Gedenken

Gemeinde Seevetal erhält den ersten Stolperstein

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Lena Thiele
In Seevetal wird am 3.10.2021 der erste Stolperstein verlegt. Er erinnert an Erna Marie Ahrens (1903-1944). 

In Seevetal wird am 3.10.2021 der erste Stolperstein verlegt. Er erinnert an Erna Marie Ahrens (1903-1944). 

Foto: Ha / Gemeinde Seevetal

Zur Erinnerung an Erna Marie Ahrens, ein Opfer der NS-Euthanasie, verlegt Gunter Demnig den Stein vor dem Hittfelder Rathaus

Hittfeld. Stolpersteine sind in ganz Deutschland zu finden. Sie erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus und halten das Gedenken an die Unmenschlichkeiten des Regimes und seiner Handlager wach. Die schimmernden Messingblöcke werden vom Künstler Gunter Demnig in das Pflaster eingefügt, sodass sie Passanten zum Innehalten anregen. An diesem Sonntag erhält auch die Gemeinde Seevetal einen ersten Stolperstein. Er wird vor dem Rathaus in Hittfeld verlegt und ist Erna Marie Ahrens gewidmet, die der NS-Euthanasie zum Opfer fiel.

Als Erna Marie Ahrens im Februar 1944 starb, hatte sie einen langen Leidensweg hinter sich. Geboren 1903 im damaligen Jehrden in der heutigen Gemeinde Seevetal war sie nach dem Tod der Mutter Margarethe Ahrens psychisch erkrankt – ein Amtsarzt diagnostizierte Schizophrenie. 1938 wurde sie in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg eingewiesen. Dort wurde sie vermutlich unfruchtbar gemacht, da Schizophrenie als Erbkrankheit galt und die Patientinnen keine Nachkommen haben sollten.

Aus Lüneburg wurde sie in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Pfafferode verlegt

Nach fünf Jahren wurde Erna Marie Ahrens im September 1943 in eine ähnliche Anstalt in Pfafferode/Mühlhausen verlegt. Forschungen haben offenbart, dass von den 300 Patienten, die aus Lüneburg dorthin kamen, 260 in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Pfafferode gestorben sind. „Der Tod war der einzige Zweck ihrer Verlegung“, sagen die Initiatoren der Stolpersteinverlegung, Kristina Jürgs und Knut Hancker. Sie sind entfernte Verwandte von Erna Marie Ahrens.

Diese wuchs zusammen mit sechs älteren Geschwistern in ihrem Elternhaus Am Mühlenbach auf und wurde in der Hittfelder Kirche getauft. Ihr Vater, Adolf Ahrens, war Schuhmacher und ein sogenannter Abbauer – er bewirtschaftete ein Stück gepachtetes Land. In der dörflichen Sozialstruktur standen die Abbauer am unteren Ende. Die Familie hatte aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation und der Zahl der Kinder vermutlich kein einfaches Leben.

Das Poesiealbum von Erna Marie Ahrens erinnert an ein beliebtes Mädchen

„Doch als Erna im Kriegsjahr 1917 konfirmiert wurde, muss sie eine beliebte Freundin gewesen sein. Das belegen die vielen Einträge von gleichaltrigen Mädchen und Jungen aus Jehrden, Fleestedt, Glüsingen und Hittfeld in ihrem Poesiealbum“, schreiben die Initiatoren in einem Text, mit dem sie an die Stationen in Erna Marie Ahrens Leben erinnern. Diese Biografie werden sie auch am Sonntag bei der Verlegung des Stolpersteins verlesen.

Als die Tochter in die Lüneburger Anstalt eingewiesen wurde, musste der Vater sein Land verlassen. Er zog zu seinem Sohn Herrmann nach Emmelndorf. Ein weiterer Sohn, Otto, kam 1939 ins Konzentrationslager Buchenwald. Er wurde nach 16 Monaten als gebrochener Mann entlassen. Ihrer Schwester ging es in Pfafferode zunehmend schlechter.

Offiziell starb sie 1944 an einer Lungenentzündung

Die Nachfahren haben recherchiert, dass alle Patienten, die dort aus anderen Anstalten eingeliefert wurden, ihrem Schicksal überlassen wurden. Sie erhielten kaum Nahrung und wurden weder pflegerisch noch medizinisch ausreichend versorgt. In der Patientenakte findet sich der Hinweis, dass die Patientin stark abgebaut habe. Am 27. Februar 1944 starb sie, als Todesursache wurde Lungenentzündung angegeben. Ihr Leichnam wurde der Familie im Sarg zugestellt. Erna Marie Ahrens, die nur 40 Jahre alt wurde, liegt auf dem Friedhof in Hittfeld begraben.

Mit dem Stolperstein soll an das Leben der Seevetalerin erinnert werden. Das Vorhaben wurde von der Verwaltung und der Seevetaler Politik unterstützt. Auch Bürgermeisterin Martina Oertzen wird an der Gedenkstunde teilnehmen und eine Rede halten. „Es ist eine Verpflichtung für uns alle, sich an den Terror und die Gewalt der nationalsozialistischen Diktatur zu erinnern, der Opfer und Leidtragenden zu gedenken und immer aufs Neue zu mahnen und aufmerksam zu machen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt“, sagt sie.

Günter Demnig verlegt den Stolperstein am 3. Oktober in Hittfeld

Der Künstler Gunter Demnig wird den Stolperstein am Sonntag, 3. Oktober, von 11 Uhr an verlegen. Die Kosten in Höhe von 120 Euro übernehmen die Nachfahren, die mit dem Vorschlag auf die Gemeinde zugekommen sind. Sie werden bei der Gedenkstunde eine Ansprache halten, zudem werden zwei Musikstücke gespielt.

Üblicherweise werden die Steine vor den früheren Wohnhäusern der Opfer verlegt. „Dies ist in diesem Fall nicht möglich, da das Haus nicht mehr existiert und auch der frühere Standort nicht mehr zugänglich ist“, sagt Svenja Riebau, Sprecherin der Gemeinde. Deshalb wurde für diesen ersten Stolperstein in Seevetal der Vorplatz des Rathauses ausgewählt. Ob und wann weitere Steine folgen, steht nicht fest.

Stolpersteine liegen auch in Harburg, Stade, Lüneburg und Winsen

Gunter Demnig hat mit den Stolpersteinen ein dezentrales Denkmalprojekt geschaffen. Die Steine erinnern an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, Sinti und☺ Roma, Homosexuelle, politisch Verfolgte sowie Euthanasieopfer. In 1265 Orten in Deutschland sowie in
21 weiteren Ländern Europas sind Steine in Gehwegen eingelassen – zumeist an den Wohnorten der Opfer.

In Harburg liegen bereits mehrere Stolpersteine, zum Beispiel in der Lüneburger Straße, Hölertwiete und Neuen Straße. Im Eißendorfer Pferdeweg erinnern Steine an Kinder, die in dem dortigen Heim lebten und wegen ihrer Behinderung als „minderwertig“ galten.

In Winsen gibt es Steine in der Bahnhofsstraße, Rathausstraße und Hamburger Straße.

In Lüneburg sind sie Am Sande, Auf dem Meere, in der Feldstraße und Bardowicker Straße zu finden. In Stade liegen zahlreiche Stolpersteine, unter anderem in der Harsefelder Straße und Bremervörder Straße.