Eurovision Song Contest

Singender Schiedsrichter aus Winsen träumt vom ESC-Auftritt

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Helena Davenport
Schiedsrichter Marvin Schories bewarb sich für San Marino und die Ukraine, um beim ESC zu singen.

Schiedsrichter Marvin Schories bewarb sich für San Marino und die Ukraine, um beim ESC zu singen.

Foto: Marvin Schories

Marvin Schories ist Polizeischüler und Musiker. Warum er erst für San Marino und dann beinahe für die Ukraine gesungen hätte.

Winsen. In diesem Jahr hat es noch nicht geklappt – doch Marvin Schories glaubt fest an seine Chance: 2023 möchte der Polizist und ehrenamtliche Schiedsrichter aus Winsen beim Eurovision Song Contest antreten. Schon in diesem Jahr hatte er zwei Einladungen erhalten.

Im Dezember war der 22-jährige Delmenhorster nach San Marino geflogen, um dort vor einer Jury zwei Songs zu performen. Vergangene Woche erfuhr er, dass es für eine weitere Runde nicht gereicht hat. Doch für mögliche Enttäuschung blieb keine Zeit. Noch am selben Tag erhielt er eine Nachricht aus der Ukraine.

ESC: Schiedsrichter aus Winsen in engere Auswahl gekommen

Hier wurde seine Bewerbung für einen Start als ESC-Kandidat mit 26 anderen aus insgesamt 284 Einreichungen ausgewählt. Einige der Auserwählten haben schon mehrere Singles veröffentlicht, oder sogar ganze Alben.

Wer den Namen Marvin Schories bei Google eingibt, stößt zunächst auf – Fußballvideos. Den Livestream zur Pressekonferenz in der Ukraine, bei der bekannt gegeben wurde, wer unter die Finalistinnen und Finalisten gekommen ist, schaute Schories am Montagmittag auf dem Weg zur Spätschicht. Sein Name fiel nicht. Acht andere Musiker wurden auf die Bühne gebeten. „Im nächsten Jahr versuche ich es wieder“, sagt Schories: Er habe es ja auch schon geahnt, wäre wohl sonst zur Pressekonferenz in die Ukraine bestellt worden. Bei Schories ist von der Aufregung der vergangenen Wochen nichts zu spüren.

Eigentlich studiert der Delmenhorster an der Polizeiakademie in Hannoversch-Münden. Noch bis März ist er im Winsener Polizeikommissariat im Einsatz. Außerdem ist er stellvertretender Kreisschiedsrichterobmann und bildet auch Schiedsrichter aus. Wie er dann auch noch Musik in seinem Alltag unterbringe? Er möge die Auslastung, sagt Schories. Ein freier Tag pro Woche genüge ihm. „Allerdings braucht mein Alltag eine gute Strukturierung“, fügt er hinzu. Seine Tätigkeit als Schiedsrichter habe er aktuell aber zurückgestellt. Das Risiko, sich mit dem Corona-Virus anzustecken oder es zu verbreiten, sei ihm zu groß. Da müsse der Spaß dran glauben.

Musik begleitet Schories schon seit seiner Kindheit. Beide Eltern sind Musiker, seine Mutter, eine Percussionistin, stand noch hochschwanger auf der Bühne. Schories Vater ist Gitarrist und spielt mit seiner Coverband auf Volksfesten und Hochzeiten. Zu Hause in Delmenhorst, wo Schories auch aktuell wohnt, um seine praktische Phase in Winsen absolvieren zu können, hat die Familie ein eigenes Tonstudio im Keller. Und ab und zu spielen alle drei gemeinsam ein Spiel: Jeder zieht ein Thema und schreibt hierzu in vorgegebener Zeit einen Song. Einmal zog Schories das Thema Sturm – so entstand einer der beiden Titel, die er im Dezember mit Gitarre in San Marino vortrug, ein Lied über Sorgen und das Fehlen einer Person.

Singer-Songwriter ist großer Fan des Eurovision Song Contests

Mehr möchte der Singer-Songwriter, der meist auf Englisch singt, aktuell nicht verraten. Der zweite Song, den Schories in San Marino präsentiert hatte, wurde von drei irischen Songwritern verfasst und bereits 2018 beim ESC performt. Doch wie kommt man als Singer-Songwriter aus dem deutschen Norden überhaupt unter die ESC-Kandidatinnen und -Kandidaten für Länder wie San Marino oder die Ukraine? Schories Erklärung ist einfach: Als Fan des Eurovision Song Contests bewarb er sich für die Länder, deren Zulassungsvoraussetzungen passten, insgesamt fünf. 2021 kam er auf diese Weise in die Vorauswahl für Belarus.

Dem 22-Jährigen gefällt die Idee, europäische Werte mit Musik zu zelebrieren, einer europäischen Einheit trotz der Diversität der Länder Ausdruck zu verleihen. Zu einer Bewerbung gehört wohl aber auch eine große Portion Mut. In der Vorauswahl für die Ukraine war Schories etwa zusammen mit der Musikerin Alina Pash, die kürzlich den Music Moves Europe Award gewonnen hat – auf Instagram folgen der Ukrainerin 64.500 Follower. „Thisisschor“, so heißt Marvin Schories auf der Social Media Plattform, folgen 456 Nutzer.

Woher er diesen Mut nehme? „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, antwortet Schories. Er habe sich aber – auch im vergangenen Jahr – schon Gedanken darüber gemacht, wie er sich als Vertreter eines Landes wie Belarus oder der Ukraine aufgrund der aktuellen politischen Lage verhalte. 2019 war die Ukraine am Ende nicht angetreten, weil die Sängerin, die die Vorauswahl gewonnen hatte, sich weigerte, die Forderungen der ukrainischen Rundfunkanstalt UA:PBC einzuhalten. Sie sollte unter anderem keine Auftritte in Russland mehr wahrnehmen und auf Improvisation verzichten.

Auch bei vorigen Wettbewerben war der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine schon zum Thema geworden. „Politik spielt überall eine Rolle, auch im Fußball übrigens“, sagt Schories. Erfolg hatte die Ukraine beim ESC schon öfter: 2004 und 2016 gewann sie und zweimal wurde das Land schon Zweiter. Im kommenden Jahr will Schories mit dem Lied „Storm“ noch einmal antreten. Aber bevor es so weit ist, hat er ein weiteres Projekt als Musiker geplant. Gemeinsam mit seinen Eltern will er im Keller eine EP mit vier oder fünf Titeln aufnehmen. Ob auch Liveauftritte hierzulande drin seien? Wenn Corona es zulasse, in jedem Fall, sagt Schories.