Besuch im geplanten Tierzentrum

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Axel Tiedemann
Fikret Saglamsoy zieht im "Futterhaus" neue Elektrokabel ein, der Hamburger Unternehmer soll die Geschäftsführung im Tierzentrum Neu Wulmstorf übernehmen

Fikret Saglamsoy zieht im "Futterhaus" neue Elektrokabel ein, der Hamburger Unternehmer soll die Geschäftsführung im Tierzentrum Neu Wulmstorf übernehmen

Foto: Axel Tiedemann / AT

Neu Wulmstorf.  Jahrzehntelang stand das Tierversuchslabor in Mienenbüttel im Fokus von Tierschützern. Und auch nachdem die Behörden dem Betreiber Laboratory of Pharmacology and Toxicology (LPT) vor gut einem Jahr dort die Tierhaltung untersagt hatten, schauen verschiedene Gruppen aus der Tierschutzszene weiter genau hin. Mit Argwohn wird dabei vor allem die Ankündigung von LPT begleitet, Gelände und Gebäude dem Tierschutz zur Verfügung stellen zu wollen. Und seit sich offenbar ein Betreiber gefunden hat, der dort unter dem Namen Tierzentrum Neu Wulmstorf nach eigenen Aussagen Fundtiere und als gefährlich eingestufte Hunde unterbringen möchte, gibt es weiter teils massive Vorwürfe. Zum einen in den sozialen Medien. Aber auch in einem Offenen Brief an Politik und Verwaltung in Neu Wulmstorf und Landkreis fordert beispielsweise die örtliche Initiative „Lobby pro Tier“ jetzt, diesem, so wörtlich, „dubiosen“, Vorhaben keine Genehmigung zu erteilen.

Mehrere Argumente bringt „Lobby pro Tier“ dabei in Stellung: Bei dem Projekt handele es sich nur um eine Imagekampagne des Tierversuchslabors, um von der „grausigen Vergangenheit“ abzulenken. Es würden vornehmlich gefährliche Hunde aus einem anderen Bundesland, eben Hamburg, dort kostenpflichtig untergebracht. Und damit würden mit dem ehemaligen Versuchslabor wieder Gewinne erzielt, wovon auch LPT profitieren würde, weil das Gelände lediglich verpachtet werde.

Tatsächlich gibt es nach Auskunft der Landkreisverwaltung in Winsen bisher keine Genehmigung für das Tierzentrum. Auch ein neuer Antrag auf Tierhaltung liege bisher noch nicht vor.

Gleichwohl sind die künftigen Betreiber offensichtlich optimistisch, dass das Tierzentrum wie geplant im April eröffnen kann; zumal eine erste Begehung durch Mitarbeiter des Kreises bereits stattgefunden hat. Über ein Kleinanzeigenportal werden jetzt bereits Mitarbeiter gesucht und wer sich vor Ort mit der künftigen, möglichen Leiterin des Tierzentrums, Doris Firlus, verabredet, trifft auf mehrere Leute, die bereits mit Umbauten beschäftigt sind: In den früheren mit Gittern abgesperrten Katzenkäfigen werden beispielsweise gerade zusätzliche Ausgänge gestemmt.

Ein Heim für verhaltensauffällige und beschlagnahmte Hunde

In einem Raum mit etlichen Futternäpfen werkelt Fikret Saglamsoy und zieht neue Kabel ein. Der Elektromeister mit eigener Firma ist Lebenspartner von Doris Firlus und werde einer der Geschäftsführer sein, erläutert sie. Gut 20 Jahre schon habe sie als Angestellte der Stadt Hamburg mit gefährlichen Hunden zu tun, sagt die ausgebildete Tierheilpraktikerin. Als sie von den neuen Plänen von LPT für den Komplex gelesen habe, sei ihr dann die Idee mit dem Tierzentrum gekommen, wo eben zusätzlich zu üblichen Fundtieren gerade solche von Behörden als verhaltensauffällig eingestuften und beschlagnahmten Hunde eine „zweite Chance“ bekommen, wie sie sagt. In der Regel seien das Hunde, die auffällig geworden sind, etwa durch Beißvorfälle. „Das können auch Dackel sein“, so Firlus.

Und für die Unterbringung solcher Hunde brauche man sehr viel und vor allem geschützten Platz. „Den gibt es hier“, versichert sie. 1,5 Hektar sei allein das Freilauf-Gelände groß und bestens durch Zäune gesichert. Diese Hunde blieben dann innerhalb des Geländes. „Und es wird hier kein einziger Hund aus Hamburg untergebracht, sondern aus Niedersachsen. Hier gibt für eine solche Einrichtung einen großen Bedarf, wie wir nach ersten Gesprächen erfahren haben“, versichert sie.

Insgesamt sollen dort einmal 150 Tiere untergebracht werden, vornehmlich Hunde und Katzen. Hinter der Hundefachfrau stehen nach eigener Darstellung insgesamt neun Investoren, die sich an dem Projekt beteiligen, das später auch zu einer Art Hunde-Hotel, einer Hundeschule, einer Tierklinik und auch einem Tierbedarfshandel ausgeweitet werden soll. Alles künftig als GmbH organisiert, die allerdings noch erst gegründet werden soll.

Resozialisierungsprogramm soll sich aus Spenden finanzieren

Als zweite Säule werde noch ein gemeinnütziges Resozialisierungsprogramm für die als gefährlich eingestuften Hunde hinzukommen, das sich dann auch aus Spenden finanzieren könnte. „Meist steckt das Problem bei solchen Hunden eben am anderen Ende der Leine“, sagt Firlus, die sich wegen der teils heftigen Angriffe nicht fotografieren lassen möchte. Gleichwohl wolle sie auch Tierschützer gezielt ansprechen und überzeugen, sagt sie. „Wir wollen hier möglichst viel Transparenz bieten.“ Den Vorwurf, LPT würde mit diesem Tierzentrum wieder nur viel Geld verdienen wollen, wischt sie beiseite. „Das Unternehmen macht Millionenumsätze, dagegen ist die Einnahme durch unsere Pacht doch nichts.“

Man schließe mit der Übergabe des Geländes das „Kapitel Mienenbüttel“ ab, sagt dazu auch der neue LPT-Geschäftsführer Thomas Wiedermann. Wie berichtet, hatten im Herbst 2019 heimlich aufgenommene Videos mit teils verstörenden Bildern von Affen und blutenden Hunden aus dem Labor für erheblichen Protest und schließlich auch für eine Schließung des Standorts in Mienenbüttel durch die Behörden geführt. An den Standorten Neugraben und in Schleswig-Holstein darf LPT allerdings inzwischen wieder weiterarbeiten und war auch an der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes beteiligt.

Gefährliche Hunde in Niedersachsen

Anders als in Hamburg sind im niedersächsischen Hundegesetz (NHundG) keine besonderen Rassen aufgeführt, der von vorn herein als gefährlich eingestuft werden. Das Gesetz setze vielmehr auf „die Schulung von Hundehaltern, um so dem auffälligen Verhalten von Hunden in Form von Beißvorfällen vorzubeugen“, heißt es im Begleittext. Seit Juli 2013 müssen Hundehalter in Niedersachsen daher ihre Sachkunde mit einem „Hundeführerschein“ nachweisen. Zudem wurde ein zentrales Hunderegister eingeführt, um bei solchen Beißvorfällen die Halter zu ermitteln.

Ein spezieller Teil des Gesetzes befasst sich mit der Definition „gefährlicher Hunde“. Gesteigerte Aggressivität, das Beißen von Menschen und Tieren oder eine über „das natürliche Maß hinausgehende Kampfbereitschaft“ seien Hinweise dafür. Wer einen solchen Hund halten will, muss eine besondere Erlaubnis beantragen und seine Zuverlässigkeit sowie einen Wesenstest für den Hund nachweisen.