Industriegeschichte

Wie Unternehmer die Stadt Lüneburg prägten

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Lena Thiele
Das Porträt zeigt Richard Brauer, Chef der Knochenleimfabrik um 1921.

Das Porträt zeigt Richard Brauer, Chef der Knochenleimfabrik um 1921.

Foto: Museum Lüneburg

Neue Abteilung im Museum gibt mit moderner Medientechnik Einblicke in die Lüneburger Industriegeschichte seit 1800.

Lüneburg. Um 1800 versammelte sich in Lüneburg regelmäßig eine Gruppe von Männern im Unternehmerclub der Stadt. Viele kommen aus dem Speditionsgeschäft, das lange Zeit vom Rohstoffreichtum der Region profitierte. Es ist eine Zeit des Umbruchs. Die Saline, bisher Herzader der Stadt, ist am Ende. Das weiße Gold geht zuneige. Die Spediteure erkennen, dass ihr Geschäftsmodell ein Auslaufmodell ist, etliche satteln um und steigen in die Produktion verschiedener Waren ein – Tapeten, Textilien, Spielzeug, Essig. Sie sind Pioniere der Lüneburger Industriegeschichte.

Die Jahre, die auf diesen Umbruch folgen werden, stehen im Mittelpunkt einer neuen Abteilung im Museum Lüneburg. Sie rückt in den Blick, wie sich die Wirtschafts- und Industriegeschichte der Stadt im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelt hat – und dies sowohl aus der Sicht der Unternehmer als auch aus der der Arbeiter in den Fabriken. Auch die große Standuhr aus dem Unternehmerclub ist Teil der Abteilung im Krüger-Bau von 1908, der damit wieder in die Museumsausstellung integriert wird. Ein Eröffnungstermin steht noch nicht fest.

Zusammen mit Planungsbüro wurden mehrere Medienstationen

Die Konzeption stellte die Mitarbeiter vor besondere Herausforderungen. Denn allein über die Ausstellungsobjekte – unter anderem Möbel aus Unternehmerhaushalten und in Lüneburg produzierte Industriewaren – ließ sich die Vielschichtigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung und deren Hintergründe nicht ausreichend vermitteln.

„Um dieses Thema den Menschen nahezubringen, muss man Geschichten erzählen“, sagt Ulfert Tschirner, Kurator für den Bereich Kultur. In Zusammenarbeit mit dem Planungsbüro Reunion Media aus Emden wurden mehrere Medienstationen entwickelt, um den Alltag der damaligen Unternehmer und Arbeiter anschaulich darzustellen. So wird es Videos und Tonaufnahmen geben sowie einen Medientisch mit einer Karte der Stadt, auf dem sich verschiedene Fabriken und die Eisenbahn emporheben.

Bis ins 19. Jahrhundert war das Rohstoffreichtum Lüneburgs ein wichtiger Standortvorteil, nicht nur das Salz machte die Stadt reich, auch der Kalkbruch brachte lange Zeit enorme Einnahmen. „Als die Ressourcen vor Ort langsam ausgeschöpft waren, verbesserte die Eisenbahn die Versorgung mit Rohstoffen“, berichtet Tschirner.

Besucher etwas über die Geschichte von Unternehmen

Das Medienkonzept hält einige Neuerungen bereit, die es so im Museum bisher nicht gegeben hat. Ein interaktives Buch liegt zum Blättern aus. Die Inhalte werden auf die Seiten projiziert, sodass der Eindruck entsteht, der Text würde in Echtzeit geschrieben. Auf diese Weise erfahren die Besucher mehr über die Geschichte von Unternehmen wie dem einst größten Eisenwerk Norddeutschlands, der Reichenbachschen Fassfabrik oder der Rosshaarspinnerei Leppien.

Per Smartphone oder Tablet, die auch ausgeliehen werden können, erscheint für die Besucher auf einem ausgestellten Sofa Elisabeth Tillmans, Erbin der Baustoffhandelsfamilie Scharff. Sie erzählt in einem Video von der bewegten Geschichte des Betriebs, der sein Stammhaus in Lüneburg 1832 eröffnete, und der dahinterstehenden Familie, die wichtige Firmenentscheidungen am Wohnzimmertisch fällte.

Mit Hilfe von „Augmented Reality“ – übersetzt: erweiterte Realität – wird die Geschichte einiger Unternehmerpersönlichkeiten fast lebendig. Ihre Porträts an einer Wand des Ausstellungsraums sind mit gesprochenen Texten unterlegt. So wirkt es, als sprächen die Menschen selbst zu den Besuchern, der Kurator spricht vom „Harry-Potter-Effekt“.

Die Monologe von Druckereiunternehmerin Dorette von Stern, Kalkbrennerei-Inhaber Heinrich Daetz, Knochenleimfabrikant Richard Brauer und Eisenwerkbetreiber Harry Behrens wurden eigens für die Abteilung entwickelt. Der Historiker Alexander Krüger, selbst ein Lüneburger, hat die Inhalte durch intensive Recherche gründlich unterlegt. „Es ist für uns ein Glücksfall, dass jemand das gleichermaßen kompetent und mit Leidenschaft angeht“, sagt Museumschefin Professor Heike Düselder.

Mischung aus historischen Dokumenten und Fiktivem

Die Texte sind eine Mischung aus historischen Dokumenten und fiktiven Ergänzungen. „Das muss natürlich alles stimmig sein“, betont Tschirner. Dies gilt auch für die Bewegungen. Sie wurden an die Mimik der Schauspieler, die die Texte eingesprochen haben, angepasst. Damit das digitale Kostüm wirklich gut passt, haben die Medienplaner das Schnittmuster einer Weste aus dem 19. Jahrhundert berücksichtigt. Finanziert wird die neue Abteilung mit Hilfe eines Spenders, der eine sechsstellige Summe beisteuert, aber nicht genannt werden will. Die Stiftung des Museumsvereins ermöglicht unter anderem mit 20.000 Euro die Restaurierung einiger Gemälde.

In der neuen Ausstellungsabteilung wird deutlich, dass in den zurückliegenden zwei Jahrhunderten die Fabrikeigentümer oft einem bestimmten Unternehmertypus entsprachen. Es ging familiär zu, der Unternehmer glich nicht selten einer Vaterfigur. „Das ging einher mit einem anderen Verständnis von Arbeit als heute“, sagt Düselder. Für die Arbeiter war die Fabrik zumeist der Ort, an dem sie nicht nur im Alltag am meisten Zeit verbrachten. Auch gemeinsame Unternehmungen und Reisen der Belegschaft stärkten das Gemeinschaftsgefühl. Dies geht aus den Interviews hervor, die der beauftragte Historiker mit etwa 20 früheren Fabrikarbeitern aus Lüneburg geführt hat.

Eigens beauftragter Historiker befragte Zeitzeugen

Dabei steht die Zeit von 1980 an im Vordergrund. Mehrere der Zeitzeugen waren in der Lucia Strickwarenfabrik beschäftigt, die vor 13 Jahren ihre Tore schloss. Viele Jahre zuvor war Gründer Hans Pfohe, der die Firma nach seiner Ehefrau benannt hatte, zum Firmenjubiläum mit der gesamten Belegschaft nach Paris gereist. „Er war so eine Vaterfigur“, sagt die Museumschefin. Heute zählten noch Marwitz und Roy Robson zu den typischen Familienunternehmen in der Stadt. Das Unternehmen für Berufsbekleidung zog 1919 in die Stadt, die Modefirma Roy Robson kam 1944 aus Berlin.

Gezeigt werden auch wechselnde Produkte, die in Lüneburg hergestellt wurden, wie Modelle aus der Pumpenfabrik, ein Backofix-Automat sowie eine Flasche Lüneburger Pilsener. Im Zentrum der Abteilung stehen jedoch die Menschen hinter der Produktion, betont Düselder. Die Lüneburger Wirtschaftsgeschichte sei ein bisher nur wenig bearbeitetes Forschungsfeld. „Die Arbeit war lange kein Thema, es stand eher der Ertrag im Vordergrund“, erklärt die Museumschefin. Genau das soll sich nun ändern.