Buchholz

Passen Klimaziele und Ostringbau zusammen?

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Hanna Kastendieck
Bernd Wenzel, Vorsitzender des Vereins NaturFreunde Nordheide e.V., kritisiert die mit dem Bau einer Ostumfahrung verbundenen hohen CO2-Emissionen.

Bernd Wenzel, Vorsitzender des Vereins NaturFreunde Nordheide e.V., kritisiert die mit dem Bau einer Ostumfahrung verbundenen hohen CO2-Emissionen.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Naturfreund Bernd Wenzel hat ausgerechnet, wie viel Kilogramm CO2 der Bau einer Umgehungsstraße hervorbringen würde. Das Ergebnis erstaunt.

Buchholz.  Bernd Wenzel hat sich viel Zeit genommen, um auch keine Fehler zu machen. Der Vorsitzende des Vereins NaturFreunde Buchholz e.V. hat mit Fachleuten gesprochen und im Internet recherchiert. Dann hat er sich an den Schreibtisch gesetzt und gerechnet. Weil er einmal ganz genau wissen wollte, wie der Bau der geplanten Ostumfahrung und die Klimaziele der Stadt Buchholz zusammenpassen. Das Ergebnis seiner Berechnungen ist ernüchternd. Demnach werden durch den Bau der Straße voraussichtlich weit über fünf Millionen Kilogramm CO2-Emissionen entstehen.

Für seine Berechnungen ist der Naturfreund bis ins kleinste Detail gegangen, hat den Verbrauch von Asphalt und Beton sowie den Einsatz von Baggern und Lkw und deren Transportwege aufgeschlüsselt. Wenzels Berechnungen nach würde allein die Herstellung des Asphalts für die sechs Kilometer lange Straße mit ihren drei Straßenschichten und Radweg 459.000 Kilogramm CO2 erzeugen. Hinzu komme die Herstellung des Betons mit 64.125 Kilogramm CO2. Die Bauarbeiten für den Bodenaushub der Straße hätten die Erzeugung von weiteren 392.700 Kilogramm CO2 zur Folge. Denn, so Wenzels Berechnungen, bei einer Aushubtiefe von 0,75 Metern Tiefe mussten 2125 Lkw-Ladungen abtransportiert werden.

Sogar die Baggerleistungen und den Dieselverbrauch hat Wenzel berechnet

Hinzu kämen die Baggerleistungen und der damit verbundene Dieselverbrauch aller Fahrzeuge. Der Tunnelbau mit Maschinen erzeuge weitere 316.800 Kilogramm CO-Emission. „Es müssen noch weitere CO erzeugende Vorgänge hinzu gerechnet werden“, sagt Bernd Wenzel. „Hierfür ist mir bisher keine für mich akzeptable vollständige Kalkulation gelungen.“ Für den Antransport von Asphalt und Beton hat Wenzel 367 Lkw-Fahrten mit je zweimal 50 Kilometern und einem Verbrauch von 40 Litern Diesel pro 100 Kilometern angesetzt. Hier läge die CO-Emission bei 3.875.520 Kilogramm. Für 32 Ladungen Beton kämen noch einmal 118.272 Kilogramm CO hinzu: „Damit liegt die vorläufige Summe bei 5.293.737 Kilogramm CO.“ Diese knapp 5300 Tonnen entsprechen aktuell dem jährlichen CO-Ausstoß von rund 3700 Autos.

Frerk Meyer, Fraktionsvorsitzender der Grünen, befürchtet, dass weitere mit dem Bau der Straße verbundene Faktoren diese Summe sogar noch erhöhen werden. „Zu den durch den Bau entstehenden CO2-Emissionen kommt hinzu, dass das Autofahren durch fehlende Staus noch attraktiver wird, was weitere Emissionen zur Folge hat.“ Außerdem sei mit der Erschließung eines neuen Wohngebietes im Zuge des Umgehungsstraßenbaus mit einer Zunahme des Autoverkehrs zu rechnen. Bei der Herstellung von Dämmmaterial, von energiesparenden Autos oder Umgehungsstraßen werde heutzutage gerne der CO2 Ausstoß bei der Herstellung in der Einsparungsrechnung vergessen, so Meyer.

Noch mehr Autos auf die Straße? Das halten viele für den falschen Weg

Grit Weiland, Bürgermeisterkandidatin der Buchholzer Liste, ist davon überzeugt, dass es falsch sei, zur Erreichung der Klimaziele, mehr Autos auf die Straße zu holen. „Ob die Berechnungen der NaturFreunde Nordheide e.V. im Detail stimmen, lässt sich so schnell nur schwer beurteilen“, so Weiland. „Fakt ist, dass die Realisierung eines Ostrings mit großräumiger Bodenversiegelung erstens einen großen Kohlenstoffspeicher vernichtet und zweitens durch den bloßen Bau gewaltige CO-Emissionen entstehen würden. Drittens erzeugt jede Straße am Ende mehr Autoverkehr.“

Dass mit Bautätigkeiten CO2-Emissionen einhergehen, weist auch Baudezernent Stefan Niemöller nicht von der Hand. Gleichzeitig verweist er jedoch auf ein wichtiges Motiv für die Planung der östlichen Umfahrung in Kombination mit der im Osten geplanten Quartiersentwicklung „Buchholz 2025+“ - nämlich die Tatsache, dass mit der Beruhigung des Verkehrs im Innenstadtbereich das Radfahren an Attraktivität gewinne.

Verkehr auf dem Ostring sorgt für Entlastung in der Innenstadt?

„Die Nord-Süd-Verbindung über die Canteleu-Brücke über die Kirchenstraße mit dem Knoten zur Bendestorfer/Hamburger Straße ist sehr hoch mit Verkehr belastet. Eine östliche Umfahrung würde die von uns angestrebte Möglichkeit eröffnen, die Kirchenstraße zu einem verkehrsberuhigten Geschäftsbereich weiter zu entwickeln“, so Niemöller. Damit würde der ÖPNV auch zu Hauptverkehrszeiten wieder pünktlich sein Ziel erreichen können und deutlich attraktiver werden. Es wäre zudem viel Platz für großzügige Radfahrverbindungen.

Jede Infrastrukturmaßnahme verursacht den Ausstoß von CO2

„Fest steht: Jede Infrastrukturmaßnahme verursacht am Ende CO-Emissionen. Auch der Bau von Windrädern, die ja künftig sogar in Wäldern gebaut werden können“, sagt Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse. So werde auch die Sanierung des Rütgers-Geländes erheblichen CO-Ausstoß produzieren, und zwar nicht nur der Bodenaushub, der Abtransport und die Dekontaminierung des Aushubs, sondern auch die Neueinbringung von Boden auf der Fläche. „Und dennoch wird die Bebauung dieses Geländes gerade auch von Umweltschützern favorisiert. Sollten wir den CO-Ausstoß an dieser Stelle auch berechnen? Und was ist mit dem Ausbau der Schieneninfrastruktur, über den sich alle einig sind?“ Klar sei, dass ohne irgendwelche baulichen Maßnahmen und deren Folgen die Dekarbonisierung der Gesellschaft und der Wirtschaft nicht gelingen werde, so Röhse. „Jede Maßnahme wird gleichzeitig auch einen Eingriff bedeuten. Ob Solarfelder, Windräder, Schienen- und Straßeninfrastruktur.“