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Landkreis setzt einen zweiten Notarzt durch

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Tobias Johanning
Das neue Notarzteinsatzfahrzeug aus Winsen ist bei einem Verkehrsunfall Anfang August auf der Autobahn 1 im Einsatz. 

Das neue Notarzteinsatzfahrzeug aus Winsen ist bei einem Verkehrsunfall Anfang August auf der Autobahn 1 im Einsatz. 

Foto: Andre Lenthe Fotografie

Jetzt ist ein neuer Notarztwagen am Winsener Krankenhaus stationiert. Warum es bis zur Entscheidung jahrelang gedauert hat.

Winsen.  Es sind manchmal Minuten, die über Leben und Tod entscheiden. Besonders, wenn jemand einen Atemstillstand erlitten hat und alle Hoffnung auf der schnellen Hilfe von Sanitätern und Notärzten des Rettungsdienstes beruht. So war es auch bei einem Notfall im Landkreis Harburg, über den ein Familienangehöriger im politisch zuständigen Ausschuss für Ordnung und Feuerschutz berichtete. Doch der Notarzt brauchte nach Angaben des Mannes mehr als 90 Minuten, bis er bei seinem Enkel war. Er sei deswegen fast gestorben. „Kann die notärztliche Versorgung im Landkreis Harburg verbessert werden?“, fragte der Familienangehörige im Ausschuss. Das war im September 2012.

Neun Jahre nach seiner Frage ist die Verbesserung eingetreten. Anfang Mai 2021 wurde ein zweites Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) im Landkreis Harburg in Dienst gestellt. Der Wagen ist täglich zwischen acht Uhr und 20 Uhr mit einem Notarzt und einem Notfallsanitäter an der Rettungswache am Winsener Krankenhaus einsatzbereit. Damit sind in der Zeit, in der sich die meisten Notfälle ereignen, zwei Notärzte für lebensbedrohliche Einsätze im Landkreis verfügbar. Der erste 24-Stunden besetzte Notarztstandort befindet sich bereits seit drei Jahrzehnten an der Seevetaler Rettungswache in Lindhorst.

Zunächst wollen die Krankenkassen keine weitere Stelle genehmigen

Keine Frage: Der Wunsch nach dem zweiten Notarzt, vor allem aus Kreisen des Rettungsdienstes vorgebracht, war in der Verwaltung bereits 2012 bekannt und nach der Frage des Familienangehörigen auch beraten worden. Doch es hieß damals: „Die zuständigen Kostenträger bewilligen keine weitere Stelle und halten die jetzige Versorgung mit einem Notarzt für ausreichend.“

Die Kostenträger sind in diesem Fall die gesetzlichen Krankenkassen und die Ersatzkassen. Der Landkreis verhandelt mit diesen Kassen über die Übernahme von zusätzlichen Personal- und Fahrzeugkosten für den zweiten Notarzt, die laut Experten bei etwa einer Million Euro im Jahr liegen. Doch die Einsatzzahlen des Notarztes rechtfertigten für die Kostenträger auch in den folgenden Jahren einen zweiten NEF-Standort.

Mehr ältere Einwohner bedeuten auch mehr Notfälle im Landkreis

Über die Jahre hinweg gab es zwar immer wieder Forderungen nach dem zweiten Notarzt. Durchsetzen konnten sich diese Stimmen allerdings nicht. Dabei gab es aufgrund von steigenden Einwohnerzahlen und dem wachsenden Durchschnittsalter immer mehr Notfälle im Landkreis. So stiegen die jährlichen Einsatzzahlen für den Rettungsdienst bis 2017 innerhalb eines Jahrzehnts um knapp ein Drittel auf mehr als 22.000. Darunter waren knapp 5400 Fälle, bei denen zusätzlich zu der Rettungswagenbesatzung auch ein Notarzt vor Ort war.

Diese 14 Einsätze pro Tag waren für einen Notarzt jedoch nicht mehr allein zu bewältigen. Immer wenn das NEF-Seevetal bereits in einem Einsatz gebunden war oder der nächste Notfall am anderen Ende des Landkreises geschah, mussten die Notärzte aus den niedersächsischen Nachbarlandkreisen oder Hamburg eingesetzt werden. Diese rechtlich vorgesehene Ausnahme wurde zum Regelfall. 2019 waren in 40 Prozent aller Notarzteinsätze im Landkreis Harburg Ärzte aus Hamburg, Lüneburg oder Stade vor Ort.

Oberverwaltungsgericht Lüneburg bestimmt schärfere Regeln für die Hilfe

Doch selbst wenn der Seevetaler Notarzt zu einem Einsatz ausrückte, brauchte er aufgrund der Größe des Landkreises im Durchschnitt knapp 14 Minuten bis zum Zielort. Das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg präzisierte 2016 zusätzlich eine Regelung, dass bei 95 Prozent der lebensbedrohlichen Notfälle innerhalb von 15 Minuten ein Notarzt vor Ort sein sollte. Diese Vorgabe wurde im Landkreis deutlich verfehlt. Erst nach einer Eintreffzeit von 21 Minuten wurde das 95-Prozent-Ziel erreicht.

Die Verwaltung stellte 2020 daraufhin deutlich wie nie zuvor eine strukturelle Unterversorgung fest und warnte vor rechtlichen Konsequenzen im Schadensfall. Der Kreistag beschloss in der Folge im Dezember 2020 die Installation eines zweiten Notarztes und die Kostenübernahme mit den Kostenträgern zu vereinbaren.

Die Krankenkassen lenken bei den Verhandlungen ein

Diesen politischen Beschluss im Rücken benötigte die Verwaltung, um die Krankenkassen von ihrer Forderung zu überzeugen. Denn die Krankenkassen als Kostenträger verzögerten zuvor noch immer und schlugen alternative Versorgungsmodelle vor. Bevor es bei einer Schiedsstelle für die Kassen zu einer Blamage gekommen wäre, lenkten sie bei den neuerlichen Verhandlungen vergleichsweise schnell ein. Der zweite Notarzt konnte so bereits im Mai 2021 seinen Dienst aufnehmen.

Damit sind die jahrzehntelangen Forderungen aus der Politik und dem Rettungsdienst zwar zunächst erfüllt. Es gibt aber schon die nächsten Planungen. So soll am besten noch in diesem Jahr das NEF Winsen in einen 24-Stunden-Dienst gehen. Außerdem soll der Notarzt aus Seevetal an die Wache am Buchholzer Krankenhaus verlegt werden. Bis das jedoch passiert, kann es noch dauern. Im Moment gibt es dort weder Platz für ein zusätzliches Fahrzeug noch für das notwendige Personal.

Eine erste Auswertung über die Einsätze des zweiten Notarztes wird vorbereitet und soll im September vorgestellt werden. Es gibt aber bereits positive Effekte, heißt es aus der Verwaltung. Aus dem täglichen Einsatz berichten die Retter tagsüber von meist kürzeren Eintreffzeiten. Das liegt auch daran, dass das Winsener Notarzteinsatzfahrzeug von seinen Standort aus deutlich schneller etwa in der Elbmarsch sein kann.