Pandemie

Beispiel Buchholz: Was Corona für Krankenhäuser bedeutet

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Rolf Zamponi
Intensivstation Buchholz: Chefarzt Wolfgang Thoms und Sonja Kirchhoff, die Pflegeleiterin der Station

Intensivstation Buchholz: Chefarzt Wolfgang Thoms und Sonja Kirchhoff, die Pflegeleiterin der Station

Foto: Krankenhaus Buchholz

Mehr als 300 Corona-Patienten in diesem Jahr. Kliniken erwarten Ansturm und haben gleichzeitig viele Mitarbeiter verloren.

Buchholz. Fieber, Husten, Atemnot. Mit solchen Symptome beginnt es. Eine Krankenhausstation, Sauerstoff erst einmal über eine Nasensonde. Aber die Zufuhr reicht für den Patienten nicht aus. Also Intensivstation: Sauerstoff über eine High Flow Brille, die relativ bequem sitzt oder dann doch über eine Maske, die jeden Atemzug unterstützt. Bauchlage. Schließlich ein künstliches Koma und ein Schlauch durch die Luftröhre zur Lunge.

„Wird es noch schlechter, nehmen wir Kontakt zum Universitätsklinikum Eppendorf auf, das Herz-Lungen-Maschinen einsetzen kann“, sagt Wolfgang Thoms, Chefarzt für die Intensivstation und die Narkose-Abteilung im Krankenhaus Buchholz. Sein Team kämpft da längst mit Medikamenten wie Cortison und neuen Corona-Medikamenten gegen das Virus, setzt die Computertomographie ein, röntgt den Patienten. Ihm oder ihr drohen nun bakterielle Infektion bis zur Blutvergiftung, Adrenalin soll Blutdruck und Kreislauf stabilisieren. Das heimtückische Corona-Virus und seine Mutationen kennen keine Gnade.

Chefarzt: „Es ist die Ruhe vor dem Sturm.“

Bis Ende Oktober mussten in diesem Jahr 172 Menschen mit dem Covid-19 Virus in das Buchholzer Krankenhaus eingeliefert werden. Im zweiten Krankenhaus des Kreises in Winsen waren es 155. „Von ihnen landen 15 bis 20 Prozent auf den Intensivstationen. Zehn Prozent sterben“, sagt der Ärztliche Direktor des Buchholzer Krankenhauses, Christian Pott. Von den Intubierten im künstlichen Koma schafft es nur die Hälfte, die anderen, oft mit geschwächten Immunsystem oder Vorerkrankungen, sterben.

Noch ist die Situation in den beiden Häusern im Landkreis Harburg überschaubar. In Buchholz und Winsen gibt es jeweils drei Fälle mit Corona. Jeweils einer davon liegt auf den beiden Intensivstationen. In der Nacht zum Freitag kam der erste Patient aus Bayern nach Buchholz. Ihn hatte die Bundeswehr über Hamburg eingeflogen. Die Kliniken helfen den Kollegen im Süden. „Es ist die Ruhe vor dem Sturm“, sagt Chefarzt Thoms. Denn die hohen Infektionszahlen bedeuten, dass die Infizierten etwa 14 Tagen später in den Krankenhäusern landen.

Dann kann es schnell eng werden. Denn ein Intensiv-Patient braucht die doppelte Zeit an Zuwendung und Pflege wie ein anderer: Schutzanzug und Maske überziehen, mit vier Pflegern die Menschen in Bauchlage bringen und dabei aufpassen, dass der Schlauch zur Lunge nicht verrutscht. Knochenarbeit unter hoher Anspannung. „Bei vier bis fünf solcher Patienten müssten wir den Normalbetrieb auf anderen Stationen einschränken, weil wir das Personal im Intensivbereich brauchen“, sagt Direktor Pott. Immerhin: Während der vierten Welle mussten noch keine geplanten Operation verschoben werden.

Erhebung wer von den Ärzten und Pflegepersonal geimpft ist

Doch vor allem beim Pflegepersonal unter den 1200 Mitarbeitern in Buchholz ist die Angst zu spüren, so die stellvertretende Betriebsratschefin Kerstin Laß. „Die Mitarbeiter fürchten, das sie sich trotz der Impfungen anstecken können und sind genervt von der harten Arbeit und über die unklaren Angaben der Politik“, sagt Laß. Ungeimpfte Mitarbeiter fühlten sich zudem ungerecht behandelt, weil sie jetzt jeden Tag getestet werden müssen. Wie viele das sind, soll bald klar sein. Hintergrund: Das Krankenhaus ist jetzt per Testverordnung angewiesen, den Impfstatus der Belegschaft zu ermitteln. „Wir rechnen bei der Ärzten mit fast 100, in der Pflege mit um die 90 Prozent“, sagt Pott.

Der Impfschutz vor Corona hat auch in Buchholz nicht ausgereicht, um neun Abwanderungen aus dem 24-köpfigen Team der Intensivstation seit März 2020 zu verhindern. Fünf Stellen sind wieder besetzt, Zeitarbeiter füllen derzeit die Lücke komplett. „Gerade auf den Intensiv-Stationen stellen Pfleger und Ärzte ihren Beruf in Frage“, sagt Chefarzt Thoms. Sie glauben, auf Dauer nicht mit den Anstrengungen zurecht zu kommen. Thoms nennt das „tragisch.“ Denn medizinisches Personal war auch schon vor der Corona-Pandemie erheblich knapp. „Durch das Virus ist der Pflegenotstand noch einmal bewusst geworden, weil zusätzliches Personal notwendig ist“, sagt Ulla Lüdicke aus der Bereichsleitung der Chirurgischen Station, die den Mangel täglich managen muss.

Das Stammpersonal wird immer härter gefordert

Im Drei-Schichten-Alltag kommt das Stammpersonal dabei immer stärker unter Druck. Da ist der Trend zur Zeitarbeit. Mitarbeiter wechseln in solche Firmen und können dann die von ihnen angebotenen Arbeitszeiten festlegen. Schichten in der Nacht oder an den Wochenende lassen sich ausschließen. „Diese Schichten bleiben an den Festangestellten hängen“, so Lüdicke. Die müssen sich, seit die Besuchsregelungen wieder strenger werden (Abendblatt berichtete) zudem mit hunderten von Anrufern auseinander setzen. „Sagen Sie, wie geht’s meiner Frau ?“

Selbst die vom Krankenhaus angeworbene Mitarbeiter, die auf den Philippinen studiert haben, müssen zunächst ähnlich wie Auszubildende eingearbeitet werden. Denn auf den Inseln in Südostasien ist es üblich, dass die Familien der Erkrankten pflegen und für sie Essen zubereiten. „Unseren Arbeitsalltag müssen diese Mitarbeiter erst kennen lernen“, sagt Lüdicke. Für Buchholz gibt es zwar Praxisanleiter. „Aber die“, seufzt Lüdicke, „versinken im Schichtdienst.“

Trend zur kürzeren Arbeitszeit bei jungen Beschäftigten

Das Einarbeiten müsse deshalb flott gehen, erklärt die Pflegebereichsleiterin. Zudem sei der Einsatz von Pflegehelfern, die mit zwei Jahren eine verkürzte Ausbildung absolviert haben, oft nicht möglich, selbst wenn ihre Qualifikation ausreiche. Das verbieten strenge Regeln für die Besetzung der Stationen.

Knapp wird es im Kampf gegen Corona aber auch, weil nachrückende Kräfte häufig andere Vorstellungen von ihrem Arbeitsleben haben. „Viele Pfleger und Junge Ärzte reduzieren rasch die Arbeitszeit von 38,5 Wochenstunden beispielsweise um ein Viertel“, sagt Christian Ludewigs, der stellvertretende Leiter der internistisch neurologischen Aufnahmestation. Die Work-Live-Balance, also ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit, erhält einen höheren Stellenwert. Nur: Die Stunden fehlen Ludewigs, um die Arbeit auf der Station zu schaffen.

Psychologin hilft, wenn Frust und Belastung zu viel werden

Krankenhaus-Geschäftsführer Norbert Böttcher zahlt inzwischen außertarifliche Prämien, wenn Mitarbeiter „aus dem Frei“ geholt werden müssen. Das bedeutet, dass sie angerufen und höflich gebeten werden, entgegen der Planungen zum Dienst zu kommen. Zudem wurde Anfang 2020 eine zusätzliche halbe Stelle für eine Psychologin geschaffen. Die steht bereit, wenn Frust und Belastungen über die offenbar nicht enden wollende Pandemie für Mitarbeiter zu viel werden. „Das wird gut angenommen. Es hat sich sogar eine Gruppe von vier bis fünf Personen gebildet, die sich mit der Psychologin austauschen. Das finde ich großartig“, sagt Chefarzt Thoms.

„Sicher müssen wir allgemein die Gehaltsstrukturen anpassen, um mehr Fachleute zu bekommen“, räumt Christian Pott ein. „Aber finanzielle Zuschläge sind nicht alles“, glaubt der Ärztliche Direktor. Es komme vielmehr darauf an, dass mehr Ausbildungsplätze geschaffen und das medizinische Personal stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen und wertgeschätzt werde. Ein gutes Arbeitsklima müsse die harte Arbeit aufwiegen. „Dafür tun wir alles,“ versichert Krankenhaus-Chef Böttcher.

Böttcher und die gut 2000 Mitarbeiter in den Krankenhäusern in Buchholz und Winsen hoffen derweil, dass der erwartete Patientenansturm in den nächsten Wochen nicht zu einem Orkan wird.