Landkreis Harburg

Landkreis vergibt Stipendium – Hausärzte dringend gesucht

| Lesedauer: 6 Minuten
Rolf Zamponi
Anne Thordis Wanke, Medizin-Stipendiatin des Landkreises Harburg.

Anne Thordis Wanke, Medizin-Stipendiatin des Landkreises Harburg.

Foto: Rolf Zamponi

Das dritte Stipendium für angehende Hausärzte wurde vergeben: Anne Thordis Wanke erhält 500 Euro im Monat über insgesamt 30 Monate.

Der Landkreis hat sein drittes Stipendium für angehende Hausärzte vergeben. Anne Thordis Wanke studiert zwar an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, stammt aber aus Drage in der Elbmarsch, wo ihre Eltern und Geschwister leben. Der Vertrag, den sie jetzt in der Kreisverwaltung unterschrieb, sichert ihr 500 Euro im Monat über insgesamt 30 Monate. Dafür muss sie sich verpflichten, nach der fünfjährigen Weiterbildung mindestens für fünf Jahre im Landkreis Harburg entweder selbstständig oder angestellt als Hausärztin zu arbeiten. Das ist für Wanke aber kein Problem: „Ich möchte Landärztin in meinem Heimatlandkreis Harburg werden.“

Mit dem Stipendium weitet der Landkreis seine Anfang des Jahres begonnene Ärzteförderung aus. Hintergrund ist, dass es immer schwieriger wird, Ärzte für den ländlichen Raum zu finden. Sie werden aber dringend gesucht. Denn nach den jüngsten, aktuell vorliegenden Zahlen über die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung sind im Landkreis Harburg 24 Plätze für Hausärzte nicht besetzt. Dazu kommt, dass knapp 40 der 120 aktiven Ärzte 60 Jahre und älter sind. Das Förderprogramm soll nun dafür sorgen, dass frei werdende Sitze wieder besetzt werden können und es erleichtert wird, neue Praxen zu gründen.

Stipendiatin interessierte sich eigentlich für Geschichte und Politik

Anne Thordis Wanke wollte zunächst gar nicht Medizin studieren. Sie interessierte sich für Geschichte und Politik. Nach dem Abitur auf dem Lüneburger Gymnasium Oedeme mit Abschlussnote 1,1 brachte ein Freiwilliges Soziales Jahr im Stadtarchiv in Halle die Wende. Dort recherchierte sie im Auftrag der Universität zur Medizingeschichte und hörte als Gast eine Anatomie-Vorlesung. „Das war dann genau das, was ich machen wollte“, sagte sie bei einem Besuch der Kreisverwaltung. Die endgültige Entscheidung war gefallen, nachdem ihre Mutter Heike sie für ein Praktikum mit an ihren Arbeitsplatz als OP-Schwester im Asklepios-Klinikum in Harburg nahm.

Die angehende Medizinerin ist jetzt im achten Semester und hat ihre Zwischenprüfung, das Physikum, nach vier Semestern bestanden. Nach ihrem Examen muss sie noch eine Weiterbildung über fünf Jahre absolvieren. Zwei Jahre sind dabei für die stationäre Behandlung in einer Klinik vorgesehen. Drei weitere Jahre muss sie ambulant als Mitarbeiterin einer Praxis tätig sein. Schon jetzt schreibt sie an ihrer Promotion zum Thema „Bekämpfung der Kinderlähmung und Tuberkulose im Bezirk Halle“ zu DDR-Zeiten.

Tipp für das Förderprogramm kam aus einer Praxis

Sozialdezernent Reiner Kaminski geht davon aus, dass Wanke schon während ihrer Weiterbildung in den Landkreis kommen könnte. „Wir können für die ersten 18 Monate der stationären Ausbildung versuchen, einen Platz in den Krankenhäusern Buchholz oder Winsen zu finden. Für die abschließenden sechs Monate wäre die Psychiatrische Klinik in Lüneburg eine Station“, sagte Kaminski, der das Förderprogramm vorgeschlagen hatte. Auch für die ambulante Weiterbildung kann der Sozialdezernent auf Kontakt verweisen. „In zwei Drittel der 100 Praxen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind Ärzte tätig, die eine Weiterbildungsermächtigung haben.“ Dort gehören auch eine ausreichende Zahl der vorgeschriebenen Untersuchungen zum Alltag.

Den Tipp für das Förderprogramm erhielt Wanke aus einer Praxis, in der sie im Herbst 2019 im Praktikum war. „Wäre das nichts für dich?“, fragte sie Silke Schütz, die als Ärztin in der Gemeinschaftspraxis Obermarschacht arbeitet. Die Studentin bewarb sich. Insgesamt sind inzwischen 18 Anträge auf Förderungen beim Kreis eingegangen. Fünf betreffen Neueinstellungen und 13 neue Niederlassungen. Dazu kommen die drei Stipendien. Damit sind die 300.000 Euro, die zunächst für ein Jahr vorgesehen waren, zwar übertroffen. Acht Anträge betreffen aber 2021. Die Förderung soll im kommenden Jahr fortgesetzt werden.

Info-Veranstaltung fiel wegen Corona-Pandemie aus

Das Geld wird im Rahmen der Initiative Stadtlandpraxis gewährt, die Sozialdezernent Kaminski 2012 gestartet hatte. Seit dem Beginn hat er mehr als 360 Kontakte gezählt. Zu den Interessenten zählen Studenten, Ärzte in der Weiterbildung aber auch Fachärzte für Allgemeinmedizin und Inneres. 45 Hausärzte ließen sich im Kreis nieder oder wurden angestellt.

Nachdem sich 2019 insgesamt 43 neue Interessenten gemeldet hatten, sank die Zahl in diesem Jahr auf 21. Als Hintergrund gilt, dass der Karriere Kongress des Deutschen Ärzteverlages im UKE, bei dem die Initiative stets vertreten war und informierte, in diesem Jahr ausfallen musste. Schuld daran war das Coronavirus.

Wissenswertes zur Hausärzte-Förderung

  • Die Hausärzte-Förderung des Landkreises ist für 2020 mit 300.000 Euro dotiert und soll 2021 fortgesetzt werden. Anträge können über die Homepage www.stadtlandpraxis.de gestellt werden.
  • Für neue Praxen ist eine Anschubfinanzierung von 24.000 Euro in einer Summe vorgesehen. Wird eine Zweitpraxis eröffnet, sind es 18.000 Euro und für die zusätzliche Einstellung sind 12.000 Euro möglich. Die Praxis muss innerhalb von sechs Monaten die Arbeit aufnehmen und mindestens fünf Jahre lang vor Ort arbeiten, sonst muss die Förderung anteilig zurückgezahlt werden.
  • Angehende Ärzte und Studenten können sich beim Landkreis bewerben. Als Stipendium sind 500 Euro pro Monat vorgesehen. Es kann vom 5. Semester an bis zum Ende der Regelstudienzeit von zwölf Semestern gewährt werden. Gute Chancen haben Bewerber aus dem Landkreis und der Region.
  • Auf die Förderung besteht kein Rechtsanspruch. Sie wird im Rahmen der im Kreishaushalt eingestellten Mittel gewährt.