Grüne

Klimaneutral? Was das für Bürger bedeutet

| Lesedauer: 8 Minuten
Axel Tiedemann
Michael Lemke (li) will erster grüner Bürgermeister in Buxtehude werden und setzt auf gemeinsame Themen mit dem 17-jährigen Fridays-For-Future-Aktivist Philipp Bravos 

Michael Lemke (li) will erster grüner Bürgermeister in Buxtehude werden und setzt auf gemeinsame Themen mit dem 17-jährigen Fridays-For-Future-Aktivist Philipp Bravos 

Foto: Axel Tiedemann / AT

Im Interview: In Buxtehude verkünden die Grünen, dass sie stärkte Fraktion im Stadtrat werden wollen und auf das Thema Klimaschutz setzen

Buxtehude . In bundesweiten Umfragen haben die Grünen längst die SPD überholt: Bei den niedersächsischen Kommunalwahlen im Herbst dürfte die Partei voraussichtlich stark zulegen. In Buxtehude verkünden die Grünen bereits, dass sie stärkte Fraktion im Stadtrat werden wollen und auf das Thema Klimaschutz setzen. Bei den örtlichen Vorstandswahlen wurden dazu nicht nur erfahrene Kommunalpolitiker wie Bürgermeister-Kandidat Michael Lemke gewählt, sondern als relativ neues Mitglied der 17-jährige Schüler und Fridays-for-Future-Aktivist Philipp Bravos. Im Abendblatt erläutern sie ihre Ziele.

Sie wollen größte Fraktion werden, worauf gründet sich dieser Optimismus?

Michael Lemke:Wir sind hier in Buxtehude bei der Europawahl 2019 schon erfolgreichste Partei geworden. Das ist der Ball, den wir jetzt weiterspielen wollen. Mit guten Antworten auf drängende Fragen wie den Klimawandel.

Sind die Grünen damit so etwas wie natürliche Partner der Fridays-for-Future-Bewegung?

Philipp Bravos: Rein objektiv muss ich mir als Aktivist doch überlegen, wie ich am meisten für meine Sache erreichen kann. Und mit den Grünen kann man eben am meisten erreichen, was den Klimaschutz angeht. Meine Entscheidung heißt aber nicht, dass jetzt die ganze Ortsgruppe bei den Grünen ist. Das war eine rein individuelle Entscheidung.

Lemke: Wenn ich mal dazwischen grätschen darf?

Gerne.

Lemke: Uns ist früh klar geworden, dass wir mit Phillip, jungen Menschen die Hand reichen können. Wir diskutieren hier doch in erster Line etwas, das gerade die Zukunft der jungen Menschen betrifft. Und das diskutieren wir gemeinsam mit einem klaren Ziel.

Das haben Sie bereits formuliert: Buxtehude soll bis 2035 klimaneutral werden. Hatten Sie nicht ursprünglich dieses Ziel schon für 2030 anvisiert?

Lemke: Ja, wir hatten ursprünglich diese Idee. Andere Städte wie Tübingen mit dem Grünen-Bürgermeister Palmer sind auch auf den Weg dorthin. Aber Buxtehude steht da noch ganz am Anfang, am Nullpunkt. Einfach sagen, wir wollen es werden und dann werden wir es – so einfach ist das nicht. Deshalb 2035.

Was bedeutet das für den Bürger? Muss ich jetzt bald meine 7000-Euro teure und neue Gas-Heizung bald wieder rausschmeißen, mein Auto verschrotten?

Bravos: Klimaschutz ist keine Sache, wo uns am Ende alles verboten wird. Wenn Freiheiten eingeschränkt werden, entstehen in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft neue Freiheiten, neue Handlungsmöglichkeiten. Das heißt: Wir wollen Push-Faktoren schaffen, die beispielsweise bewirken, dass der Autoverkehr nicht mehr nötig ist und es viel attraktiver ist, mit dem ÖPNV zu fahren, weil er gut getaktet und zuverlässig ist.

Na, bei der S-Bahn fällt mir derzeit nicht gerade das Wort attraktiv ein. Aber noch einmal: wollen Sie vorschreiben, welche Heizung ich haben muss?

Bravos: Nein, wollen wir nicht. Wir wollen aber beispielsweise mit den Stadtwerken zusammen gute, attraktive Konzepte entwickeln, um dieses Ziel bis 2034 zu erreichen. Vieles kann man auch nicht nur kommunal entscheiden, das ist klar.

Aber Sie könnten sagen, die Stadtwerke liefern kein Erdgas mehr…

Bravos. Man könnte zum Beispiel mit Hilfe der Stadtwerke Solaranlagen auf möglichst vielen Dächern installieren. Etwas, was die Freiheit der Bürger nicht groß einschränkt.

Das schränkt aber enorm ein, wenn ich etliche tausend Euro investieren muss.

Lemke: Ich würde das anderes sehen: Wir möchten, dass dem Bürger bewusst wird, dass er einen Mehrwert bekommt, wenn Buxtehude beispielsweise eine Solarstadt wird; vielleicht sogar die Solarstadt des Nordens! Jedes mögliche Dach sollte dann mit einer Solarfläche ausgestattet werden. Aber man macht den Bürgern ein Angebot: Dieses Dach möchten wir gerne nutzen, Sie bekommen den Betrag x dafür. Oder Sie nutzen selbst den Strom, vielleicht irgendwann auch zum Heizen. So etwas könnte man auch für Geothermie denken. Buxtehude könnte dann Schritt für Schritt unabhängiger werden. Unser Traum ist, dass wir Buxtehude völlig autark von externen Energieproduzenten bekommen. Das darf aber nicht dazu führen, dass die Bürger übermäßig finanziell belastet werden.

Also Klima-Neutralität, die dem Bürger aber nicht viel kostet?

Lemke: Wir wollen ihn einladen: Möchtest Du bei diesem wunderbaren Projekt mitmachen? Dann reichen wir die Hand, dann musst Du dieses Spiel aber auch mit spielen und beispielsweise 30 Quadratmeter Deines Daches zur Verfügung zu stellen.

Bravos. Natürlich gibt es auch Konzepte zur Finanzierung, Ratenzahlen etwa. Am Ende rechnet sich das nach 25, zehn oder auch weniger Jahren.

Das sind schon gewaltige Zeit-Horizonte und dann darf in den 20 Jahren auch nix kaputtgehen. Aber gut, was bewirkt das aber nun fürs Klima? Wenn man sich die weltweiten Dimensionen der CO2-Emissionen anguckt, ist Deutschland nur mit etwa zwei Prozent dabei.

Lemke: Als Deutscher oder Europäer haben wir auch eine Verpflichtung: Wir verbrauchen Ressourcen, die andere noch nicht einmal ansatzweise zur Verfügung haben. Klimagerechtigkeit heißt dann, dass wir anderen Nationen verpflichtet sind, unseren Anteil an einer Begrenzung so schnell wie möglich zu erreichen.

Und das ist auch eine Vorbildfunktion. Wenn wir eine völlig unabhängige Energieversorgung in Buxtehude hinbekommen, ist das ein enormer Wettbewerbsvorteil als Region und schafft auch eine Art von Wohlstand.

Also Klima-Neutralität – ohne den Wohlstand aufgeben zu müssen, das soll klappen?

Bravos: Einerseits muss das Ziel sein, den Wohlstand aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig muss man aber auch fragen, ob das, was wir die ganze Zeit konsumieren, uns glücklicher macht.

Sollte das nicht eine individuelle Frage sein? Ich möchte nicht, dass andere bestimmen, was mich glücklicher macht!

Bravos: Das will ich damit auch nicht sagen: Wir müssen aber darüber in Gespräch kommen, wie wir 2030 leben wollen. Und über Klimagerechtigkeit: Ich bin jetzt 17 Jahre alt und habe Angst, dass wir bald schon ständig in einer Krisengesellschaft leben, Handelsketten zusammenbrechen, flüchtende Menschen zu uns kommen müssen. Mit welchem Recht kann ich da einen SUV fahren? Warum sollte man nicht ein Verbot dafür setzen, etwa zum Schutz der Fidschi-Inseln? Wir haben doch überall Verbote und Regelungen.

Das wäre mir zu symbolhaft: Man ist immer schnell beim SUV-Verbot. Über den VW-Bus spricht keiner, der hat ein anderes, ein alternatives Image, verbraucht aber viel mehr..

Lemke: Wir erkennen doch, dass sich die Welt eindeutig klimatisch verändert. Darauf müssen wir reagieren. Und das ist die Aufgabe der Politik: Potenzielle Gefahren zu erkennen und dann der Gesellschaft ein Angebot machen, wie gutes Leben weiter möglich ist – aber eben unter den neuen Anforderungen, die dann auch die Industrie zu neuen Produkten zwingen.

Wir können etwas ändern, auch in unserem kleinen Buxtehude.

Vielleicht noch ein konkretes Beispiel dazu?

Bravos: Der Gebäudesektor ist für ein Drittel der Emissionen verantwortlich. Da kann man auch als Kommune viel machen. Zum Beispiel, indem jedes neue öffentliche Gebäude klimaneutral gebaut wird.

Klimaschutz, Nachhaltigkeit – das haben sich mittlerweile viele Parteien auf die Fahnen geschrieben - auch die Bürgermeisterin und ihre Verwaltung hier in Buxtehude.

Lemke: Wir aber leben das, das ist Teil der grünen DNA; schon immer. Und wie sieht es denn tatsächlich aus? Das postulierte Nachhaltigkeitsziel für die neue Halle Nord ist ja in Ordnung, aber immer noch Old-School. 2050 soll Deutschland klimaneutral sein, die Halle Nord wird es nicht: Wie kann man da feiern, wenn man so ein Ziel verfehlt? Das hätten wir anders gemacht – auch wenn es erstmal teurer wird.

Bravos: Das ist der Unterschied: Die Grüne haben es verstanden und stellen sich auch den unangenehmen Fragen beim Klimaschutz.