Kehdinger Land

Bewahrer der alten Küstenschiffer-Tradition

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Axel Tiedemann
Volker von Bargen ist Ehrendirektor des einzigen deutschen Museums, das sich allein auf die Küstenschifffahrt spezialisiert hat.

Volker von Bargen ist Ehrendirektor des einzigen deutschen Museums, das sich allein auf die Küstenschifffahrt spezialisiert hat.

Foto: Axel Tiedemann / AT

Der Wischhafener Volker von Bargen bekam das Bundesverdienstkreuz verliehen für den Aufbau eines einzigartigen Museums in Deutschland

Wischhafen.  Hier im großen Ausstellungsraum im oberen Geschoss des alten Wischhafener Getreidespeichers hat Volker von Bargen dieser Tage trotz Coronapause gut zutun: Historische Fotos, Zeichnungen und Modelle von kleinen Frachtern packt er zusammen und verstaut sie in Kartons. Erst bei näherem Hinschauen fällt auf, dass vieler diese Schiffe Geschütze oder Maschinengewehre tragen. „Küstenschifffahrt in Krieg und Frieden“, so hieß hier die letzte Sonderausstellung. Sobald das Museum Ostern wieder öffnen kann, wird ein neues Thema dieser besonderen Schifffahrtssparte zu sehen sein, die bis heute die Unterelbe und ihre vielen kleinen Häfen prägt. „Das wird spannend“, freut sich von Bargen jetzt schon. Das große Modell eines modernen Küstenmotorschiffs, eines „Kümos“, bekam das Museum dazu von einem Reeder als neues Ausstellungsstück. Dazu viel Filmmaterial, das zeigt, wie dieses Kümo als Modell in der Schiffbauversuchsanstalt auf seine Eistauglichkeit hin getestet wurde.

Ehrendirektor des einzige Küstenschifffahrts-Museums

Ein Spezialthema für ein Spezialmuseum. Der 77-jährige Volker von Bargen ist Mitbegründer und Ehrendirektor dieses einzigen deutschen Küstenschifffahrts-Museums. Für sein langjähriges Engagement bekam er jetzt das Bundesverdienstkreuz verliehen. Das Museum sei mittlerweile „das Zentrum der historischen Küstenschifffahrt in Deutschland“, heißt es in der Begründung. „Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Arbeit des Museums aufgrund seiner Einzigartigkeit unseren Landkreis Stade international bekannt gemacht hat“, heißt es zudem in der Würdigung durch den Stader Landrat Michael Roesberg. Bedeutung habe das Museum aber nicht nur in Fachkreisen, sondern auch als Ziel für Touristen und Ausflügler. „Wir haben Volker von Bargen und seinen zahlreichen Mitstreiten aus dem Land Kehdingen somit viel zu verdanken“, meint der Landrat.

Wischhafen war früher ein großer Umschlagplatz für Holz

Viel Lob für den graubärtigen Wischhafener, der lieber davon redet, wie viele noch dabei waren beim Aufbau dieses außergewöhnlichen Museums ganz im Norden des Landkreises. Und dass er einmal Museumsdirektor werden sollte, das war in jüngeren Jahren auch nicht gerade absehbar, sagt er: „Das hätte ich im Leben nicht gedacht.“ Aber wie so oft entwickelt sich aus vielen kleinen Dingen manchmal eine große Sache: Und so war es wohl auch hier. Mit Seefahrt hatte Volker von Bargen eigentlich lange nichts zu tun. Gut, in der entfernten Verwandtschaft gab es eine große Reederfamilie im Ort. Und Volker von Bargen wuchs hier an der Hafenstraße auf. Bis zum Zweiten Weltkrieg war Wischhafen noch ein relativ bedeutender Umschlagplatz an der Elbe: Kohle, Baumaterial und dabei vor allem Holz wurden hier gelöscht. Es gab Werften und Zulieferer. Nach dem Krieg verlor der Hafen seine wirtschaftliche Bedeutung. Doch noch immer gibt es in den Ortschaften hier aus dieser Tradition viele kleine Reedereibetriebe.

Volker von Bargen selbst konnte wegen eines Augenfehlers allerdings nicht zur See fahren und war eigentlich Einzelhändler in Wischhafen. Die Verbindung zu Schiffen kam erst später mit dem Sportbootführerschein und einem alten Fischkutter aus Holz, den er gemeinsam mit seinem Bruder und einem Freund besaß. Und dann war da am Hafen noch der alte Getreidespeicher, der einem Freund gehörte. Das Backsteingebäude war sanierungsbedürftig und ließ sich kaum noch vermieten. Mit Freunden und Bekannten aus dem Ort dachte man lange über eine Nutzung nach und kam schließlich auf die Idee mit einem Museum, das zu Wischenhafen passt.

Ein Dutzend Leute hob das Museum aus der Taufe

„Wir waren zwölf Leute und hatten alle keine Ahnung, wie man ein Museum aufzieht“, sagt von Bargen. Doch über Kontakte kam professionelle Hilfe vom Museum für Hamburgische Geschichte. 1994 wurde der Betriebsverein gegründet. Und gleich zur ersten Ausstellung kamen dann mehr als 1000 Besucher. Für Volker von Bargen und seine Mitstreiter das Signal, dass sie mit dem Museum offensichtlich in der Region einen Nerv getroffen hatten. Der Verein bekam neue Mitglieder und die früheren Museums-Laien fanden sich plötzlich in internationalen Arbeitskreisen wieder, in denen zur Geschichte der Küstenschifffahrt geforscht wurde.

Über Kontakte kamen immer mehr Ausstellungsstücke dazu

Über die Kontakte kamen dann auch immer mehr Ausstellungsstücke zusammen, das Museum im Getreidespeicher wuchs und auch der alte Hafen wurde schließlich als Traditionshafen ein Teil davon. Vor allem mit dem 1956 gebauten Kümo „Iris-Jörg“, der dort als Museumsschiff liegt und durch viel ehrenamtliche Arbeit und Spenden erhalten wurde. Bis 2018 war von Bargen gleichzeitig Vereinsvorsitzende und Leiter des Museums. 2018 wurde er Ehrendirektor und „Hafenkapitän auf Lebenszeit“.