Kultur

„Uns Künstlern fehlt jetzt die Perspektive“

Nora Sänger aus Buchholz ist Singer-Songwriterin und Dozentin für Popgesang an der Musikschule Seevetal.

Nora Sänger aus Buchholz ist Singer-Songwriterin und Dozentin für Popgesang an der Musikschule Seevetal.

Foto: Sandra Wiering

Nora Sänger musste wegen Corona ihre Konzerte absagen. Ihre neuen Songs hat die Buchholzerin zu Hause aufgenommen.

Buchholz/Maschen.  Eigentlich wollte Nora Sänger in diesem Jahr wieder richtig durchstarten. Musik machen, Konzerte geben, Songs aufnehmen. Aber die Corona-Pandemie zwang sie – wie viele andere selbstständige Künstler –, ihre Pläne umzuwerfen. Live-Auftritt mit Publikum sind zurzeit gar nicht, die Zusammenarbeit mit anderen Musikern nur eingeschränkt möglich. Allein Musik machen kann sie auch im Lockdown und diese Chance hat die Singer-Songwriterin aus Buchholz genutzt. Vor wenigen Tagen ist der zweite von drei, im Frühjahr entstandenen Songs erschienen.

„Leap in the Dark“ heißt er, und obwohl sie den Text schon vor längerer Zeit geschrieben hatte, passt er gut zu der derzeitigen Lage. „Es geht darum, dass ich mich als Künstlerin ungeliebt und ungebraucht fühle“, sagt Nora Sänger. „Und trotzdem mache ich weiter.“ Aufgenommen hat sie den Gesang bei sich zu Hause. Zwei Musiker, die sie normalerweise bei Konzerten begleiten, steuerten ihre Parts ebenfalls per Homerecording bei.

Neue Titel werden zu Hause produziert

Das habe sie einige schlafarme Nächte gekostet, sagt die Mutter von zwei kleinen Kindern. Für weitere Songs hatte die 38-Jährige vor dem Novemberlockdown begonnen, mit dem Produzenten Marc Smith, der auch den Hamburger Sänger Johannes Oerding produziert, im Studio zu arbeiten. Auch dort mussten sie jetzt erst einmal eine Pause einlegen.

Dozentin an der Musikschule Seevetal

Ihr erstes Album „Almost Golden“ mit Folk und Country-Popsongs veröffentlichte Nora Sänger, die Pop- und Jazzgesang in Hamburg studiert hat, vor fünf Jahren. Zuletzt hatte sie wegen ihrer Kinder eine künstlerische Pause eingelegt. Außerdem ist sie Dozentin an der Musikschule Seevetal für Gesang, Chor und Band-Coaching. Nach dem ersten Lockdown sah sie ihre Schüler sechs Wochen lang nur online. „Das war aber nicht optimal“, meint Nora Sänger. Deshalb ist sie froh, dass sie zurzeit persönlich in den Räumen der Grundschule Fleestedt unterrichten kann, wenn auch mit verschärften Auflagen. „Ich trage eine Maske, wir haben die Fenster geöffnet und halten sehr großzügig Abstand. Es ist toll, dass die Schüler dabei bleiben, auch wenn das natürlich etwas unbequem ist.“

Die Einschränkungen durch die Pandemie haben auch eine Lücke im Portemonnaie der selbstständigen Künstlerin hinterlassen. Deshalb hofft sie jetzt auf Unterstützung durch die sogenannte Novemberhilfe. „Im Sommer hatte ich einige Buchungen für Hochzeiten. Die wurden alle gestrichen“, erzählt Nora Sänger. Umso schöner sei die Lösung, die sich ein Paar jetzt hat einfallen lassen. „Ich kann nicht wie geplant im Dezember auf ihrer Hochzeit singen. Deshalb haben sie mich gebeten, die Songs auf Video aufzunehmen. Das ist natürlich ganz toll.“

Auftritte? Seit Monaten Fehlanzeige

Ein für Dezember geplantes Konzert im Winsener Marstall hat die Sängerin selbst abgesagt, es würde einfach zu eng in dem Raum werden. Mitte November hätte sie zudem mit dem von ihr mitgegründeten „Sängerkollektiv“ in der Wassermühle Karoxbostel auftreten sollen, das Konzert hatte die Kulturstiftung Seevetal organisiert. „Natürlich ist das Konzert nur aufgeschoben und nicht aufgehoben“, sagt Matthias Clausen vom Stiftungsvorstand. „So werden wir in Seevetal hoffentlich im kommenden Frühjahr eine Chance erhalten um diesen und neue aktuelle Songs von Nora Sänger ‘live on stage’ zu sehen.“

Der zweite Lockdown trifft die Künstler noch härter

Mit dem Herbst kam nicht nur die Pandemie mit voller Wucht zurück. Auch der Umgang damit sei für sie schwieriger als noch im Frühjahr, sagt Nora Sänger. „Beim ersten Lockdown haben ich noch gedacht, das sei irgendwie auch eine Chance, endlich mal das zu machen, was man wirklich machen will. Der alltägliche Terminberg war ja auf einmal weg.“ Mittlerweile falle es ihr schwerer, der Situation auch etwas Positives abzugewinnen. „Der zweite Lockdown hat mich als Künstlerin mehr frustriert. Und so geht es vielen, jeder Musiker hat so sein Päckchen zu tragen. Vor allem fehlt jetzt eine Perspektive. Wir fragen uns alle: Wie geht es weiter?“

Ihr größter Wunsch für das kommende Jahr ist deshalb: Normalität für Musiker. Einige ihrer Künstlerkollegen fühlten sich in der aktuellen Situation zu Unrecht als Virenverbreiter hingestellt. Nora Sänger kann das verstehen: „Wir haben alle gelitten. Und obwohl es ausgefeilte Hygienekonzepte gab, wurde jetzt alles wieder eingestampft.“ Damit es nach der Pandemie wieder aufwärts gehen kann, wünscht sie sich außerdem wirtschaftliche Unterstützung. Ihr Vorschlag: Firmen, die trotz Corona in diesem Jahr guten Gewinn gemacht haben, könnten ihr Engagement im Kulturbereich verstärken.