Ausflugstipp

Im Alten Land steht eine der letzten noch betriebenen Mühlen

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Martina Berliner
Die Twielenflether Mühle von außen: Die Dachhaube wurde im vergangenen Jahr neu aufgesetzt. 

Die Twielenflether Mühle von außen: Die Dachhaube wurde im vergangenen Jahr neu aufgesetzt. 

Foto: Martina Berliner

In Twielenfleth steht die "Freundin des Windes". Sie wird noch gewerblich genutzt - eine Seltenheit. Der Besuch ist ein Erlebnis.

Twielenfleth.  Twielenfleth liegt gleich hinter dem Elbdeich. Das Dorf besteht aus einer hübschen Kirche, geduckten Backsteinhäusern, schmucken Obsthöfen und Apfelplantagen. Ein für das Alte Land typischer Ort. Was ihn besonders macht, ist ein prächtiger Galerie-Holländer. „Venti Amica“ steht an der Dachhaube – Freundin des Windes.

Die alte Mühle, erbaut 1848, macht ihrem Namen bis heute alle Ehre. Wenn es bläst, drehen sich ihre Flügel, treiben über einen komplexen Mechanismus von Wellen, Zahnrädern und Spindel die Mühlsteine an. Venti Amica ist Bau- und Kultur-Denkmal sowie Gewerbebetrieb zugleich. Das ist einzigartig im Alten Land und selten in Niedersachsen. Gerade mal drei weitere ihrer Art soll es geben, zwei in Ostfriesland, eine in Bardowick. Während der Öffnungszeiten ist die Twielenflether Rarität nach Absprache zu besichtigen.

Auch ohne rotierende Flügel ist die Mühle ein imposantes Gebäude

Bei unserem Besuch herrscht Flaute. Das Flügelkreuz steht still. Und zwar senkrecht. Die sogenannte „Feierabendschere“ signalisiert eine längere Arbeitspause, das haben wir beim Studium der Homepage www.windmuehle-hollern-twielenfleth.de bereits erfahren. Auch ohne rotierende Flügel ist die Mühle ein imposantes Gebäude, 24 Meter hoch. Ein turmartiger Unterbau, durch acht vorspringende Pfeiler verstärkt, hebt sie aus dem Windschatten des Elbdeiches und der Obsthöfe.

Wir treten durch die verzierte Tür und stehen im Verkaufsraum. In Regalen reihen sich braune Papiertüten mit Backmischungen aus eigener Herstellung: Hein Noodts Swattbrodmehl, Hein Noodts Mierkurnbrod, Hein Noodts Fienbrodmehl, Hein Noodts Sünndachsstuten. Auch die Backanleitungen sind auf Plattdüütsch. Gerade haben wir Hein Noodts Meisenfutter entdeckt, als der Müllermeister selbst erscheint. Hein Noodt ist Eigentümer in fünfter Generation, 74 Jahre ist er alt. Seit langem hat er die Mühle verpachtet. Trotzdem arbeitet er noch jeden Tag hier. Venti Amica ist und bleibt sein Leben.

Mehlsäcke gelangen über Holzrutsche ins Erdgeschoss – manchmal auch Kinder

Bevor er sich uns widmet, stapelt er noch Getreidesäcke auf ein Brett, befestigt den Stapel an einem Flaschenzug, der durch ein Loch in der hölzernen Decke nach oben führt. Dann, sichtlich unzufrieden, sein Tun unterbrechen zu müssen, geleitet er uns über eine knarzende Treppe mit ausgetretenen Stufen auf den ersten Boden, wo massenhaft Mehlsäcke auf ihren Transport ins Erdgeschoss warten. Dafür gibt es eine Holzrutsche. Ob da wohl auch mal Kinder rutschen dürften, fragen wir, um das beklommene Schweigen zu brechen.

„Na klar, Kinder bis 80“, antwortet der Meister und schwingt sich mit einer einzigen eleganten Bewegung durchs enge Loch im Boden. Als er Sekunden später wieder die Treppe herauf kommt und in verblüffte Gesichter schaut, umspielt erstmals ein feines Lächeln seinen Mund. „So geht es schneller.“ Während wir über zunehmend steile und schmale Stiegen von Boden zu Boden klettern, erfahren wir, dass die Mühle ab Windstärke drei läuft, bei fünf ideale Bedingungen herrschen. Dass die Stellung der Jalousien in den Flügeln den Winddruck regelt. Dass die Feinheit des Mahlguts je nach Drehgeschwindigkeit variiert und das Schrot deshalb in einer Maschine mit Welle durchmischt wird. Dass beim Mahlen zwischen Steinen kaum Wärme entsteht und die Aromen deshalb besser erhalten bleiben als bei anderen Mahlwerken, die Luftkühlung brauchen.

Zwischen Mühlsteinen gemahlenes Mehl schmeckt besser und ist gesünder

Zwischen Mühlsteinen gemahlenes Mehl schmecke besser und sei auch gesünder, meint der Müller. Weil aber ausschließlich windgetriebene Mühlen schon vor weit mehr als einhundert Jahren nicht mehr profitabel gewesen seien, beherberge auch Venti Amica bereits seit dem 19. Jahrhundert zusätzlich andere Mahlwerke. „Schon mein Urgroßvater hat eine Dampfmaschine für eine Hammermühle angeschafft.“ Später folgte ein Gasmotor, dann ein Sauggasmotor. „Mein Großvater betrieb Hammer- und Quetschmühle mit Dieselmotor. Im zweiten Weltkrieg musste er zwangsweise auf Elektroantrieb umstellen, weil die Wehrmacht den Diesel beanspruchte.“

Obwohl die Mühle auch rein elektrisch arbeiten könnte, wird in Twielenfleth alles dafür getan, den traditionellen Windbetrieb aufrecht zu erhalten. Als wir, der kettenrauchende Hein mit katzenhafter Geschmeidigkeit immer vorweg, den sechsten Boden erreicht haben, streichelt er liebevoll über das Korbrad, in dessen Speichen die Zähne des Kammrades greifen. Damit sie leicht laufen, hält er sie mit Bienenwachs glatt. Beide Räder sind erst kürzlich restauriert worden. Denn 2017 waren die Flügel, die Rutenwelle und weitere Mühlentechnik durch Sturm-Böen bis zu Stärke zwölf zerstört worden. Die Dachhaube lagerte drei Jahre lang auf dem Boden, bevor sie im August vergangenen Jahres neu aufgesetzt werden konnte.

2017 wurden Flügel, Rutenwelle und weitere Technik durch Sturm-Böen zerstört

Dass das Kapital für Venti Amicas Rettung zusammen kam, ist vor allem dem Engagement des örtlichen Mühlenvereins zu verdanken. „Als Privatperson könnte ich ja keine Fördermittel beantragen“, sagt Noodt. Und versichert ist das Gebäude auch nicht mehr. Denn Versicherungen seien entweder unbezahlbar oder würden gar nicht mehr angeboten, weil das Risiko zu hoch sei – gerade in Zeiten des Klimawandels mit häufigen Extremwetterereignissen.

Der seit 2009 existierende Mühlenverein – Anlass für die Gründung war ein verheerender Sturmschaden in jenem Jahr – hatte nach dem Unglück 2017 mehr als 170.000 Euro an Spenden und Fördermitteln eingeworben. Die Mühle läuft wieder, aber es gibt neue Sorgen. Auf dem Weg nach unten zeigt uns der Müller, dass die metallene Eindeckung undicht ist. An den Schraublöchern sickert Regenwasser durch und hat insbesondere auf der Wetterseite die hölzerne Unterlattung geschwärzt.

Für das einstige Reetdach war die damalige Dampfmaschine zu gefährlich

Ursprünglich war Venti Amica mit Reet gedeckt. Aber das nahm schon Urgroßvater Noodt ab, wegen der Brandgefahr durch Funkenflug beim Betrieb der damaligen Dampfmaschine. Zurück auf dem ersten Boden, erklärt Hein Noodt, dass er nun aber wirklich weiter arbeiten müsse und greift zum Seil des Flaschenzugs. In Windeseile hievt er die Getreidesäcke nach oben, die er eingangs gebündelt hat. Jeder Griff sitzt. Viele weitere Säcke werden folgen müssen, damit morgen wieder gemahlen werden kann. Wir stecken einen Geldschein in die Spendenkiste und nehmen die Rutsche nach unten. Hui! Zweifach gewendelt! Wir verlassen die Freundin des Windes mit einem Lächeln auf den Lippen.

Blick in die Geschichte bis zurück ins 14. Jahrhundert

Bereits 1331 stand in Twielenfleth am selben Standort eine Bockwindmühle. Sie wurde 1818 bei einem Sturm umgeweht, der Müller starb dabei. Eine neu erbaute Holländer Mühle brannte 1847 bis auf die Grundmauern ab. Ein Jahr später wurde der etwa 24 Meter hohe Galerie-Holländer in der heutigen Form errichtet.

Instandhaltungsmaßnahmen am Mühlengebäude und den technischen Einrichtungen werden durch Mitgliedsbeiträge des Mühlenvereins und Spenden finanziert. Weitere Informationen dazu finden sich unter windmuehle-hollern-twielenfleth.de.

Venti Amica in Twielenfleth, Mühlenstraße 16, hat montags bis freitags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Besichtigungen sind während dieser Zeit nach Absprache möglich, Telefon: 04141/768 18. Betreut werden die Führungen von Rolf Dammann, stellvertretender Vorsitzender des Mühlenvereins, Pächter Volkmar Dinglinger oder von Müllermeister Hein Noodt.