Selbsttest

Sport mal anders im Outdoor Bootcamp Marxen

| Lesedauer: 7 Minuten
Sven Bleilefens, Josefine Harms
Personal Trainer Jan Kammann unterstützt Bootcamp-Neuling Sven Bleilefens bei den Liegestützübungen.

Personal Trainer Jan Kammann unterstützt Bootcamp-Neuling Sven Bleilefens bei den Liegestützübungen.

Foto: Josefine Harms / HA

Personal Trainer bietet im Landkreis Harburg ungewöhnliches Fitnessprogramm mit Autoreifen und Baumstammwerfen an – ein Selbsttest

Marxen. „Du möchtest deinem inneren Schweinehund Beine machen?“ „Du bist gesund, bereit über deine Grenzen hinaus zu gehen und dich von der Gruppe motivieren zu lassen?“ „Du bist dir bewusst, dass wir auch bei Regen und Schnee draußen trainieren?“ Wer all diese Fragen mit Ja beantworten kann, erfüllt die Voraussetzung für ein sehr ungewöhnliches Fitnessprogramm.

Denn anstatt in einem warmen Studio zu trainieren, sind die Teilnehmer beim Outdoor Bootcamp in Marxen Wind und Wetter ausgesetzt. Die Fitnessgeräte: Baumstämme und Autoreifen. Wer tut sich das an und warum? Autor Sven Bleilefens hat den Selbsttest gemacht.

"Jetzt noch ein Reifen": Dienstags ist Trainingstag in Marxen

Es ist es 18.47 Uhr an diesem Dienstag. Trainingstag in Marxen. „Und jetzt noch der Reifen“, stöhne ich innerlich auf, als ich mich langsam zur nächsten Station bewege. In der Hoffnung, noch ein wenig Kraft sammeln zu können, werden meine Schritte immer kleiner. Doch der Weg ist viel zu kurz und schon liegen meine Hände auf dem Autoreifen, ich nehme die Liegestütz-Position ein. Hier soll der Reifen nach jedem Auftauchen kurz zur Seite gekippt und ausbalanciert werden. Die vorgeschriebene Minute kommt mir ewig vor, mein Körper zittert.

Personal Trainer Jan Kammann feuert mich an: „Wir schaffen das zusammen! Einer noch. Gleich ist es vorbei. Einer noch!“ Tatsächlich hilft mir dieser Ansporn. Schließlich habe ich es überstanden, das Schlusssignal ertönt – ich schleppe mich zur nächsten Station.

Jan Kammann bietet seit drei Jahren das Outdoor Bootcamp

Jan Kammann bietet seit drei Jahren das Outdoor Bootcamp an, an dem ich teilnehme. Wir trainieren am Ortsausgang von Marxen auf dem Außengelände eines Fitnessstudios in einem Gewerbegebiet. Industriecharme. Der Boden der Trainingsfläche ist übersäht mit kleinen Hütchen, Bällen, Autoreifen und anderen Sportgeräten, mit deren Hilfe wir gleich ein intensives Training durchziehen werden. Die Besonderheit: Bei fast jedem Wetter wird draußen Sport gemacht. „Wir haben schon bei Regen und Schnee trainiert. Nur bei Gewitter und zu starker Hitze muss das Training ausfallen, das wäre zu gefährlich“, sagt Kammann.

Das einzige was ihn aufhielt: Corona. Auch Kammann hatte es während der Lockdowns schwer: „Es durfte nicht einmal draußen trainiert werden, da musste dann schnell ein Alternativprogramm her.“ Online konnte er zwar Trainingseinheiten anbieten und Ernährungspläne erstellen, die Möglichkeiten waren aber begrenzt. Schließlich haben die wenigsten Teilnehmer Autoreifen und Baumstämme als Sportgeräte bei sich Zuhause liegen.

Seit dem 18. Mai kann er das Outdoor Bootcamp wieder regelmäßig anbieten, die Teilnehmerzahlen sind jedoch immer noch geringer als vor der Pandemie, so Kammann. Mit mir zusammen sind wir an diesem Tag 13 Sportler, im Kurs danach sind jedoch nur drei am Start. „Während des Lockdowns haben manche Sportler den Willen verloren, sich sportlich zu beschäftigen. Jetzt haben aber wieder viele Menschen das Bedürfnis, fitter zu werden“, stellt der lizenzierte Trainer fest, der seit seinem 13 Lebensjahr Leistungssport betreibt.

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Dienstag, 19.07 Uhr, in Marxen: Endlich Pause! Selbst meine Trinkflasche scheint mittlerweile schwer in meinen Händen zu wiegen. Ich versuche, mich mit einem Seitenblick auf meine Leidensgenossen zu trösten. Wir alle scheinen bis an unser Limit gefordert zu sein und das ist auch nicht verwunderlich: Im zweiten Durchgang gab es zwischen den Stationen plötzlich eine Laufeinheit anstelle einer kurzen Unterbrechung. Das hat mir auch den Autoreifen nicht sympathischer gemacht. Ich überlege kurz, in die Rolle des Beobachters an der Seitenlinie zu wechseln. Aber der Ehrgeiz hat mich gepackt. Kammann fordert uns auf, in der Mitte zusammen zu kommen – nach furchtbar kurzen 120 Sekunden Pause. Die Gruppe setzt sich in Bewegung. Ich scheine mit meinen Zweifeln am Zeitmanagement der Pausen allein zu sein und schlucke sie mit einem Rest Wasser herunter – die Luft würde ich ohnehin noch brauchen.

Die meisten anderen Sportler sind schon seit ein paar Monaten dabei. Sie kommen aus dem Landkreis Harburg und fahren bis zu 30 Minuten, um am Training teilzunehmen. Kammann kennt die Gruppe gut und weiß auch über Verletzungen einzelner Sportler Bescheid. Weil einer von ihnen vor kurzem einen Bandscheibenvorfall hatte, kann er nicht alle Übungen mitmachen. Kammann hat dafür immer ein paar Alternativen bereit. Damit den Teilnehmern nicht langweilig wird, überlegt sich der Trainer immer wieder neue Übungen.

Als lizenzierter Fitnesstrainer weiß Kammann, wie man ein Ganzkörpertraining zusammenstellt, das die Muskeln ordentlich anstrengt. „Es gibt Grundübungen, zum Beispiel Liegestütz, die fast jeder kennt. Ich probiere dann gerne aus, was man sonst noch daraus machen kann“, erklärt er. Die Gruppen, die schon etwas länger dabei sind, können dann sogar mit Baumstämmen werfen.

Personal Trainer kündigte IT-Job und machte sich selbstständig

Schon als Kind war Jan Kammann sportbegeistert. Nachdem er verschiedene Sportarten ausprobiert und einige Verletzungen erlitten hatte, suchte er sich selbst einen Personal Trainer. „Was er gemacht hat und wie er gearbeitet hat, fand ich wahnsinnig spannend.“ So spannend, dass Kammann an den Wochenenden die Ausbildung zum Personal Trainer absolvierte. „Kurz darauf habe ich meinen sicheren IT-Job gekündigt und mich selbstständig gemacht“, erzählt er über seinen Lebensweg.

Dienstagabend 19.31 Uhr in Marxen: Die Musik ist bereits verklungen, nun ist auch das abschließende Dehnen und Strecken vorüber. Schon während der Aufwärmphase hatte ich hilfesuchend nach oben geschaut, mich nach ein paar erfrischenden Regentropfen gesehnt. „Das wird heute hart für dich“, lautete Kammanns Einschätzung und auch die Reaktionen der übrigen Teilnehmenden während der Vorstellung der Übungen hatten mich alarmiert. Doch Kammann hat gezeigt, was er meint, wenn er dem „inneren Schweinehund Beine machen“ will und zugleich darauf geachtet, dass es mir und allen anderen gesundheitlich gut geht. Mit freundlichen Abschiedsgrüßen löst sich die Gruppe auf, alle nehmen an diesem Abend ein erleichtertes Lächeln mit auf den Rückweg.

Jetzt schon kann ich den Muskelkater von morgen spüren.