Raststätte Garbsen

Ausharren: Trucker zwischen Kälte und Corona

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Von Linda Vogt, dpa
Lastkraftwagenfahrer Udo Haupt sitzt in seinem Lkw auf der Autobahnraststätte Garbsen Nord. Die Standheizung läuft und liefert 20 Grad in der Kabine.

Lastkraftwagenfahrer Udo Haupt sitzt in seinem Lkw auf der Autobahnraststätte Garbsen Nord. Die Standheizung läuft und liefert 20 Grad in der Kabine.

Foto: Ole Spata / dpa

Für die Widrigkeiten des Winterwetters sind die Lkw-Fahrer ausgerüstet – für die gesetzlichen Kapriolen der Corona-Zeit dagegen häufig nicht

Garbsen.  Auf minus zwölf Grad ist die Temperatur schon gefallen. Die Nacht auf dem verschneiten Rastplatz Garbsen Nord kurz vor Hannover soll noch eisiger werden. „Das Wetter ist extrem. Das hatten wir so, glaube ich, das letzte Mal vor zehn Jahren“, sagt Lastwagenfahrer Udo Haupt, seit 30 Jahren beruflich auf Fernstraßen unterwegs. Der 50-Jährige hat am Nachmittag vorerst aufgegeben, gegen die Witterung auf der A 2 zu kämpfen.

Auf Tour von Freiburg nach Hildesheim

Sonntagabend startete seine Tour von Freiburg in Baden-Württemberg nach Hildesheim. Extreme Schneeverwehungen sorgten für Chaos auf den Straßen. Für einen Streckenabschnitt von 30 Kilometern sollte Haupt in dieser Nacht neun Stunden brauchen. Am Dienstag machte Glätte ein Vorankommen auf vielen Autobahnabschnitten kaum möglich. „Da fuhr heute Morgen ein Kollege mit seinem Sattelzug vor mir. Wenn der auf die Bremse ging, konnte ich sehen, wie der sich nach rechts wegbewegte. Das war schon ein Szenario.“

Mikrowelle, Wasserkocher und Standheizung

Mittwochfrüh gegen 5 Uhr will Haupt seinen Weg zurück nach Freiburg fortsetzen. Am Abend läuft in seiner Fahrerkabine der Fernseher. Zu Essen gibt es Aufbrühsuppen – Mikrowelle und Wasserkocher gehörten zur Grundeinrichtung in vielen Fahrerkabinen, erzählt Haupt. Die kommen im Winterchaos ebenso gelegen wie die Standheizung, die seine Kabine auf 20 Grad erwärmt. „Die läuft heute Nacht durch, sonst kannst du es vergessen.“

Seit zehn Tagen unterwegs Richtung Polen

Auch sein Kollege David aus Georgien heizt hinterm Steuer hoch. Als der 41-Jährige das Fenster runterlässt, gefriert dem Mann im T-Shirt der Atem. Die Lage sei verrückt, sagt er. Seit zehn Tagen ist er auf Tour und hofft, bald zurück bei der Spedition in Polen zu sein. Aber eigentlich kein Problem, er sei ein Alles-Fahrer, erklärt David.

Weniger locker wirken die Autofahrer, die an dem zulaufenden Rastplatz Garbsen Nord zwischen den Lastwagen feststecken. Die Auffahrt zur Autobahn ist zugeparkt und von hinten folgen Dutzende weitere Lkw, deren Fahrer einen Ruheplatz für die Nacht suchen. Andernorts auf der A 2 – zwischen Braunschweig und Helmstedt – standen zahlreiche Lastwagen auf dem Standstreifen, weil Autobahnausfahrten und Parkplatzauffahrten unbefahrbar waren.

Das Rasthaus hat geschlossen – Corona

Wessen Auto es schafft, der sucht vom Rastplatz Garbsen Nord schließlich die Flucht durch Schneehaufen und über die Wiese. Ruhe dagegen in den besser ausgestatteten Lkw-Fahrerkabinen. Bei Karsten, Patryk und den meisten anderen sind die Vorhänge gegen 19 Uhr schon zugezogen. Das Rasthaus ist zwar erleuchtet, die Türen aber verschlossen. „Sanitäre Einrichtungen, Snacks und Getränke finden Sie an unserer Tankstelle“, steht auf einem Zettel auf deutsch und englisch an der Tür – Grundversorgung in Pandemiezeiten. „Das Beisammensitzen gibt es nicht mehr. Man kann nicht mehr sagen, man setzt sich mal eine Stunde in die Raststätte zum Kaffee oder Feierabendbier“, erzählt Fahrer Haupt.

Die Einreisebestimmungen sind teilweise grotesk

Es laufe aber einiges besser seit dem ersten Lockdown, sagt der Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), Dirk Engelhardt. Restaurants böten ein gutes Speisenangebot zum Mitnehmen an – auch die sanitären Einrichtungen seien offen gehalten worden. Die Quarantäne- und Einreiseregeln machten den Fahrern hingegen Probleme, so Engelhardt. „Du bist länger als 72 Stunden im Ausland gewesen, so steht es in der Einreiseverordnung, dann musst du dich aus einem Hochrisikogebiet kommend testen lassen, bevor du ins Land reinkommst.“

Das betreffe jeden Fahrer, der Obst aus Spanien bringe. „Aber Deutschland hat mit keinem europäischen Land Testzentren eingerichtet und auch keine Teststrategie vereinbart. Wo soll der sich denn jetzt testen lassen, wenn der in Frankreich ist?“ Es sei vollkommen praxisfremd, dass Hunderte Fahrer mit Vierzigtonnern in einer ländlichen Region die Apotheken ansteuerten. Mit den Verzögerungen durchs Winterwetter spitze sich das zu. Engelhardt sagt: „Es wird vermutet, dass die Lieferketten nur aufrechtzuerhalten sind, indem diese Gesetze nicht eingehalten werden.“