Evangelische Kirche

Missbrauchsopfer: „Das Trauma geht nicht weg“

| Lesedauer: 15 Minuten
Lena Thiele
Missbrauchsopfer der Kirchengemeinde Rosengarten in den 80er und 90er Jahren. Katharina Kracht im Wohnzimmer ihres Bremer Hauses. Thema / Foto:Andreas Laible / Funke Foto Services

Missbrauchsopfer der Kirchengemeinde Rosengarten in den 80er und 90er Jahren. Katharina Kracht im Wohnzimmer ihres Bremer Hauses. Thema / Foto:Andreas Laible / Funke Foto Services

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Katharina Kracht wurde jahrelang von einem Pastor missbraucht. Heute kämpft sie für Aufarbeitung in der evangelischen Kirche.

Nenndorf.  Mit Rosengarten hatte Katharina Kracht lange abgeschlossen. Seit ihrer Studienzeit wohnte sie in Bremen, hatte einen geregelten Beruf, einen Ehemann. Nur manchmal fuhr sie mit dem Zug nach Hamburg, quer durch den Norden Niedersachsens. Aus der Ferne konnte sie die Dörfer, in denen sie aufgewachsen ist, und auch den Turm der Nenndorfer Kirche erahnen. Dann kam die Erinnerung zurück.

Als Jugendliche wurde Katharina Kracht über mehrere Jahre von ihrem Pastor missbraucht. Jörg Deneke war von 1986 bis 1996 Pastor in der heutigen Kirchengemeinde Rosengarten im Kirchenkreis Hittfeld, zuvor war er in Wolfsburg tätig, danach wechselte er nach Tostedt. Er starb 2013 im Alter von 70 Jahren. Für den heute bekannten Missbrauch an mehreren Jugendlichen wurde er nie belangt. Katharina Kracht leidet bis heute unter den Folgen – auch weil aus ihrer Sicht die Strukturen der evangelischen Kirche eine Aufarbeitung noch immer erschweren. Im Juli dieses Jahres machte sie ihren Fall zunächst unter Pseudonym öffentlich.

Der Pastor galt im Dorf als fortschrittlich

Jetzt erzählt die heute 47-Jährige offen von Machtmissbrauch, Manipulation und ihrem mühsamen Weg durch die Institution Kirche. Die dunklen Haare hat sie locker hochgesteckt, die blauen Augen blicken konzentriert, als sie in Gedanken drei Jahrzehnte zurückgeht. Die Übergriffe begannen 1988. Zwei Jahre zuvor war die damals 13-Jährige neu in die Konfirmandengruppe gekommen, nachdem sie im Unterricht im Nachbardorf angeeckt war. „Ich galt als schwierig und rebellisch, aber eigentlich suchte ich nach Halt und Sinn“, sagt Katharina Kracht, die bei einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs.

In der Jugendgruppe, die sich nach der Konfirmation um den Pastor bildete, fühlte sich das Mädchen endlich wahrgenommen. Jörg Deneke galt als fortschrittlich, ein Gegenentwurf zu den vermeintlich spießigen Erwachsenen in der dörflichen Region. Er setzte sich für linke Ideen ein, sammelte Spenden für Menschen in Nicaragua, sprach mit den Jugendlichen über die Zerstörung der Umwelt und die Armut auf der Welt. Katharina Kracht fühlte sich als Teil von etwas Bedeutsamen. „Er hat ganz stark bedient, dass wir die Guten waren.“

Es gab Umarmungen und Massagen in der Jugendgruppe

Die Jugendlichen durften ihn duzen, er schlug Vertrauensspiele, Tänze mit Umarmungen und gegenseitige Massagen vor. Dass seine Hände dabei einmal sehr hoch auf ihrem Oberschenkel waren, fand sie zwar merkwürdig. Ebenso wie die Gute-Nacht-Küsse für alle jungen Betreuerinnen auf der Konfirmandenfahrt. „Aber diese anbahnenden Übergriffe fanden immer vor Publikum statt. Und er war doch der Pastor, verheiratet, hatte Kinder.“ Heute sei ihr klar, dass der erwachsene Mann das Bedürfnis der jungen Menschen nach Nähe und Zusammenhalt ausnutzte. Und dass er ein Gespür dafür hatte, wer besonders bedürftig war.

Viele Jahre später liest Katharina Kracht in ihrem Tagebuch, wie sehr sie sich damals über eine einfache Umarmung gefreut hat. Sie sei in dieser Zeit sehr einsam gewesen, sagt sie. Die Aufmerksamkeit des Pastors füllte diese Lücke. Hinzu kam die Furcht, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden. „Wenn es nicht so funktionierte, wie er es wollte, hat er seine Ablehnung deutlich gezeigt.“

Erst nach Jahren gelingt ihr die Trennung

Etwa drei Jahre nach den ersten Übergriffen begann während einer weiteren Freizeit der schwere sexuelle Missbrauch. Der Pastor habe sich ihr nachts auf dem Matratzenlager genähert, sie gestreichelt und geküsst, sagt Katharina Kracht. Sie sei zunächst erschrocken gewesen. „Aber vor allem habe ich gedacht: Wenn er das mit mir tut, dann muss er mich lieben.“ Von da an verbrachte sie jede freie Minute mit ihm im Pfarrhaus, entfernte sich immer weiter von ihren Freundinnen. Von Anfang an habe sie gewusst, dass sie nicht darüber reden dürfe, sagt sie heute. „Er schuf eine gespaltene Welt, das Wir gegen die anderen. Immer wieder hat er mir erzählt, dass ich besonders reif für mein Alter sei. Und die Einzige, die ihn verstehen könne.“

Katharina Kracht erkennt lange nicht, dass sie missbraucht und manipuliert wird. Mit 21 Jahren wird sie schwanger von dem Pastor und hat einen Abbruch. Sie versucht mehrfach, die zunehmend belastende Beziehung – als solche nimmt sie es wahr – zu beenden. Doch erst 1997, als sie sich in ihrem Studium und an ihrem neuen Wohnort gut aufgehoben fühlt, gelingt ihr dies. „Noch lange hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den armen Mann allein gelassen habe. Heute weiß ich, dass er sich schon kurz darauf den nächsten jungen Mädchen genähert hat. Vor und nach mir hat es andere gegeben.“ Aus Gesprächen mit weiteren Betroffenen wisse sie von Fällen, die bis ins Jahr 1975 zurückgehen. Bei der Landeskirche Hannover haben sich bisher acht Betroffene gemeldet, die von Übergriffen im Kirchenkreis Hittfeld und im Kirchenkreis Wolfsburg berichten.

Die Art des Pastors stieß auf Kritik, als Täter wurde er nicht wahrgenommen

Eine von ihnen ist Dörte Münch. Sie war gerade konfirmiert worden, als Jörg Deneke Pastor in Nenndorf wurde. Ihr Engagement im Kirchenkreisjugendkonvent sei bei ihm nicht gut angekommen, erzählt die heute 49-Jährige am Telefon. Deneke habe den anderen Jugendlichen deutlich gemacht, dass die gemeindeübergreifenden Aktionen nicht an das innergemeindliche Miteinander herankämen. Seine besonders lockere Art sei damals von den Jugendlichen jedoch unterschiedlich aufgenommen worden. „Nicht alle waren von ihm überzeugt, es gab auch immer Zweifel.“

Als Teamerin begleitete Dörte Münch mehrere Freizeiten, 1990 kam es zu einem Übergriff. „Er hat mir beim Tanzen unter das T-Shirt gegriffen. Wenn ich daran denke, spüre ich jetzt noch kalte Wut.“ Sie befreite sich sofort aus der Situation. Doch das Gefühl von Schuld und Scham ist bis heute geblieben. Sie ging innerlich auf Abstand zu Deneke, auch der Kontakt zu ihrer Freundin, die sich zunehmend mit dem Pastor abseilte, wurde weniger. Dass der Pastor Katharina missbrauchte, habe sie nicht geahnt. „Katharina, so dachten wir, kann ja frei für sich entscheiden. Aber das, was der Pastor machte, fanden wir merkwürdig. Wir versuchten uns selbst zu schützen, aber dass er ein Täter war, der bewusst unsere Grenzen überschritt, darauf sind wir nicht gekommen.“

Katharina Kracht hat eine posttraumatische Belastungsstörung

Sie selbst verließ Nenndorf kurz nach dem Übergriff, um zu studieren. Heute lebt die Lehrerin für evangelische Religion im Rheinland. Der Missbrauch habe sie nicht traumatisiert, sagt Dörte Münch. Doch er habe Spuren hinterlassen, die sich durch ihr Leben ziehen. Jetzt darüber zu sprechen sei eine Befreiung. „Es hat sich etwas gelöst, was im Untergrund immer ungut war. Geschichte verschwindet nie ganz, auch wenn man vergessen will.“

Viele Jahre, nachdem sie ihr Dorf und die Gemeinde hinter sich gelassen hat, wird bei Katharina Kracht eine schwere posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Sie leidet an Angstanfällen, Schlafstörungen, Flashbacks und Migräne. Lange hat sie sich vorgeworfen, warum sie nicht Nein gesagt hat. Erst durch eine Therapie erkannte sie, dass der Täter sie manipulierte, emotional missbrauchte und ihr Vertrauen ausnutzte. Heute kann sie mit eigenen Worten von dem Missbrauch berichten, ohne der Erzählung des Pastors und seiner Deutungsmacht zu folgen. Vor einigen Monaten hat sie zudem begonnen, das Erlebte aufzuschreiben. „Das Trauma geht nicht weg, aber man lernt, damit zu leben. Mit Therapie und Aufarbeitung kann man viel erreichen.“

Die Aufarbeitung in der Kirche gestaltet sich schwierig

Im August 2015 wandte sie sich an die Ansprechstelle für Opfer sexualisierter Gewalt der Landeskirche Hannovers. „Als ich das Telefon in der Hand hatte, zitterten meine Hände“, schildert Katharina Kracht diesen Schritt. Es sei sehr schwierig gewesen, einen Ansprechpartner zu finden, ihre Recherchen im Internet seien immer wieder ins Leere gelaufen. Ein erstes Treffen habe ihr aber Mut gemacht, diesen Weg weiterzugehen.

Sie stellte einen Antrag auf Entschädigung an die Landeskirche. Die zuständige Kommission kam zu dem Schluss, es bestehe „kein Zweifel“, dass Katharina Kracht über zehn Jahre hinweg dem Pastor und seinen „regelmäßigen massiven sexuellen Übergriffen sowie seiner Manipulation und Willkür“ ausgesetzt gewesen sei. Sie erhielt 35.000 Euro als sogenannte Leistung in Anerkennung erlittenen Leids. Die Summe erscheine zunächst sehr hoch, sagt die Pädagogin. Sie decke aber bei Weitem nicht die Kosten, die ihr durch Therapie, verspäteten Berufseinstieg und jahrelange Teilzeittätigkeit entstanden sind.

Das Erzählen nimmt den Tätern die Macht

Der Aufarbeitungsprozess mit der Kirche gestaltet sich für Katharina Kracht bis heute schwierig. Nach der Zahlung sei die Bereitschaft zur weiteren Aufarbeitung nur gering gewesen, sagt sie. So wurde sie selbst aktiv, schrieb E-Mails an Pastoren, die mit Jörg Deneke zusammengearbeitet hatten, und an die betroffenen Gemeinden. Dort wird die Aufarbeitung intensiv vorangetrieben.

Zwar könne nie ausgeschlossen werden, dass ein vergleichbarer Fall auftrete, sagt die heutige Nenndorfer Pastorin Katharina Behnke. Aber die Menschen könnten anders reagieren als damals. In vielen Gesprächen habe sie gemerkt, dass der Prozess des Umdenkens nicht einfach sei, aber voranschreite. „Die Leute müssen sich ihr Weltbild zurecht­rücken.“ Die Kommunikation mit der Landeskirche sei bei diesem Thema allerdings nicht immer einfach gewesen, Kompetenzen seien unklar, Entscheidungswege langwierig gewesen. „Vor Ort bin ich auf große Unterstützung getroffen“, betont Katharina Kracht. Bei der Landeskirche habe sich dies jedoch auf einige engagierte Menschen beschränkt.

Diese Erfahrung hat auch Dörte Münch gemacht. Die Strukturen seien längst nicht ausreichend professionalisiert. „Die evangelische Kirche befindet sich noch in der Steinzeit, was sexualisierte Gewalt angeht. Für Prävention und Schutz wird zwar mittlerweile einiges unternommen, aber an die Aufarbeitung will niemand so richtig ran. Aber die ist genauso wichtig, weil sie Betroffenen ermöglicht, ihre Geschichte zu erzählen. Dadurch können sie endlich den Tätern die Macht nehmen.“ Heute ist sie auf der Leitungsebene ihrer Kölner Gemeinde aktiv und versucht, sich für das Thema einzusetzen. Denn sie ist überzeugt: Neues kann nur geschaffen werden, wenn die Vergangenheit aufgearbeitet wird. „Ich möchte eine glaubwürdige Kirche haben. Dafür muss das auf den Tisch gebracht werden. Sonst brauchen wir diese Institution nicht mehr.“

Kirche räumt Versäumnisse bei der Aufarbeitung ein

Katharina Kracht ist von der Kirche enttäuscht. „Es muss aufhören, dass die EKD denkt, sie könne alles intern regeln. Auf der Ebene der Aufarbeitung gibt es noch viel Handlungsbedarf.“ So ist es aus ihrer Sicht unerlässlich, dass Strukturen und Prozesse der Aufarbeitung innerhalb der Landeskirche standardisiert und Mitarbeiter systematisch geschult werden. Anlaufstellen für Betroffene müssten einfach zu finden und mit Mitarbeitern besetzt sein, die im Umgang mit traumatisierten Menschen qualifiziert sind. „Alle müssen wissen, was zu tun ist, wenn jemand sie anspricht.“ Ebenso müssten Anschuldigungen nach einem festgelegten Verfahren gründlich geprüft werden. Wichtig sei zudem eine von der Kirche unabhängige Ombudsperson, die Betroffenen hilft, gehört zu werden. Über die Einrichtung einer solchen Stelle auf Ebene der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) werden zurzeit Gespräche geführt.

Um den Prozess der systematischen Aufarbeitung voranzutreiben, hat sich Katharina Kracht in den Betroffenenbeirat der EKD wählen lassen, der im September seine Arbeit aufgenommen hat. Das ehrenamtlich tätige Gremium begleitet die Arbeit des kirchlichen Beauftragtenrates zum Schutz vor sexualisierter Gewalt und setzt sich für die Interessen anderer Betroffener ein. Katharina Kracht will, dass die Menschen in der Kirche noch gründlicher hinsehen. „Die Reaktion, das könne doch gar nicht sein, kommt leider ganz schnell. Deshalb muss Missbrauch erkannt und deutlich benannt werden.“

Die Landeskirche Hannovers räumt Versäumnisse bei der Aufarbeitung ihres Falls ein. In der Vergangenheit seien die meisten Berichte von sexualisierter Gewalt aus dem Bereich der Heimkinder gekommen, sagt Sprecher Benjamin Simon-Hinkelmann. Für Taten, die innerhalb der Kirchengemeinden verübt wurden, hätten dagegen kaum Erfahrungen vorgelegen, wie ein Aufarbeitungsprozess verlaufen könne. „In der ersten Phase der Aufarbeitung gab es einige Abstimmungsprobleme und auch schlicht Fehler aufseiten der Landeskirche, die wir sehr bedauern.“

Betroffene können sich an Anlaufstelle der Kirche wenden

Inzwischen seien die internen Vorgänge entsprechend verändert worden, sodass Betroffene grundsätzlich sehr zeitnah Rückmeldungen erhielten. Der Sprecher betont: „Die Landeskirche arbeitet daran, die Strukturen für den Umgang mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt weiter zu professionalisieren.“ So wurde die zentrale Anlaufstelle help für Betroffene von sexualisierter Gewalt geschaffen, die von EKD und Diakonie gemeinsam getragen wird. Die Unabhängige Kommission, die über Leistungen für Betroffene entscheidet, ist inzwischen für alle evangelischen Landeskirchen in Niedersachsen und Bremen zuständig. Eine wissenschaftliche Untersuchung soll zudem klären, welche institutionellen Strukturen innerhalb der Kirchen solche Taten erst möglich machen und wie diese entsprechend verändert werden können.

Zwei Jahre, nachdem sie bei der Kirche angerufen hat, fährt Katharina Kracht zu einem Klassentreffen in ihre alte Heimat. In langen Gesprächen mit früheren Freunden stellt sie fest, dass das Verhalten des Pastors damals einigen Jugendlichen merkwürdig vorkam. „Aber niemand hat es als Missbrauch erkannt. Der Pastor wurde nicht kontrolliert. Er konnte tun, was er wollte.“