Corona Hamburg

Gastronomen klagen: Viele Firmen stornieren Weihnachtsfeiern

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Leeres Tablett, keeres Lokal: Auch Helms-Lounge-Teilhaber Nahim Sharif ist ausgerechnet in der Adventszeit von Absagen geplagt.

Leeres Tablett, keeres Lokal: Auch Helms-Lounge-Teilhaber Nahim Sharif ist ausgerechnet in der Adventszeit von Absagen geplagt.

Foto: Lars Hansen / xl

Große Sorge vor schärferen Corona-Regeln, dabei hagelt es schon jetzt Absagen. Einige erheben eine Gebühr, andere wollen schließen.

Harburg/Lüneburg/Buxtehude. Kurz vor Weihnachten macht das Corona-Virus den Gastronomen das Geschäft, vor allem mit größeren Weihnachtsfeiern zunichte. „Inzwischen sind bis zu 90 Prozent der Weihnachtsfeiern storniert“, sagte Heinz-Georg Frieling, der Geschäftsführer des Bezirksverbandes des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) dem Abendblatt. „Von der sehr guten Buchungslage für Dezember bleibt nichts übrig.“ Der Verband mit Sitz in Lüneburg vertritt zehn niedersächsische Landkreise, zu denen auch der Landkreis Harburg zählt.

Wie und ob das Weihnachtsfest auch von Familien und Freunden überhaupt in Restaurants gefeiert werden kann, ist offen. Denn bei den steigenden Infektionszahlen erwartet Frieling für Anfang kommender Woche die Warnstufe 2. Das bedeutet, dass in Räumen Genesene und Geimpfte zudem einen Test vorlegen müssten. Draußen würden dann nur noch Genesen und Geimpfte Zugang haben. Wie die Gäste darauf reagieren, lässt sich schwer abschätzen. Für die Gastronomen sind die Weihnachtszeit und die Wochen davor aber überaus wichtig. Geschäftsführer Frieling schätzt, dass die Unternehmen je nach Zuschnitt in diesen Zeitraum bis zu 20 Prozent des Jahresumsatzes erzielen.

Weihnachtsfeiern werden wegen Corona abgesagt

Betroffen von der Weihnachtsfeier-Absage-Welle ist auch das Restaurant „Leuchtturm“ am Außenmühlenteich im Harburger Stadtpark. „Mir sind gerade einige mittelgroße Feiern weggebrochen“, sagt Inhaber und Küchenchef Frank Wiechern. „Das ist ärgerlich und spürbar, aber es ist noch nicht existenzbedrohend.“ Wiechern ist etwas gelassener als andere Kollegen, weil die Weihnachtszeit bei ihm nicht ein so großes Schwergewicht im Jahresumsatz ist, wie bei vielen weiteren Gastronomen. „Wir sind mit der Sommerterrasse, Caterings, Familienfeiern und unserem guten à-la-carte-Ruf ganzjährig breit aufgestellt und gebucht“, sagt er. „Aber natürlich setzen solche Absagewellen die Corona-Einbußen fort.“

Nahim Sharif, Mit-Inhaber der „Helms-Lounge“ in Harburg ist durch Weihnachtsfeier-Absagen sehr getroffen. Nicht nur brechen ihm die Firmen- und Vereinsfeiern weg, die bei ihm direkt gebucht waren, er muss auch um die Gäste fürchten, die ihm Museums- und Theaterveranstaltungen bescheren. So hat ein großer Hamburger Industriebetrieb gerade seine Kinder-Weihnachtsfeiern mit vier Vorstellungen des Weihnachtsmärchens abgesagt. Für die Helms-Lounge wären das 1.200 Snack-Pauschalen gewesen. Jede einzelne ein geringer Betrag, in der Summe aber gewichtig. „Außerdem haben bei uns direkt allein in dieser Woche vier große Gesellschaften abgesagt. Wir müssen sehen wie das weitergeht. Irgendetwas muss geschehen.“

Traditionelles Büffet am 1. Weihnachtstag ist dank Stammkunden ausverkauft

Ungeimpfte, Menschen, die fürchten sich anzustecken und solche, die als Gäste nicht mehr zu einem 75. Geburtstag kommen wollen: Viele Absagen muss Hans-Peter Ebeling vom Landgasthof zum Estetal in Kakenstorf hinnehmen. Das traditionelle Büffet am 1. Weihnachtstag ist dank Stammkunden ausverkauft. „Die haben mit schon bei der Bestellung geschrieben, dass sie zwei Mal geimpft sind“, sagt Ebeling. Zwei von vier Impfgegnern aus seinem Umfeld hat sogar selbst umgestimmt, den Piks zu machen.

Vor allem größere Feiern ab 20 Personen wurden bei Jürgen Niehoff vom Gasthof Vossbur in Tangendorf abgesagt – von Firmen, von Privat und Menschen, die größer Geburtstag feiern wollten. Jetzt schaut Niehoff besorgt darauf, ob die Warnstufe 2 mit zusätzlichen Tests kommt. „Wird es für diesen Fall ausreichend Testmöglichkeiten geben?“, fragt der Inhaber, der auch stellvertretender Vorsitzender der Dehoga im Kreis Harburg ist. Am 22. Dezember könnte das Land erneut neue Regeln vorlegen. Da bleibe kaum mehr Zeit, die Gäste zu informieren. Niehoff denkt noch über eine Weihnachtszeit-Strategie nach.

Marktstraße in Winsen auf 40 Meter verschwenkt

Das Weißes Ross in Winsen: Auch hier eine Absagewelle vor allem von größeren Treffen. Als Antwort darauf wurde der Außenbereich vergrößert, dafür 40 Meter der Marktstraße in der Innenstadt verschwenkt und mit Tischen versehen. Besucher erhalten bei ihrer Bestellung kontrolliert ein farbiges Bändchen, so dass klar ist, dass sie die derzeit noch gültige 3-G-Regel für die Außengastronomie einhalten. Bis Heiligabend ist noch offen. Dann ist eine Woche geschlossen. „Meine Mitarbeiter sollen sich erholen. Sie hatten eine harte Zeit“, sagt Chef Tomas Stana.

Hotel zur Eiche und Restaurant Henry’s, Buchholz: „Wir haben 50 Prozent Absagen für Weihnachtsfeiern und rechnen damit, dass weitere folgen“, sagt Chefin Christine Buchholz. Als Angebot kann man bei Henry’s jetzt eine von vier verschiedenen Boxen bestellen, in denen das Essen vakuumverpackt ist, nebst Anleitung für die Zubereitung. „Sie eignen sich für Firmen, die sie ihren Mitarbeitern statt einer Feier schenken können.“ Wer zu Weihnachten im Restaurant eine Gans gebucht hat und nun doch noch ein oder zwei Tag vorher absagt, muss mit einer Stornogebühr rechnen. Alternative: Die fertig zubereitete Gans abholen und sie zu Hause essen.

Mitarbeitern droht wieder ein Zwangsurlaub

Stornierungen von angemeldeten Weihnachtsfeiern sind bei Geschäftsführer Maik Schumanns, der das Traditionsgasthaus Horster Mühlein Seevetal gemeinsam mit seinem Bruder betreibt, bereits zahlreich eingegangen. Schumanns erwartet weitere Anrufe. Sollte aufgrund einer höherer Hospitalisierungsrate demnächst die Warnstufe 2 und damit 2G plus gelten, wird die Horster Mühle wahrscheinlich wieder geschlossen. Die Mitarbeiter würden erneut in den Zwangsurlaub geschickt, sagt Schumanns. „Der Restaurantbetrieb ist mit 2G plus kaum aufrecht zu erhalten. Hier auf dem Land gibt es nicht so viele Testzentren und die wenigen, zum Beispiel in Apotheken, schließen früh. Auch am Sonntag ist es aufwendig, einen Test zu organisieren.“ Für die Maßnahmen habe er Verständnis, betont der Restaurantchef. Sein Unverständnis gilt dagegen denen, die nicht geimpft sind.

In Winsen haben sich inzwischen viele verunsicherte Gäste der Brasserie am Schloss mit Nachfragen gemeldet. Sie wollten sich vergewissern, dass ihr Besuch noch wie geplant möglich sei, sagt eine Mitarbeiterin. Ein größere Feier sei abgesagt worden, davon abgesehen hielten sich die Gäste zuletzt zurück mit Stornierungen. In dem Restaurant galt bereits vor der neuen Landesverordnung die 2G-Regel. Ohne entsprechenden Nachweis käme niemand in die Brasserie, so die Restaurantfachfrau.

Firmen mit internationalen Gästen haben Veranstaltungen schon gestrichen

In Lüneburg sind vor allem größere Weihnachtsfeiern betroffen. „Große Firmen mit internationalen Gästen haben ihre Veranstaltungen schon gestrichen“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Lasse Czyrnek vom Brauhaus Mälzerin Lüneburg. So habe eine geschlossene Gesellschaft mit rund 200 Teilnehmern bereits abgesagt, für eine weitere erwartet er die Stornierung. „Es trudeln immer mehr Absagen rein“, sagt Czyrnek. Wenn kleinere Gruppen jetzt absagten, allerdings zumeist aus Krankheitsgründen. „Die Wochenenden sind noch gut ausgebucht.“ Dies liegt wohl auch an den Räumlichkeiten, im Mälzer gibt es mehrere kleine und mittelgroße Räume für 20 bis 30 Gäste, die verschlossen werden können. Die Test-Möglichkeit sei jedoch kaum genutzt worden, sagt Czyrnek. „99 Prozent unserer Gäste sind geimpft oder genesen.“

Restaurant Lim’s in Buchholz: Für die Gastronomen, Malena, Nicholas und Allan Lim sind die steigenden Infektionszahlen und die damit verbundenen Einschränkungen ein harter Schlag. „Die Zahl der abgesagten Weihnachtsfeiern wird täglich mehr“, sagt Betreiber Allan Lim. Damit breche aktuell rund ein Viertel seiner gebuchten Veranstaltungen weg.

Unternehmen sorgen sich, dass sich ganze Belegschaften anstecken

„Die Firmen sagen die Feiern ab, aus Sorge, dass sich dann gleich eine ganze Belegschaft infizieren und ausfallen könnte“, berichtet er. Doch nicht nur Unternehmen sagen ihre Veranstaltungen ab. „Auch private Feiern wie Geburtstage werden zurückgezogen“, so der Gastronom. Schlimmer aber noch sei, dass auch das Tagesgeschäft zunehmend wegbricht.

„Schon jetzt kommen täglich weniger Gäste, weil sie Angst vor einer möglichen Ansteckung haben“, sagt Allan Lim, der befürchtet, dass die Situation für die Gastronomie noch schwieriger wird. „Wenn 2G plus

kommt, wird es richtig eng“, fürchtet er. „Das ist für die Gastronomie bedrohlicher als ein Lockdown. Denn wer ist schon bereit, sich für einen Mittagstisch schnell testen zu lassen?“

Restaurant-Bar Voi und die Café-Bar Ma Vie in Buxtehude: „Bisher wurden nur kleinere Feiern storniert. Aus Vorsicht haben wir größere Events gar nicht erst angenommen, weil wir damit gerechnet haben, dass sie womöglich nicht stattfinden können“, sagt Betreiber Hasan Celik dagegen. „Das Voi ist mehr Restaurant, da hatten wir viele Anfragen, vor allem von kleineren Betrieben. Ins Ma Vie geht man dann eher nach dem Essen. Einige Firmen hatten angesichts der Lage kurzfristig umgeplant, ihre Weihnachtsfeier vorverlegt und schon in den vergangenen Wochen gefeiert.“

Nach wie vor plant Celik eine Silvesterfeier. Karten verkauft er noch nicht, sondern erst ein paar Tage vor der Jahreswende. Wenn die Pandemie es denn zulässt.

( let, rz, xl, hk, hil )