betreut der 17-jährige Schüler aus Neugraben die jüngst fertig gestellte historische Schmiede in Karoxbostel, die am Sonnabend gemeinsam mit der Jugendbauhütte eingeweiht wurde.

Es ist ein echtes Jugend-Bau-Projekt, das in den vergangenen zwei Jahren auf dem Hof umgesetzt worden ist. Denn das gesamte Gebäude, Fundament und Fachwerk, Mauern und Dachstuhl der Hofschmiede wurden von Schülern der Berufsbildenden Schulen Buchholz gebaut. Die Idee zu diesem Projekt hatte die Mühlenvereinsvorsitzende Emily Weede. „Wir wollten den Auszubildenden die Möglichkeit geben, etwas Bleibendes zu schaffen. Ein Gebäude, auf das sie stolz sein können“, sagt sie. „Hinzu kommt, dass wir als Mühlenverein daran interessiert sind, traditionelle Handwerkstechniken zu erhalten.“ Deshalb auch passe die enge Zusammenarbeit mit den Jugendbauhütten in Hamburg und im Landkreis Stade gut zum Konzept des Mühlenvereins.

Getreu dem Motto „Anpacken, Mitmachen, Lernen“ kommt die Jugendbauhütte seit 2015 regelmäßig mit ihrer „Mobilen Interkulturellen Einsatztruppe“ (MOBI) nach Karoxbostel, um Arbeiten in und an den denkmalgeschützten Objekten und Gebäuden tatkräftig zu unterstützen. Die FSJ-ler haben das alte Sägewerk mit aufgebaut, arbeiten regelmäßig an der restaurierten Gattersäge mit oder setzen Projekte im historischen Mühlengarten um. Oft übernachten die jungen Freiwilligen in der Karoxbosteler Mühle, mit Isomatte und Schlafsack.

Helferinnen absolvieren Freiwilliges Soziales Jahr in Hamburg

Mashal, Sarah, Lada, Luisa und Carla haben sich im vergangenen Jahr nach ihrem Abitur für das Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Jugendbauhütte beworben. „Ich wollte mich nach dem Abi erstmal beruflich orientieren und etwas Praktisches tun, bevor ich in die Ausbildung oder ins Studium gehe“, sagt Mashal Atai. Die 21-Jährige kam 2015 mit ihren Eltern aus Afghanistan. Sie möchte Architektur studieren. Lada Efimova stammt aus Russland. Die 19-Jährige ist nach dem Abi im vergangenen Jahr von Sibirien nach Deutschland gekommen. „Bei uns in Russland müssen Abiturienten direkt nach Schulabschluss an die Uni. Es gibt dort kein Brückenjahr“, sagt sie. „Deshalb habe ich mich für das FSJ in Deutschland beworben. Ich interessiere mich für das Thema Bauen, möchte aber vor einer Ausbildung ein paar praktische Erfahrungen sammeln.“ So geht es auch Luisa Kamport aus Dortmund. „Ich habe Spaß an handwerklichen Tätigkeiten“, sagt die 19-Jährige. „Und ich finde es spannend, mehr über alte Techniken und den Denkmalschutz zu erfahren.“

Normalerweise arbeiten die fünf FSJ-lerinnen, die sich gemeinsam auf Kosten der Jugendbauhütte Hamburg eine Wohnung in einer alten Villa in Moorfleet teilen, im Hufnerhaus. Das Gebäude ist eines der ältesten erhaltenen Fachwerkhallenhäuser Norddeutschlands. Diese historische Kostbarkeit konnte im Herbst 2015 durch den Ankauf der Jugendbauhütte Hamburg in letzter Minute vor dem Abriss gerettet und als Kulturerbe für die Stadt Hamburg bewahrt werden. In einem ersten Schritt wurde das Haus mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz notgesichert. Im September 2016 übernahm dann der erste Jahrgang der Jugendbauhütte Schritt für Schritt die Restaurierung. Begleitet werden sie dabei von Wido Hahne. Er ist Zimmermann und leitet die Mädchen Schritt für Schritt an.

„Unser Ziel ist es, junge Menschen ans Handwerk heranzuführen und ihr Bewusstsein für die Denkmalpflege zu wecken“, sagt er. „Bei uns machen sie Erfahrungen für’s Leben.“ Neben der Arbeit auf der Lehrbaustelle Hufnerhaus werden die Teilnehmer in den verschiedensten Einsatzstellen aus dem Bereich Handwerk und Denkmalpflege tätig.

Traditionelle Handwerkskunst wird in vielerlei Hinsicht gelebt

Unter anderem arbeiten sie auch in der Wassermühle Karoxbostel, auf dessen Gelände traditionelle Handwerkskunst in vielerlei Hinsicht gelebt und gepflegt wird. So wird in der mit Wasserkraft betriebenen Sägerei Holz aus dem benachbarten Mühlenwald veredelt, ökologisch angebautes Getreide wird zu Vollkornschrot gemahlen, in der Brauerei wird alte Bierbraukunst gepflegt und im Backhaus Brot gebacken.

Mit der historischen Schmiede kommt nun ein weiteres Angebot hinzu. Die Ausstattung der Werkstatt mit Esse, Ambossen, Hämmern und Zangen stammt aus dem Besitz von Schmiedfamilie Bersuch, die einst in Altenwerder eine Schmiede betrieben hat. Betreut wird das Angebot in Karoxbostel von Schmiedemeister Arnold Kahnenbley, der sich seit 2013 auch als Schmied im Buchholzer Geschichts- und Museumsverein engagiert und im Museumsdorf Seppensen Vorführungen und Seminare für Schulklassen und alle anderen Interessierten anbietet.

Für den Betrieb der Mühlenschmiede hat sich Kahnenbley mit Schüler David Sgaga schon mal Verstärkung gesucht. Emily und Carsten Weede vom Mühlenverein sind froh, dass mit David der Nachwuchs im traditionellen Schmiedehandwerk gesichert ist. „Wir setzen uns dafür ein, dass alte Handwerkstechniken nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Carsten Weede. „Darüber hinaus wollen wir das Bewusstsein für Nachhaltigkeit schärfen. Mit altem Eisen geht genau das besonders gut. Denn aus einem alten Nagel lässt sich problemlos in kürzester Zeit ein neuer schmieden.“

Über das Projekt "Jugendbauhütten":

  • Die Jugendbauhütten sind ein Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in Trägerschaft der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd). Die Initiative bietet jungen Menschen die Möglichkeit, ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Denkmalschutz zu absolvieren und ihre Begeisterung für das kulturelle Erbe zu entdecken.
  • Ein ganzes Jahr lang können Jugendliche von 16 bis 26 Jahren in den Einsatzstellen einer der bundesweit 16 Jugendbauhütten traditionelle Handwerkstechniken erlernen und am Original anwenden. Vorbild zu den Jugendbauhütten waren die mittelalterlichen Bauhütten, in denen gemeinsam gelebt und gearbeitet wurde. Hier lernte der Lehrling vom Meister noch am Original.
  • Verschiedene Seminare zu Stil- und Materialkunde, Forschungs- und Arbeitsmethoden, Grundlagen der Denkmalpflege sowie der Bedeutung des europäischen Kulturerbes ergänzen die praktische Arbeit am Denkmal.
  • Rund 5000 Jugendliche haben bislang ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege in den Jugendbauhütten absolviert. Weitere Informationen finden sich im Internet unter www.denkmalschutz.de