Krankenhaus Winsen

Der neue Chef setzt auf einen Neuanfang

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Rolf Zamponi
Der neue Chefarzt der Orthopädie im Krankenhaus Winsen, Dr. Amir Iptchiler, setzt auf enge Zusammenarbeit mit den Kollegen.

Der neue Chefarzt der Orthopädie im Krankenhaus Winsen, Dr. Amir Iptchiler, setzt auf enge Zusammenarbeit mit den Kollegen.

Foto: Rolf Zamponi

Gemeinsam mit Kollegen hat Dr. Amir Iptchiler das Konzept für ein neues Zentrum für Gelenkerkrankungen an der Winsener Klinik entwickelt.

Winsen. Sein Vater kam als Kaufmann aus dem Iran nach Hamburg, lernte seine Frau kennen, heiratete und blieb. Der Sohn wuchs als Hamburger Jung in der neuen Heimat auf und wollte schon als Jugendlicher nichts anderes als Arzt werden. Von Persien blieb der Nachname: Iptchiler. Heute steht Amir Iptchiler, seit Dezember Chefarzt der Orthopädie, für einen Neuanfang, eine Zäsur im Krankenhaus Winsen. Zusammen mit den Chefärzten Leonidas Gusic und Frank Raimund hat er das Konzept für ein neues Zentrum für Gelenkerkrankungen an der Klinik entwickelt, das sie nun umsetzen. „Wir wollen“, sagt Iptchiler, „alte Zöpfe abschneiden.“

Iptchiler empfängt an diesem Nachmittag in einem Besprechungsraum, in dem sich der Corona-Abstand gut einhalten lässt und erinnert sich an seinen Studienbeginn. Der Abiturient – Durchschnitt knapp unter 2 – muss zunächst noch warten. So zögert er nicht, sich in Irvine südlich von Los Angeles für Medizin einzuschreiben. Es bleibt bei einem Intermezzo. „Als ich neun Monate später Post aus Hamburg mit der Zusicherung eines Studienplatzes in Hamburg bekam, bin ich zurückgeflogen“, erinnert er sich.

„Hamburg ist meine Heimat und ich wollte es mir nicht entgehen lassen, dort zu studieren.“ Nach dem Studienabschluss absolviert der junge Arzt das vorgeschriebene Praktikum als Zivildienstleistender im Harburger Krankenhaus Mariahilf. Obwohl er keiner Religion angehört, ist er im damals streng katholischen Haus willkommen – schließlich kommt der Bund für sein schmales Salär auf.

Doktorarbeit zum Thema Oberschenkelhalsbrüche bei alten Menschen

Als Assistenzarzt bleibt er noch sechs Jahre im Süden Hamburgs und ist als angehender Chirurg bei einer Vielzahl unterschiedlicher Operationen dabei. Das soll ihm später noch nützen. Facharzt für Chirurgie wird Iptchiler 1999, da ist er schon in das Amalie Sieveking Krankenhaus in Volksdorf gewechselt. Seine dort angefangene Doktorarbeit, die sich mit Oberschenkelhalsbrüchen bei alten Menschen befasst, schließt er 2003 mit einem Professor der Universitätsklinik Eppendorf ab. Da arbeitet er schon in Winsen, hat sich auf eine im Ärzteblatt ausgeschriebene Stelle beworben und gegen 50 andere Bewerber durchgesetzt. Sein Vorgänger Heiner Austrup, der jetzt an die Waldklinik in Jesteburg gewechselt ist, stellt ihn ein. Iptchilers Erfahrung, sein umfangreicher „OP-Katalog“, spielt dabei als Referenz eine wichtige Rolle.

Vom Beginn in Winsen im Jahr 2000 an folgen 20 Jahre, in denen sich Austrup und Iptchiler „gut ergänzten“, wie Iptchiler findet. Austrup nutzt seinen Freiraum, um auch über die Verbandsarbeit Verbesserungen für das Krankenhaus einzufordern. Iptchiler beginnt rasch, die internen Abläufe neu zu strukturieren. Seit April 2008 ist er auch Facharzt für Orthopädie, seit Januar 2011 Leitender Oberarzt und damit Austrups Stellvertreter. Sein Credo: „Beim Patienten sehe ich nicht nur seine Krankheit, sondern den ganzen Menschen. Ich will verstehen, was ihn ausmacht.“

Als Austrup geht, wird der heute 59 Jahre alte Familienvater „von verschiedenen Seiten angesprochen“, ob er die Chefarzt-Position übernehmen wolle. Ja, aber zusammen mit seinen Kollegen Gusic und Raimund, um so das neue Zentrum für Gelenkerkrankungen mit Orthopädie, Unfall- und Wirbelsäulenchirurgie mit überregionaler Bedeutung aufzubauen. Die Orthopädie, seit der Krankenhaus-Gründung 1976 Teil des Hauses, gehört inzwischen zu den größten in Norddeutschland. Zwölf Ärzte bieten Schulter-, Ellen-, Hüft-, Knie- und Fußoperationen an. „Aber wir schauen auch, ob wir mit Therapien ohne eine Operation helfen können.“

5000 Patienten jährlich holen sich Rat in den Sprechstunden

Zu den Sprechstunden kommen vor Corona rund 5000 Patienten jährlich, um den Rat der Spezialisten einzuholen. Zwar muss das Krankenhaus 2020 wegen der Corona-Pandemie allein die orthopädischen Operationen im Jahresvergleich von 1770 auf 1070 herunterfahren. Es fehlen teilweise Intensivbetten, ohne die sich vor allem Operationen zum Wechsel von künstlichen Gelenken nicht terminieren lassen. „Wir spüren zudem deutlich, dass Patienten aufgrund der Corona-Infektionen eher zögern, ins Krankenhaus zu gehen“, so Iptchiler. Doch mit dem neuen Konzept, der engen Zusammenarbeit von Orthopädie, Unfall- und Wirbelsäulenchirurgie, soll der Einbruch rasch überwunden werden.

Die Umbauarbeiten im Krankenhaus sind derzeit noch in vollem Gang. Aber auf dem Flur der Chefärzte in der 2. Etage reihen sich die drei Zimmer bereits direkt aneinander. „Kurze Wege erleichtern die Zusammenarbeit“, sagt Iptchiler. „Genau darauf kommt es uns an.“

Assistenzärzte sollen in mehreren Disziplinen eingesetzt werden

Abgemacht ist, dass fachübergreifend behandelt wird und etwa bei Unfällen, die sich auf künstliche Gelenke auswirken, gemeinsam operiert wird. Die Assistenzärzte sollen in allen drei Disziplinen eingesetzt werden. Das bringt ihnen zusätzliche Erfahrungen. An den Früh- und Röntgenbesprechungen nehmen alle Ärzte teil. Die OP-Säle sind nicht fest vergeben, sondern sollen je nach Bedarf von allen drei Disziplinen genutzt werden. Keine Eitelkeiten. „Das Konzept führt dazu, dass insgesamt effizienter gearbeitet wird“, sagt Iptchiler. Das hat auch die Geschäftsführung und den Aufsichtsrat mit Landrat Rainer Rempe an der Spitze überzeugt.

Selbst wenn Fragen offen bleiben, lassen sich im Team Meinungen einholen. Iptchiler ist überzeugt: „Das kommt den Patienten zugute. Die Zeit der Dinosaurier, der Chefärzte, die alles wissen, ist längst vorbei.“