Symbolkraft

Buchholz bekommt den ersten Platz der Kinderrechte

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Hanna Kastendieck
Sylvia Itzen hat die Skulptur für den „Platz der Kinderrechte“ in Buchholz geschnitzt

Sylvia Itzen hat die Skulptur für den „Platz der Kinderrechte“ in Buchholz geschnitzt

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Holzkünstlerin Sylvia Itzen hat die Skulptur zum 30-jährigen Bestehen des Kinderschutzbunds im Landkreis Harburg geschnitzt

Buchholz. Wenn Sylvia Itzen zur Arbeit ansetzt, wird es laut, es fliegen die Späne und innerhalb weniger Stunden verwandeln sich mehreren hundert Kilo Baumstamm in eine hölzerne Figur. Manchmal sind es Tiere, Adler, Eulen, Wölfe, die sie mit der Motorsäge schnitzt, manchmal Menschen, Gesichter oder abstrakte Formen, die sie aus dem Holz herausarbeitet.

Für die Stadt Buchholz hat die Holzkünstlerin nun etwas ganz Besonderes geschaffen. Eine Skulptur, die symbolisch für die Rechte der Kinder stehen soll. „Platz der Kinderrechte“ heißt das Kunstwerk, das im Zentrum von Buchholz auf dem Gelände des Mehrgenerationenhauses Kaleidoskop steht und damit in der Region deutlich sichtbar einen Platz findet.

Initiator für den „Platz der Kinderrechte“ ist Kinderschutzbund

Hinter der Idee für einen „Platz der Kinderrechte“ steht der Kinderschutzbund Kreisverband Landkreis Harburg e.V. (DKSB), der in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert. „Weil die Planung einer größeren Feier Corona-bedingt nicht möglich war, haben wir uns dafür entschieden, stattdessen der Stadt einen Platz der Kinderrechte zu schenken“, sagt Mitstreiterin Wilma Kupfer, die für die Skulptur rund 5000 Euro an Spenden gesammelt hat. „Wir wollen mit der Skulptur unsere Forderung für die Verankerung der Rechte von Kindern im Grundgesetz unterstreichen.“

Auch in anderen Städten werden auf Initiative des Kinderschutzbundes zunehmend Plätze der Kinderrechte eingerichtet. Sie sollen Zeichen dafür sein, wie ernst eine Stadt die Rechte der Kinder und ihre Umsetzung nimmt. „Kinderrechte zu stärken ist wichtig und richtig“, sagt Jan-Hendrik Röhse, Bürgermeister der Stadt Buchholz. „Aber wir dürfen dabei nicht nur an der Oberfläche bleiben. Vielmehr müssen wir als Gesellschaft bei der Lebenswirklichkeit unserer Kinder und Jugendlichen ansetzen und sie aktiv in ihrem Leben unterstützen. Darauf kommt es mehr an, als abstrakte Diskussion zu führen.“

Seit 30 Jahren ist der Verein im Landkreis Harburg aktiv

Der Einsatz für die Rechte von Kindern ist nur eine von vielen Aktivitäten, die der Kinderschutzbund Kreisverband Landkreis Harburg e.V. seit seiner Gründung vor 30 Jahren angeschoben hat. Der Verein mit Sitz in Buchholz setzt sich mit zahlreichen Angeboten dafür ein, die Persönlichkeiten und Rechte von Kindern und Jugendlichen zu schützen und zu stärken. „Wir wollen über mögliche Gefahren unserer Gesellschaft und konkrete Hilfsangebote informieren und bieten schnell und unbürokratische Hilfe in schwierigen Lebenssituationen an“, sagt Vorstandsmitglied Helga Kruse-Moosmayer. „Unser sozialpädagogisch-therapeutisches Team berät Kinder, Jugendliche, Eltern und Bezugspersonen unter den Grundsätzen Anonymität, Freiwilligkeit, Achtung und Hilfe zur Selbsthilfe.“

Die Mitarbeiterinnen und vielen ehrenamtlichen Kräfte versuchen, so viel wie möglich für die Kinder zu bewegen. Gemeinsam kämpfen sie an allen Fronten: für die Eltern, für die Kinder. Sie stärken mit ihren Angeboten Erziehende und pädagogische Fachkräfte an Kitas und Schulen, unterstützen Eltern in Erziehungsfragen, informieren über Gefahren und Hilfsangebote und machen Kinder stark, in dem sie ihren Selbstwert, ihr Selbstbewusstsein und ihre emotionalen Kompetenzen festigen. Als Fachstelle bei sexueller Gewalt bieten sie ein niedrigschwelliges Angebot – auch für Menschen, die sich Sorgen machen, die etwas beobachtet haben oder Rat brauchen.

Für die Buchholzer Holzkünstlerin Sylvia Itzen war der Auftrag vom Kinderschutzbund eine Herzensangelegenheit, in welche auch sie selbst viele ehrenamtliche Stunden gesteckt hat. Auf die Künstlerin aufmerksam geworden ist der Verein durch die Skulptur „Himmelsgucker“, eine Figur, mit der sich Sylvia Itzen weit über Buchholz’ Grenzen hinaus einen Namen gemacht hat. Die Skulptur bildet einen Menschen ab, der seinen Blick gen Himmel richtet. 2017 wurde ein solcher Himmelsgucker zugunsten der Kinder Krebs Initiative auf dem Buchholzer Weihnachtsmarkt versteigert. Damals entstand auch der erste Kontakt zum Kinderschutzbund.

Erster Himmelsgucker entstand nach dem Tod ihres Mannes

Ihren ersten Himmelsgucker hat die 53-Jährige vor sechs Jahren geschnitzt. Damals starb ihr Mann an einem Hirntumor und Sylvia Itzen, die bis dahin die Holzschnitzerei nur als Hobby betrieben hatte, entwarf eine Figur, die sie mit ihrem verstorbenen Ehemann verbinden sollte. „Wir haben 22 Jahre unseres Lebens zusammen verbracht“, sagt sie. „Durch seinen Tod ist mir klar geworden, dass das Leben endlich ist und plötzlich vorbei sein kann.“

Also hat sie den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt, ihr Hobby, die Schnitzerei mit der Motorsäge, zum Beruf gemacht. Inzwischen sind ihre Himmelsgucker über die ganze Welt verteilt. In Japan, Schottland, Kanada und Berlin werfen die hölzernen Gestalten ihren Blick zu den Wolken hin­auf. Die Kontakte in ferne Länder hat die Buchholzerin bei den vielen Wettkämpfen im Speedcarving, dem Kettensägenschnitzen auf Zeit, geknüpft. Als Frau ist sie dort die Ausnahme.

Werke der Künstlerin in vielen Orten im Landkreis Harburg vertreten

Nach und nach erobert die Künstlerin jetzt auch den Landkreis Harburg mit ihren Werken. So stehen ihre Skulpturen inzwischen unter anderem auf dem Lohhof in Jesteburg, im Friedwald in Bötersheim, in Sprötze und in Doras Garten des Vereins Wassermühle Karoxbostel e.V. Jetzt kommt der Standort Buchholz hinzu. Damit „Der Platz der Kinderrechte“ auch zu einem Ort wird, an dem die Kinder selbst zu Wort kommen, ist in der Mitte der Schnitzerei eine große Metallplatte platziert, auf dem die Kinder der Mühlenschule Holm-Seppensen ihre Gedanken zum Thema „Kinderrechte“ aufgemalt haben.

Angeleitet wurden sie dabei von Miriam Bonner. Die Künstlerin hat Erfahrung in der Arbeit mit Kindern, initiierte 2011 den Kinder-Kulturpfad im Landkreis Harburg. Gemeinsam mit acht Schülerinnen und Schülern hat sie nun die Motive für die Tafel auf dem Platz der Kinderrechte zusammengetragen. „Die Kinder haben das Recht auf Sicherheit thematisiert, auf Gleichberechtigung, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe“, sagt die 50-Jährige. Sie haben Spielplätze gemalt und ein Zuhause, eine Schule, aber auch fallende Bomben und ein Kind im Rollstuhl. „Es beschäftigt die Kinder, dass es Krieg auf der Welt gibt, Armut und Gewalt“, sagt Miriam Bonner. „Mit ihren Bildern zeigen sie uns, was für sie schön und richtig ist: Zusammenhalt, Familie und Frieden.“

Die Kinderechte:

  • Die Kinderrechtskonvention wurde am 20. November 1989 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet.
  • Mit der Ratifizierung im Jahr 1992 hat sich die Bundesrepublik dazu verpflichtet, die Rechte von Kindern zu achten, zu schützen und zu fördern. Dabei gelten in Deutschland alle Menschen bis 18 Jahre als Kind. Das Kindeswohl muss bei allen staatlichen Entscheidungen, die Kinder betreffen, als „vorrangiger Gesichtspunkt“ berücksichtigt werden.
  • In Deutschland wird seit Verabschiedung der Kinderrechtskonvention vor über 30 Jahren darüber diskutiert, Kinderrechte ausdrücklich im Grundgesetz zu verankern. Dieser historische Schritt war für die 19. Legislaturperiode geplant, doch konnte im parlamentarischen Verfahren über das Vorhaben Anfang Juni 2021 keine interfraktionelle Einigung erzielt werden.
  • Die zehn wichtigsten Kinderrechte sind Gleichheit, Gesundheit, Bildung, Spiel und Freizeit, freie Meinungsäußerung und Beteiligung, Schutz vor Gewalt, Zugang zu Medien, Schutz der Privatsphäre und Würde, Schutz im Krieg und auf der Flucht, Besondere Fürsorge und Förderung bei Behinderung.