Naturschutzprojekt

Eine Naturidylle am Geesthachter Wehr

Das neue Naturschutzprojekt der Stiftung Lebensraum Elbe will das südliche Deichvorland am Wehr Geesthacht ökologisch aufwerten.

Das neue Naturschutzprojekt der Stiftung Lebensraum Elbe will das südliche Deichvorland am Wehr Geesthacht ökologisch aufwerten.

Foto: Stiftung Lebensraum Elbe

Ein Bachlauf in der Niederung zwischen Rönne und Niedermarschacht könnte die Lebensräume oberhalb und unterhalb des Wehrs verbinden.

Rönne.  Eine naturnahe Wasserpassage durch das niedersächsische Deichvorland am Geesthachter Wehr schaffen: Das möchte die Hamburger Stiftung Lebensraum Elbe verwirklichen und plant ein rund sieben Millionen Euro teures Naturschutzprojekt zwischen den Elb­orten Rönne und Niedermarschacht. Stiftungsmitarbeiter Henrik Hufgard stellte am Montagabend dem Bau- und Umweltausschuss der Samtgemeinde Elbmarsch das Projekt vor.

Die Stiftung hatte bereits 2016 eine Machbarkeitsstudie anfertigen lassen, die drei mögliche Varianten zur Gestaltung des südlichen Elbufers enthält. Die kleinste Maßnahme spielt sich nur im Rönner Werder etwa auf Höhe des Geesthachter Wehrs ab. Hier liegt eine Rückschlagklappe. Sie verhindert, dass bei Flut die Tide in das Gebiet einströmt, lässt aber abfließendes Wasser aus dem Grabensystem der Niederung durch. „Wir möchten die Klappe entfernen und ein von der Tide beeinflusstes Gewässer schaffen“, sagte Hufgard bei der Sitzung. „Ein mittleres Hochwasser würde etwa bis zur Hälfte des Gebietes reichen, in einem neu angelegten Wiesenbach.“

Ein 3,5 Kilometer langer Bach soll das Gebiet prägen

Der Bach macht allerdings ökologisch erst richtig Sinn, wenn er nicht – wie bei der kleinräumigen Variante A – mit großem Gefälle gleich oberhalb des Wehres an das Stauwasser angebunden werden muss, sondern sich bestenfalls (Variante C) etwa 3,5 Kilometer lang durch ein 100 Hektar großes Projektgebiet schlängeln kann und dabei noch mehrere Teiche miteinander verbindet. In diesem Fall würde der Bachlauf im Oberwasser beim Marschachter Hafen beginnen und bei Rönne in die Elbe münden. „Die Option, einen durchgehenden Biotopverbund um das Wehr herum machen zu können, wäre fantastisch“, kommentiert Elisabeth Klocke, Geschäftsführerin der Stiftung Lebensraum Elbe, das Konzept.

Wenn es umgesetzt wird, dann wäre es das größte Naturschutzprojekt, das die städtische Stiftung je realisiert hat. Doch noch sind sich die Naturschützer nicht mit allen Eigentümern der Projektfläche einig – 40 sind es bei der größten Variante. „Die meisten sind von dem Projekt begeistert und wollen uns ihre Flächen gern zur Verfügung stellen“, sagt Klocke dem Abendblatt.

Aber bei einer Handvoll Eigentümer gebe es Probleme. Einige habe die Stiftung noch nicht erreichen können, andere tun sich mit dem Verkauf schwer. Klocke: „Die Flächen liegen wie Salami-Scheiben quer zum Flusslauf. Deshalb kann jeder Eigentümer unser Projekt verhindern.“ Aber sie versichert: „Die bisherigen Nutzungen durch die Landwirtschaft sollen weiterlaufen. Wir wollen niemanden aus dem Gebiet verdrängen.“

Eine relativ große Fläche im westlichen Teil des Projektgebietes ist bislang noch nicht gesichert. Sie wird gebraucht, um überhaupt einen Tideeinfluss und damit dynamische Wasserverhältnisse in dem Gebiet herstellen zu können. Hier könnte das Projekt womöglich am Kaufpreis scheitern. „Wir zahlen den Bodenrichtwert plus 15 Prozent“, sagt Klocke. Dies sei eine behördliche Vorgabe. „Wir können und wollen nicht mehr zahlen, denn wir wollen die Bodenpreise nicht in die Höhe treiben. Außerdem sind wir eine öffentlich-rechtliche Stiftung und müssen besonders sorgfältig mit unserem Geld umgehen.“

Die Wiesen werden nur extensiv genutzt

Das Projektgebiet umfasst den Rönner und den Niedermarschachter Werder. Die Wiesen der entwässerten Flussniederung werden nur extensiv genutzt und gelten als ökologisch wertvoll. Der Landkreis Harburg ist gerade dabei, sie unter Schutz zu stellen, als Teil des Naturschutzgebiets Elbniederung von Avendorf bis Rönne. Davon könnte das Stiftungsprojekt profitieren, weil damit bereits Verhaltensregeln für Spaziergänger und andere Erholungssuchende festgelegt sind, etwa das Gebot auf den Wegen zu bleiben und Hunde anzuleinen.

Das nützt vor allem der artenreichen Vogelwelt. „Alle auf der Illustration gezeigten Vögel leben schon heute in dem Projektgebiet“, sagte Hufgard dem Ausschuss, „nur die Kraniche fehlen noch. Auch ihnen würde die neue Auenlandschaft attraktive Lebensräume bieten.“ Aktuell sei der Rönner Werder stark frequentiert, durch viele Spaziergänger, „jede Menge Reiter“, dazu Angler und ab und an ein paar Segler, die den kleinen Marschachter Hafen nutzen. Manche Besucher hinterlassen Müll und laufen querfeldein, so Hufgard.

Das Projekt biete die Chance, die Erholungssuchenden besser als bislang zu lenken. Und gleichzeitig Verständnis dafür zu wecken, indem man sie über die Natur informiert. „Wir haben hier europaweit geschützte Mähwiesen mit seltenen Wiesenvögeln und -pflanzen“, sagt der studierte Landschaftsplaner mit Wohnsitz in Niedermarschacht. Er zeigt das Foto einer Wiese, die mit runden, rostroten Blüten übersät ist: „Das ist der Große Wiesenknopf, die Blume des Jahres 2021.“

Die Deichsicherheit wird durch das Projekt nicht gefährdet

Fragen zur Deichsicherheit parierte Ansgar Dettmer, Geschäftsführer des Artlenburger Deichverbands: „Wir werden in den Flächen nicht mehr Hochwasser haben als bisher. Probleme, die wir sahen, konnten wir in guten Gesprächen mit der Stiftung lösen.“ Auch mit Qualmwasser, also Wasser, dass unter dem Deichfuß hindurch in das besiedelte Gebiet drückt, sei nicht zu rechnen, so Dettmer. Die einströmende Flut werde vom Gewässersystem aufgenommen und sich nicht auf die Wiesen ausbreiten.

Insgesamt stieß das Naturschutzprojekt bei den Lokalpolitikern auf Zustimmung. Der Ausschuss sicherte seine Unterstützung zu, sofern sich die Stiftung mit den Eigentümern einigt. Wenn das der Fall wäre, bräuchte die Stiftung noch rund ein Jahr für die Planungsarbeit und könnte dann in die Bauphase eintreten, so Hufgard. Er ist überzeugt: „Jetzt ist das Gebiet schon toll, aber es kann noch viel schöner werden.“