Nahverkehr

Mobile Zukunft im ländlichen Raum

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Rolf Zamponi
Am Bahnhof in Winsen hält ein Winsenbus. Die Busse fahren im Stadtgebiet. Ihre Ankunft- und Abfahrtszeiten sind mit den Zügen vertaktet.

Am Bahnhof in Winsen hält ein Winsenbus. Die Busse fahren im Stadtgebiet. Ihre Ankunft- und Abfahrtszeiten sind mit den Zügen vertaktet.

Foto: Christoph Marquardt

Winsen und vier Gemeinden planen übergreifenden Verbindungen mit dem Anruf-Linien-Taxi. Das Projekt wird Geld von der EU gefördert.

Winsen. Der Nahverkehr zwischen der Kreisstadt und den vier Gemeinden Elbmarsch, Seevetal, Stelle und Salzhausen soll deutlich verbessert werden. Das ist das Ziel von Verwaltung und Politik in Winsen. Schon im Dezember 2019 hatten sie ein inzwischen laufendes, rein städtisches Projekt mit Anruf-Linien-Taxis (ALT) gestartet. Jetzt soll stadtübergreifende weitergearbeitet werden. Für die Vorbereitung sind bereits Fördergelder von der EU geflossen. „Nach weiteren Gesprächen mit den Gemeinden und dem Landkreis soll nun ein weiterer Antrag gestellt werden, um den Einsatz der Taxis in der gesamten Region umzusetzen“, sagte Johann Reinhardt, der zuständige Mobilitätsmanager der Stadtverwaltung, dem Abendblatt.

Für das Projekt unter dem Titel „Flexibel mobil - Verkehrliche Verknüpfung der Gemeinden im Landkreis Harburg“ arbeitet die Kreisstadt zum zweiten Mal mit dem Oldenburger Verkehrsplanungsbüro Mobile Zeiten von Christoph Marquardt zusammen. Dessen Vorschläge fußen auf fünf Bürgerveranstaltungen in den jeweiligen Orten, die im Sommer 2020 noch in Präsenz ablaufen konnten. Zudem konnten Verwaltungen, Bürgermeister sowie Multiplikatoren aus Vereinen und Institutionen ihre Wünsche für Verbindungen zwischen den einzelnen Orten nennen. Eine Online-Befragung schloss sich an. Knapp 700 Bürger beteiligten sich. Die Kosten für die Arbeit von Marquardts Team, die im niedrigen fünfstelligen Bereich lagen, wurden mit 60 Prozent gefördert.

Der Oldenburger Raumplaner hat nun einen Katalog von Empfehlungen zusammengestellt. Dazu gehören ALT-Angebote von Salzhausen und der Elbmarsch in Richtung Lüneburg, vom Süden Seevetals in Richtung Stelle und grundsätzlich zu den Bahnhöfen Stelle, Ashausen, Winsen und Maschen. Zubringer zu dem Sprinter-Bus zwischen Winsen und Salzhausen wären ein Option oder auch eine Verlängerung der bestehenden ALT-Linie nach Bahlburg bis Vierhöfen, das zur Samtgemeinde Salzhausen zählt. „Wir setzen jetzt den Dialog mit den Gemeinden darüber fort, was umgesetzt werden kann“, sagt Reinhardt. Am Donnerstagabend gab Marquardt einen Zwischenbericht im städtischen Bau- und Verkehrsausschuss.

Büro Mobile Zeiten hat sich gegen zwei Mitbewerber durchgesetzt

Auch die Einrichtung von ALT-Linien, die von Haltestellen zu einem Ziel oder vom Wohnort zu einer Haltestelle genutzt werden können, kann nach einem erfolgreichen Antrag erneut mit 60 Prozent der Kosten und maximal 300.000 Euro gefördert werden. Das Programm „Verbesserung der Stadt-/Umlandmobilität im öffentlichen Personennahverkehr (Flexible Bedienformen) läuft noch bis Ende 2022. Abgewickelt wird es in Niedersachsen über die landeseigene N-Bank, die die Gelder von der EU verteilt.

Ausgangspunkt für die stadtübergreifenden Überlegungen war eine unbefriedigende Situation im Winsener Stadtverkehr. Im Jahr 2019 hatte das Büro Mobile Zeiten die Lage analysiert und sich für den von der Stadt ausgeschriebenen Auftrag gegen zwei andere Bewerber durchgesetzt.

Die Situation: Die drei Ringlinien der Busse wurden nur wenig nachgefragt, die außerhalb der Kernstadt liegenden Ortsteile waren kaum erschlossen. Das zu diesem Zeitpunkt fahrende Anruf-Sammel-Mobil war zumeist allenfalls mit einer Person besetzt. „Die Angebote waren nicht untereinander abgestimmt. Das führte dazu, dass Busse von Borstel nach Winsen und von Pattensen nach Winsen mit jeweils wenigen Fahrgästen hintereinander herfuhren“, erinnert sich Marquardt.

Taxiunternehmen stellt die sechs Fahrzeuge

Das hat sich nun geändert. Die Linien sind auf den Winsener Bahnhof ausgerichtet und erreichen ihn stets zur Minute 30. Das macht es leicht, pünktliche Zügen nach Hamburg, die zur Minute 38 abfahren, zu erreichen und von Zügen aus Hamburg, die zur Minute 18 ankommen, in die Busse zu steigen. Das neu eingerichtete ALT bietet ein durchgehendes Angebot in der Stadt und den Ortsteilen. Die sechs eingesetzten Fahrzeuge stellt ein Taxi-Unternehmen. Die Regie liegt beim Verkehrsunternehmen KVG in Stade. Ein Ticket kostet die Nutzer 3,50 Euro.

Obwohl die Corona-Pandemie die erwarteten Zuwächse bei den Fahrgastzahlen ausgebremst hat, kann Mobile-Zeiten-Inhaber Marquardt auf steigenden Nutzerzahlen verweisen. So lag die Zahl der Buchungen für das ALT im Dezember 2020 bei mehr als 700, nachdem es im Januar noch gut 200 waren. Jeden Tag fuhren zwar weiter rund 400 Menschen in den nun unter Winsenbus firmierenden Stadtbussen.

Doch das sei vor dem Hintergrund der Pandemie kein schlechtes Ergebnis, erklärt Marquardt. Denn nach Zahlen des Bundesforschungsministeriums ist das Verkehrsaufkommen bundesweit während der Corona-Zeiten um 29 Prozent gesunken. Der Anteil des öffentliche Verkehrs nahm von zehn auf acht Prozent ab. „Berücksichtigt man diesen doppelten Negativ-Effekt, sind die Zahlen für Winsen vielversprechend.“

Die Stadt lässt sich das ALT jährlich 170.000 Euro kosten. Gut angelegtes Geld, wie Marquardt findet: „Nahmobilität wird immer wichtiger.“ Denn es komme zunehmend darauf an, dass zentrale Punkte zum Umsteigen wie Bahnhöfe vor Ort gut erreichbar seien. „Nur dann kann der Öffentliche Personennahverkehr auf die Dauer punkten.“