Prozessauftakt

Mann aus Neu Wulmstorf filmt Missbrauch der Tochter

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Axel Tiedemann
Die Videos mit den Missbrauchsfällen an der eigenen Tochter fanden Polizeibeamte auf dem Computer bei einer Hausdurchsuchung.

Die Videos mit den Missbrauchsfällen an der eigenen Tochter fanden Polizeibeamte auf dem Computer bei einer Hausdurchsuchung.

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Der Angeklagte gesteht vor Gericht die Tat. Die Videos, die auf einem Computer entdeckt wurden, sollen nun den Schöffen gezeigt werden.

Neu Wulmstorf/Stade.  Der eher kleinere Mann mit dem grauen Kurzhaarschnitt wirkt nervös, die Kapuze seines blauen Sweatshirts hat er zunächst tief über das Gesicht gezogen, als er von den Justizbeamten in Handschellen in den Saal 209 des Stader Landgerichts geführt wird.

Immer wieder nimmt er die Brille ab, setzt sie erneut auf, wischt sich über die Augen, während der Staatsanwalt zu Beginn der Hauptverhandlung vor der 2. Großen Strafkammer an diesem Mittwoch die Anklage verliest.

Computer-Spezialist muss sich vor Gericht verantworten

Insgesamt vier Verhandlungstage hat die Kammer zunächst angesetzt. Der 51-jährige Computer-Spezialist aus Neu Wulmstorf muss sich dabei wegen des Vorwurfs des „schweren sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen“ verantworten. Er sitzt zurzeit in Untersuchungshaft. Insgesamt zwölf Taten werden ihm vorgeworfen, die er von September 2020 bis März 2021 in Neu Wulmstorf begangen haben soll.

Bei dem Opfer handelt sich laut Anklage um ein zur Tatzeit achtjähriges Mädchen – seine eigene Tochter, die zeitweise bei ihm lebte. Verstörend detailliert schildert der Staatsanwalt zum Prozessbeginn aus der Aktenlage die einzelnen sexuellen Handlungen und Tatzeiten, die offensichtlich gut dokumentiert sind, weil es davon Videoaufnahmen und Fotos gibt, die der Angeklagte mit einem Stativ selbst aufgenommen haben soll. Während der nächsten Verhandlungstage sollen die Aufnahmen im Gericht möglicherweise gezeigt werden, hieß es während der Verhandlung.

Polizisten finden Darstellungen bei der Hausdurchsuchung

„Das ist unverzichtbar, damit die Schöffen einen Eindruck davon bekommen“, argumentiert die Vertreterin der Nebenklage, die Hamburger Rechtsanwältin Claudia Krüger.

Die Videos mit den Missbrauchsfällen an der eigenen Tochter hatten Polizeibeamte nach Darstellung der Anwältin auf dem Computer bei einer Hausdurchsuchung bei ihm entdeckt. Die Durchsuchung soll dabei in Zusammenhang mit Kinderpornos gestanden haben, die zuvor in Hannover bei einer Razzia sichergestellt worden waren.

Dabei waren die Fahnder offenbar auch auf die Adresse des Neu Wulmstorfers gestoßen. Gleich zu Beginn der Hauptverhandlung räumt der Angeklagte die dokumentierten zwölf Fälle ein. Er bekenne sich schuldig, sagt er, ohne sich zunächst zu Einzelheiten zu äußeren, „Ich bereue zutiefst meine Taten und kann den Umfang des Leids nur erahnen, das ich meiner Tochter angetan habe“, liest er aus seiner schriftlichen Erklärung vor.

Er stelle sich nun auf eine längere Haftstrafe ein und werde sich danach von seiner Tochter fernhalten. Zudem werde er 5000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Anhörung des Mädchens soll es nicht geben

Angesichts des Geständnisses stellt sich für das Gericht schließlich die Frage, ob das Opfer im Verlauf des Prozesses angehört werden müsse. „Manchmal macht es Sinn, das Kind zu hören, manchmal ist es gut für ein Kind, manchmal aber auch nicht“, sagt der Vorsitzende Richter Berend Appelkamp. Weil es sich hier um ein jüngeres Mädchen handele, könne er sich aber vorstellen, auf eine Anhörung zu verzichten.

Der Verteidiger des Angeklagten schließt sich dieser Meinung an, zumal sich sein Mandant geständig gezeigt habe. Rechtsanwältin Claudia Krüger, die die Tochter vertritt, plädiert indes für eine audiovisuelle Übertragung einer Anhörung aus einem anderen Raum, kann damit aber das Gericht nicht überzeugen. Die Befragung des Mädchens durch eine Ermittlungsrichterin im Vorfeld des Prozesses bezeichnet sie als „Katastrophe“ und nicht brauchbar, um zu verstehen, was geschehen sei.

Zudem wolle die Tochter „unbedingt“ aussagen und frage dazu fast täglich bei der Mutter nach, die inzwischen von dem Angeklagten geschieden ist, zur Tatzeit aber bereits in Trennung von ihm lebte. Es gebe eben viele Anzeichen, dass die jetzt zur Last gelegten und eingeräumten Taten „nur die Spitze eines Eisberges“ seien, mutmaßt die Hamburger Anwältin, die deshalb nun noch ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen den Angeklagten erreichen will.

Kommt das Urteil jetzt schon am 3. Dezember?

Wie er es geschafft hat, dass niemand Verdacht schöpfte und wie er seine Tochter dazu bringen konnte, dass auch sie schwieg gegenüber anderen, sollen nun Zeugenbefragungen klären. Von einer sehr manipulativen Vorgehensweise spricht Nebenklägerin Krüger.

Zur Befragung der Mutter wird die Öffentlichkeit jedoch ausgeschlossen. Am 25. November soll der Prozess nun fortgesetzt werden, möglicherweise könnte am 3. Dezember dann schon das Urteil gesprochen werden, vermutet Nebenklägerin Krüger.