Neues Konzept

Tierschutz statt Tierversuche: Was aus dem LPT-Labor wird

| Lesedauer: 8 Minuten
Rolf Zamponi
Doris Firlus, die Chefin des künftigen Tierzentrums in Mienenbüttel, sitzt auf einem Klettergerät in einer zum Katzenspielplatz umgestalteten Box.

Doris Firlus, die Chefin des künftigen Tierzentrums in Mienenbüttel, sitzt auf einem Klettergerät in einer zum Katzenspielplatz umgestalteten Box.

Foto: Rolf Zamponi

Neuen Nutzer der Räume des ehemaligen Tierlabors in Mienenbüttel richten Anlage für den Tierschutz her. Erste Schritte gemacht.

Mienenbüttel.  Es hat sich viel verändert an der Oldendorfer Straße 41. An diesem späten Nachmittag führt Timo Leuchtenberger durch die Gänge und Räume des ehemaligen, nach Protesten gegen die Tierhaltung geschlossenen LPT-Labors am Rand des Ortes Mienenbüttel.

Der Tierpfleger gehört zu dem Team, das in den vergangenen Wochen teilende Gitter aus den Hundeboxen entfernt und damit den Platz für jedes Tier verdoppelt, teilweise verdreifacht hat. Jeder Hund habe nun auch mehr Auslauf im von ihm stets zu erreichbaren Außenbereich, erklärt der 37-Jährige.

Labor hat ausgedient, nun sollen andere Bewohner einziehen

Zudem wurden Sichtschutzflächen in den Boxen angebracht, damit sich die als gefährlich eingestuften Hunde, die hier künftig leben sollen, nicht ständig ankläffen. Direkt hinter dem Eingang wird der Empfang für das Zentrum eingerichtet und gegenüber soll es einmal ein Gehege für Waschbären geben. Innen liegen für Katzen Spielzeug, Kuschelplätze und Kletterbäume in den Käfigen bereit und gleich nebenan sind ganze Spielplätze für sie entstanden. Am wichtigsten aber ist: Das Labor hat ausgedient. Jetzt soll es zu einem Tierzentrum werden.

Seit Januar werkeln bis zu zehn Personen in und an den Gebäuden. Ein „Großteil“ von ihnen will Doris Firlus, die angehende Geschäftsführerin der geplanten, unter Tierzentrum Neu Wulmstorf firmierenden gemeinnützigen gGmBH einstellen. Zu ihnen gehört auch Leuchtenberger, der als Abschnittsleiter für unterzubringende Wild- und Fundtiere vorgesehen ist. „Das 3,5 Hektar große Gelände mit 1,5 Hektar Auslauffläche für die Hunde sowie die fünf Gebäude sind gut in Schuss“, sagt er während des Rundgangs. „Jedes Tierheim wäre froh, wenn es eine solche Einrichtung nutzen könnte.“ Der große Tag für Firlus, Leuchtenberger und die Mannschaft soll der 1. April werden, die Eröffnung. „Das ist das Ziel“, sagt Firlus.

Doch sicher ist das nicht. Denn den Antrag für die erweiterte Nutzung der Immobilie als Tierklinik und TierpflegeStation liegt zwar seit Mitte Februar beim Landkreis Harburg. Entschieden ist darüber nicht. „Wir prüfen noch“, sagt Kreis-Sprecher Bernhard Frosdorfer. In den Beschluss sollen dabei außer dem Baurecht auch Belange des Natur- und Bodenschutze sowie Kritik und Vorschläge von Tierschützern eingehen. Zudem spricht die Gemeinde Neu Wulmstorf mit, zu der Mienenbüttel gehört.

Bürgermeister Wolf-Egbert Rosenzweig hält derzeit nur die reine Unterbringung von Tieren für denkbar, aber keine weiterführenden Pläne. Das geht aus einer ersten Stellungnahme für die Politik hervor. „Für neue Pläne müssen noch Unterlagen nachgereicht und der Antrag präzisiert werden. Dann werden wir sachlich abwägen und sehen, was gesetzlich möglich ist.“ Entscheidender Termin für Rosenzweig ist der 22. April. Dann soll der Gemeinderat über eine mögliche Strategie für das Tierzentrum beschließen.

Antragsteller ist Thomas Wiedermann, der neue Geschäftsführer der Provio Biosciences, in das sich das Versuchslabor LPT umbenannt hat. Dem Unternehmen, das mit der Umfirmierung nun seinen neuen Kurs für Verbraucherschutz- und Arzneimittelsicherheit zum Ausdruck bringen möchte, gehört die Anlage. Ein Vorvertrag mit Firlus und ihrer gGmbH in Gründung ist geschlossen. „Wir tun viel dafür und wollen es einfach machen, dass hier etwas für den Tierschutz getan werden kann“, sagt Wiedermann. So bietet er eine „günstige Miete“, die gerade die fixen Kosten für Grundstück und Anlage decke, wie Firlus bestätigt. „Wir sind im guten Austausch mit den Behörden der Gemeinde und dem Landkreis“, sagt Wiedermann.

Hamburger Tierschutzverein distanziert sich von Plänen

Keinen Kontakt gibt es dagegen mit dem Hamburger Tierschutzverein (HTV), obwohl der Verein einräumt, dass es Bedarf für den Tierschutz gebe und Firlus ihre wirtschaftliche Position deutlich macht: Ihre einzige wirtschaftliche Verbindung zum ehemaligen Labor sei die vereinbarte Mietzahlung. „Wir werden niemanden einstellen, der ehemals im Labor gearbeitet und damit die Zustände dort akzeptiert hat“, erklärt die 57-jährige, die derzeit noch den Hunde Kontrolldienstes der Stadt Hamburg leitet. Doch der Verein stellt sich klar gegen die Pläne der Branchenkollegen und möglichen künftigen Konkurrenten.

„Natürlich kennt man sich in Tierschutzkreisen, der HTV hält sich aber aus den dortigen Plänen raus“, heißt es in einer Stellungnahme für das Abendblatt. Es sei jedoch eine bittere Pille, dass das (ehemalige, d.R.) LPT Eigentümer bleibe - Pachtgebühren also an ein Tierfolter-Unternehmen fließen und deren Greenwashing unterstützt wird“, schreibt der Diplom-Biologe Sven Fraaß aus der Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Der HTV habe sich eindeutig gegen diesen Plan ausgesprochen und sich davon distanziert. „Mit dem LPT macht man keine Geschäfte.“

Doris Firlus jedoch lässt sich davon nicht beirren. Die gGmbH, die auch Spenden entgegen nehmen soll, soll ein Resozialisationszentrum für benachteiligte Tiere werden. Neben Wild- und Fundtieren sollen gefährliche Hunde, Katzen und Exoten wie Schlangen, oder Spinnen untergebracht werden können.

Künftig soll eine Klinik oder ein Hundehotel möglich sein

„Wir wollen mit drei Hundetrainern zusammen arbeiten, die unterschiedliche Ansätze verfolgen“, sagt Firlus, die schon von klein auf einen Hang zu Tieren hatte und oftmals von ihr gefundene Tiere wie Kröten oder Molche mit nach Hause brachte. Am Standort Mienenbüttel biete das Haus, in dem früher die Affen saßen, nicht nur Platz für ein Bassin für Wasserschildkröten, sondern auch die Chance für eine Tierklinik, die Tierärzte aus dem Kreis nutzen könnten. Auch mit Polizisten die zu verwilderten Tieren gerufen würden, könne man zusammenarbeiten. Das von Firlus ins Auge gefasste Spektrum ist breit.

Finanziert wird der Beginn der Arbeit zunächst aus den Mitteln von fünf Investoren, zu denen neben Firlus auch ihr Partner Fikret Saglamsoy gehört. „Wir haben dafür Zeit und lassen uns Zeit“, sagt sie.

Klar ist, dass parallel zur gGmbH eine GmbH gegründet werden soll. Sie soll zum wirtschaftlichen Bein des Tierzentrums werden. An die Gesellschaft können dann Aktivitäten wie die Klinik, ein Hundehotel, eine Hundeschule, ein Tierheilpraxis oder sogar ein Gebrauchsartikelhandel vergeben werden. Die ließen sich auf dem Gelände untervermieten. Immerhin rechnet die künftige Geschäftsführerin bei 20 bis 30 Mitarbeitern im Zentrum mit monatlichen Kosten im mittleren fünfstelligen Bereich.

„Mein Vater Alfred hat mit schon als kleines Mädchen beigebracht, dass ich immer den Schwachen helfen soll“, sagt Doris Firlus. Das waren für sie vor allem Tiere. Die Benachteiligten unter ihnen sollen nun in der Oldendorfer Straße 41 ein Zuhause finden.

Die Anlage:

  • Das Gelände des ehemaligen Tierlabors in Mienenbüttel ist insgesamt 3,5 Hektar groß. Auf den Gelände stehen fünf Gebäude, die jedes rund 700 bis 800 Quadratmeter Platz bieten.
  • Drinnen gibt es neben den Boxen für Hunde und Katzen mit anschließendem Auslauf und dem Affenhaus, Behandlungsräume, zwei Futterküchen, Büros und Besprechungsräume. Auch Rehkitze, Hasen, Hamster und Meerschweinchen könnten aufgenommen werden. Die Einrichtung soll künftig als Tierzentrum Neu Wulmstorf GmbH firmieren.
  • Vorhanden sind zudem Käfige für Greifvögel oder Wärmebetten für Igel oder Eichhörnchen. Die Betten hat das neue Tierzentrum aus einem Krankenhaus erhalten. In einer Hütte im Freien sind Boxen für kleinere Hunde untergebracht, deren Fußböden sich bei Bedarf heizen lassen.
  • Dem Tierlabor LPT war nach heimlich aufgenommenen Video-Aufnahmen durch Tierschützer Verstöße gegen das Tierschutzgesetz vorgeworfen worden. Es kam zu Demonstrationen und Mahnwachen. Die Erlaubnis zur Haltung von Tieren für Versuche hatte der Landkreis gegenüber dem seit Jahrzehnten bestehenden Tierversuchslabors widerrufen.