Lüneburg

Depression: Wenn Corona auf die Psyche schlägt

Während der Corona-Pandemie haben Depressionen bei älteren Menschen zugenommen. In der Gerontopsychiatrie am Psychiatrischen Klinikum Lüneburg (PKL) werden sie behandelt. Dr. Katharina Knüpling, Leitende Ärztin der Abteilung (M.), und Psychotherapeutin Stefanie Jürgens (l.) im Gespräch mit einer Patientin.

Während der Corona-Pandemie haben Depressionen bei älteren Menschen zugenommen. In der Gerontopsychiatrie am Psychiatrischen Klinikum Lüneburg (PKL) werden sie behandelt. Dr. Katharina Knüpling, Leitende Ärztin der Abteilung (M.), und Psychotherapeutin Stefanie Jürgens (l.) im Gespräch mit einer Patientin.

Foto: Lena Thiele

Besonders ältere Menschen leiden gerade in Corona-Zeiten unter Einsamkeit. In der Gerontopsychiatrie erhalten sie Hilfe.

Lüneburg.  Als im Frühjahr Corona kam und mit dem Virus der erste Lockdown, blieb Mechthild Busch zu Hause und langweilte sich. „Ich habe in die Luft geguckt“, sagt die 67-Jährige, die allein in Lüneburg wohnt. Zuvor war sie regelmäßig zum Mittagessen und Kartenspielen ins Geschwister-Scholl-Haus gegangen. Doch auch das Mehrgenerationenhaus im Stadtteil Bockelsberg musste im März schließen. Und für Mechthild Busch wurde es zu Hause immer einsamer. „Die Treffen mit den Anderen haben mir gefehlt“, sagt sie. „Dann kamen die trüben Gedanken.“ Wegen Angstzuständen und Depressionen lässt sie sich seit Ende Oktober in der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL) behandeln.

Es kommen vermehrt Menschen nach einem Suizidversuch

In den vergangenen Monate ist es vielen älteren Frauen und Männern ähnlich gegangen, sagt Dr. Katharina Knüpling, Leitende Ärztin der Abteilung Gerontopsychiatrie. Dort werden Menschen etwa ab 65 Jahren behandelt. „Es ging im Sommer los. Seitdem kommen vermehrt Menschen mit depressiven Erkrankungen zu uns, häufig auch nach schweren Suizidversuchen. Und fast alle berichten, dass die coronabedingten Einschränkungen einen Einfluss auf ihren Zustand hatten. Vor allem der Lockdown wurde als hochproblematisch erlebt.“ Die Angst, durch das Virus zu sterben, sei ein Thema dabei gewesen. Vor allem aber habe die Einsamkeit drastisch zugenommen.

Komplexes Krankheitsbild

Depressionen seien komplex und nicht auf einen Auslöser zurückzuführen, betont Knüpling. „Aber diese Ängste und Sorgen haben das Fass zum Überlaufen gebracht.“ Bei einigen Senioren war die Erkrankung so schwer ausgeprägt, dass sie versuchten, sich das Leben zu nehmen. Auch die Aufnahmen nach solchen Suizidversuchen haben in der Gerontopsychiatrie zugenommen. Dabei seien die späteren Patienten sehr entschlossen vorgegangen, sagt Knüpling. „Es war klar, dass diese Menschen wirklich sterben wollten.“

Sozialkontakte wichtig für Lebenszufriedenheit

Warum insbesondere Senioren, vor allem wenn sie in Altenheimen isoliert waren, unter den Einschränkungen leiden, verdeutlicht die Ärztin mit einem Vergleich. „Junge Menschen definieren sich eher über ihre Leistung. Bei älteren Menschen haben die Sozialkontakte und emotionale Erlebnisse einen viel größeren Einfluss auf die Lebenszufriedenheit.“ Hinzu komme, dass viele der heute Hochbetagten nie behandelte Kriegstraumata erlebt hätten. Diese kämen jetzt nach Jahrzehnten wieder hervor.

Damit ältere, allein oder in Heimen lebende Menschen trotz Kontaktbeschränkungen nicht vereinsamen, sollten die ihnen nahe stehenden Menschen Wege finden, die Kommunikation aufrechtzuerhalten, sagt Knüpling. „Das kann per Telefon, Video, Brief oder E-Mail sein. Auch ein Blumenstrauß ist eine Möglichkeit. Die Hauptsache ist, dass emotionale Nähe hergestellt wird.“

Besonders gefährdet sind ältere Männer

Besonders gefährdet ist übrigens das vermeintlich starke Geschlecht. „Depressive alte Männer sind die Hochrisikogruppe“, sagt Knüpling. Männer hätten zudem besonders häufig Vorbehalte gegenüber psychischen Erkrankungen, eine Depression passe nicht in ihr Selbstbild. Deshalb zögerten sie eine dringend notwendige Behandlung eher hinaus als die Frauen.

Doch auch andere psychisch Erkrankte warten zurzeit offenbar besonders lang, bis sie sich Hilfe holen. So haben die Ärzte in den vergangenen Monaten beobachtet, dass Menschen sich aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nicht ins Krankenhaus trauen. Diese Sorge sei kaum begründet, betont die Leitende Ärztin. Es wird Abstand gehalten, quergelüftet und regelmäßig desinfiziert, alle tragen Mund-Nasen-Masken. Bei ihrer Ankunft werden alle Patienten auf das Virus getestet.

Außerdem stehe das PKL in engem Austausch mit dem Gesundheitsamt, so Knüpling. „Unsere größte Sorge zurzeit ist, dass Menschen, die Hilfe brauchen, diese aus Angst vor einer Ansteckung nicht in Anspruch nehmen. Aber das Risiko, sich hier zu infizieren, ist sehr gering. Der seelische Schaden ist unter Umständen viel größer.“

Alarmsignale sind auch für andere wahrnehmbar

Depressionen äußern sich unterschiedlich. Bei bestimmten Symptomen sollten Betroffene und Angehörige jedoch aufmerksam werden. Wenn sich jemand sehr zurückziehe, kein Interesse mehr an Dingen zeige, die ihm zuvor wichtig waren, oder sogar Bemerkungen über einen möglichen Suizid mache – das seien solche Alarmsignale, sagt Knüpling. Die richtigen Anlaufstellen seien dann der Hausarzt, die Telefonseelsorge oder Sozialberatungsstellen. „Im Zweifel sollten die Betroffenen auch in die Notaufnahmen eines psychiatrischen Krankenhauses gehen, um sich beraten zu lassen.“

Therapie dauert sechs bis acht Wochen

Die Krankheit wird immer psychotherapeutisch behandelt, bei schweren oder mittelschweren Verläufen werden auch Medikamente eingesetzt. Zur Therapie, die üblicherweise sechs bis acht Wochen dauert, gehört es vor allem, eine Tagesstruktur mit verschiedenen Aktivitäten aufzubauen und einzuhalten. Auch Bewegung spielt eine große Rolle. Schließlich sollten die Patienten ihre depressiven Denkmuster erkennen, sagt Knüpling. Die Therapie ziele darauf, positive Erlebnisse zu schaffen und diese in den Alltag der Erkrankten zu integrieren.

Mechthild Busch hat im Krankenhaus ihre Freude am Leben wiedergefunden, sie fühlt sich gut aufgenommen und tauscht sich auch mit anderen Patienten aus. Das habe ihr zuletzt sehr gefehlt, sagt die Patientin. „In der Gemeinschaft geht es mir besser.“