Nachkriegs-Geschichte

Ein Offizier und Menschenfreund

| Lesedauer: 10 Minuten
Rolf Zamponi
Der Offizier Alan Douglas Seddon in Zivilkleidung umringt von Jugendlichen. .

Der Offizier Alan Douglas Seddon in Zivilkleidung umringt von Jugendlichen. .

Foto: Martin Kleinfeld/ Rolf Zamponi

Wie der englische Offizier Alan Douglas Seddon zum Glücksfall für den Kreis Harburg wurde. Kreisarchivar legt neue Biografie vor.

Kreis Harburg. Der Mann gibt Rätsel auf. Warum verhielt sich Alan Douglas Seddon so anders als fast alle anderen britischen Offiziere, die als Sieger nach Kriegsende nach Deutschland kamen, um dort den verhassten Nationalsozialismus auszuräumen und Verwaltung und Regierung zu übernehmen? Der Major, damals 55, war ein weit gereister, hochgebildeter Mann, nach damaligen Verständnis ein Gentleman, der aus einer großbürgerlichen Familie stammte und bei der Armee Karriere gemacht hatte. Offensichtlich ein Menschenfreund. Hatte er erkannt, dass es nach zwei Kriegen nicht mit Rache und Hass weitergehen durfte und sah er mit Sorge auf die völlig verunsicherte, vorbildlose Jugend?

„Seddon hat immer versucht, für den Landkreis und seine Menschen das Beste herauszuholen“, sagt Kreisarchivar Martin Kleinfeld. Der Historiker hat unter dem Titel „Ein Offizier und Menschenfreund“ jetzt

erstmals eine umfassende Biografie von Seddon auf 122 Seiten mit 78 Abbildungen vorgelegt und im Freilichtmuseum am Kiekeberg vorgestellt. Dafür hat er mehr als zehn Jahre recherchiert – neben seiner Arbeit als Archivar, für das Freilichtmuseum und für das Genossenschaftliche Archiv in Hanstedt.

Nur das Britische Nationalarchiv antwortete nicht

Kleinfeld befragte Zeitzeugen, sichtete ihre Unterlagen und Fotoalben und hat mit Kollegen gesprochen. Er hat alles gelesen, was ihm über die drei Jahre des Wirkens von Seddon im Landkreis zugänglich war. Zudem forschte er über das Leben des Offiziers vor und nach seiner Zeit in Winsen. Bis hin zum Nachruf von Werner Seifert, auf dessen Rolle noch zurückgekommen wird. Unbeantwortet blieb für Kleinfeld nur eine Anfrage an das Britische Nationalarchiv in London. Neu an der Publikation ist dabei nicht nur, dass alle Anekdoten und Erzählungen über Seddon nun weitgehend geprüft sind. „Sein Leben vor 1945 war bislang weitgehend unbekannt“, sagt der Autor, der in Hamburg studiert hat (siehe Infokasten). Er kennt nun die ganze Geschichte.

Sie beginnt am 17. September 1889 auf Gran Canaria. Dort wird Seddon als Sohn eines Unternehmers geboren, dessen Firma Kohle für die Handelsschifffahrt liefert. Als Junge aus der Oberschicht geht es für

hn auf ein Internat nach England. Nach dem Abschluss wechselt er an die Elite-Universität von Cambridge. Doch die Prüfungen für Englisch und Französisch, für die er sich angemeldet hat, legt er nie ab. Vielmehr trägt er sich 1908 bei den Territorials ein, einer freiwilligen Reservetruppe, die vormilitärisch übt. Offensichtlich ist das entscheidend für seine spätere Karriere. 1911/12 wird er Leutnant in der Armee.

Nach Indien und zurück und in die Gefangenschaft

Erste Station für ihn ist gleich Indien, nahe dem Himalaya. Doch kaum angekommen, bricht der Erste Weltkrieg aus. Mitsamt seiner Einheit schifft er sich unter dem Schutz eines französischen Panzerkreuzers für die Rückfahrt wieder ein. Seddon kämpft in Belgien und gerät 1915 bei Ypern in Gefangenschaft. Als er von den Deutschen nach seiner Adresse gefragt wird, gibt er keck einfach „India“ an. Der Leutnant ist zwar Gefangener, wird aber wie alle Offiziere bevorzugt behandelt. Die Briten befördern ihn noch im Lager im heutigen Brandenburg zum Hauptmann und bald darf er mit anderen ins neutrale Holland reisen.

Nach Kriegsende nimmt die Karriere Seddons rasch wieder Fahrt auf. Er überwacht in Istanbul den Waffenstillstand mit der Türkei und reist dann nach „South Russia“, wohl ans Schwarze Meer. Dort soll er die Weißgardisten während der Russischen Revolution mit Geld und Munition unterstützen. Die letztlich unterlegenen Gardisten zeichnen ihn zwei Mal aus, darunter mit den vormals vom Zar vergebenen „Erzengel Michael Orden.“ Bei einer Auktion 1992 erlöst seine Familie vor allem für diesen Orden an seiner Spange 640 Pfund.

Keine Lust auf die Zusammenarbeit mit dem NKWD

Zwar reist Seddon noch einmal in offizieller Mission nach Indien und wird 1930 Major. Doch dann scheidet er aus dem Dienst aus. Es bleibt bei einer Unterbrechung. Die britische Armee erinnert sich bald wieder an den Mann und seine Kontakte nach Russland. Für den Geheimdienst, davon ist Kleinfeld überzeugt, organisiert er von London aus die Zusammenarbeit mit dem russischen Kollegen vom NKWD. „Welchen Einfluss er dort hatte, zeigt sich, als er aufgrund unbefriedigender Ergebnisse anregt, die Absprachen zu beenden“, sagt Biograf Kleinfeld. Was auch geschieht.

Der 2. Weltkrieg ist kaum vorbei, da kommt Seddon als Kreis-Resident-Offizier, also erster Mann im Kreis, nach Winsen. Sein Sitz ist die Eppensche Kachelvilla, am Platz der heutigen Volksbank. „Er hat wohl in den Gefangenschaft Deutsch gelernt, so dass er keinen Dolmetscher brauchte“, ist der Kreisarchivar sicher. „Es fehlten aber klare Strukturen für seine Arbeit über mündliche Weisungen und die generellen Richtlinien hinaus. So hatte er weitgehend freie Hand und nutzte das.“ Ein Glücksfall für Winsen, sind sich die Stadt und die Volksbank einig, als bei einer Feierstunde Ende September 2015 eine Gedenktafel am Eingang zur Bank installiert wird.

Die Briten mussten Teppiche und Möbel zurückgeben

Seddon führt nach englischen Vorbild die Doppelspitze mit Landrat und Oberkreisdirektor für die Kreisverwaltung ein und betraut 1946 Albert Bollmann, der von 1952 bis 1956 Bürgermeister von Winsen wird, mit ersten Verwaltungsaufgaben. Der Offizier setzt zudem dem Unwesen von Banden von gestrandeten Fremdarbeitern ein Ende und gibt nach Beschwerden der Bürger eine Anweisung heraus, nach der requirierte Möbel und Teppiche wieder zurückgegeben werden müssen. Schließlich sorgt er, selbst gern mit Jagdgesellschaften unterwegs, dafür, dass sich auch die Engländer wieder an die Schonzeiten halten müssen. 1946 wird Seddon Oberstleutnant.

Besonders liegt ihm die Jugend am Herzen. Ein blonder Jungen, dem im Kinderheim der Name Willi Strohschein gegeben wird, kommt mit Hilfe von Seddon nach England und später in die USA. Als William Alan Seddon eingebürgert bedenkt ihn der Offizier in seinem Testament. Auch mit dem damals 18-jährigen Gerd Frede, später Einzelhändler in Lauenburg, freundet sich der Seddon an. Frede hat Autor Kleinfeld von privaten Besuchen in Walsrode berichtet, wohin Seddon 1948 nach seiner Zeit in Winsen versetzt wurde. Drei ehemalige Reichs-Arbeitsdienstlager richtet der Brite von 1946 an neu ein, um für Jugendliche Obdach zu schaffen.

Werner Seifert wird der erste Kreisjugendpfleger und später Schulleiter

Eine zentrale Rolle spielt der Lehrer Werner Seifert, der mit einer Engländerin verheiratet ist und perfekt Englisch spricht. Er arbeitet auf Geheiß Seddons ein Konzept für die Jugendpflege aus, wird erster Kreisjugendpfleger und gleich mit einem Motorrad, später mit einem Pkw ausgestattet. Seifert gründet dann mit Hilfe des Briten die Jugendorganisation des Kreises, den Verein Heim und Werk. Hier geht es vor allem darum, junge Menschen Berufe erlernen zu lassen. Noch 1952, Seddon ist längst nicht mehr in Winsen, macht er bei den Amerikanern 47.000 D-Mark für den Verein locker. „Ich musste das alles tun“, sagt er einmal schlicht über die Beweggründe für sein Handeln.

Das Jugendlager auf dem Töps zwischen Hanstedt und Undeloh lässt er von britischen Feldküchen verpflegen. Die Soldaten bringen Erbswürste und riesige Fleischdosen mit. Als er sieht, dass es überall an Kleidung fehlt, dirigiert er einen Lkw mit Armeekleidung von der Autobahn in das Lager um. Seifert, dessen Sohn Georg die Arbeit Kleinfelds mit Briefen und Unterlagen seines Vater unterstützt hat, wird später Leiter des ersten Gymnasiums im Landkreis, dem Gymnasium Winsen.

Der Kontakt Seddons zum Kreis hält über Jahre hinweg an

Nach drei Jahren, einer bei den Briten üblichen Frist, wird Seddon aus Winsen abberufen. Möglich ist auch, dass seine Vorgesetzten nicht immer mit ihm einverstanden waren. Er wechselt, weiter als Kreis-Resident-Offizier, nach Fallingbostel, dann nach Dannenberg und 1953 nach Osnabrück. Von dort geht er nach England zurück. 1958 ist er noch einmal zu Besuch in Winsen. Viele Bürger bedanken sich bei ihm, ein Reporter schreibt: „Er hat immer aus dem Herzen heraus gehandelt.“ Der Kontakt zum Kreis hält an. Seine Briefe werden im Kreistag verlesen und über die Geschenke an ihn stets einmütig beschlossen.

Nach seiner Abschied vom Militär reist Seddon 1968 zurück nach Gran Canaria. Dort lebt er zusammen mit seinem Bruder Eric und seiner Schwägerin. Er stirbt am 15. April 1976 mit 86 Jahren, sein Bruder Eric ist da bereits seit 1970 tot. Beide sind auf dem englischen Friedhof an der Küstenstraße zwischen Las Palmas und Telde, in Tafira Alta, in einem Grab beigesetzt.

„Ein Mann, der vor allen Dingen rasch und unbürokratisch helfen wollte“

In Winsen schreibt Seifert in einem Nachruf auf Seddon: „Es sprach sich schnell herum und wurde vielerorts fühlbar, dass in Winsen ein Mann an der Spitze stand, der vor allen Dingen rasch und unbürokratisch helfen wollte und der bestrebt war, aufbauwillige, verantwortungsbewusste Bürger zur Mitarbeiter heran zu ziehen. Er glaubte 1945 an die Zukunft.“

Mit seinem Handeln steht Seddon für den Neubeginn im Kreis nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges. Heute gehört der Landkreis Harburg zu den wirtschaftsstärksten in Niedersachsen. Die ersten drei Jahre, den Weg aus der schlimmsten Not, prägte der englische Offizier. Nun sollen zunächst 500 druckfrische Biografien an den ersten Chef im Landkreis erinnern.