Otter

Roggenpflanzen schützen junge Eichenbäume

Detlef Gumz (l.), Leiter des Naturschutzamts, und Mitarbeiter Armin Hirt betreuen ein Naturschutzprojekt bei Otter: Auf 4,5 Hektar wächst möglichst naturnaher junger Wald heran. Die Jungbäume werden von ausgesätem Roggen geschützt.

Detlef Gumz (l.), Leiter des Naturschutzamts, und Mitarbeiter Armin Hirt betreuen ein Naturschutzprojekt bei Otter: Auf 4,5 Hektar wächst möglichst naturnaher junger Wald heran. Die Jungbäume werden von ausgesätem Roggen geschützt.

Foto: Angelika Hillmer / HA

In der Nähe von Otter entsteht unter Aufsicht des Landkreises Harburg ein wilder Wald. Rund 4,5 Hektar werden natürlich aufgeforstet.

Otter.  Mehr für den Naturschutz tun und stabilere Wälder schaffen, die mit den Folgen des Klimawandels besser zurecht kommen als heutige Wälder: Das ist das Ziel des Projekts „Wilde Wälder“ des Landkreises Harburg. Kreiseigene Forste werden „umgebaut“, neue Waldflächen geschaffen . Gerade bei den jungen Wilden können die Naturschutzfachleute der Kreisverwaltung Maßnahmen erproben, die zukünftig den darbenden Wäldern helfen könnten. Ein Ortstermin am Ortsrand von Otter bei Tostedt.

Roggenähren wiegen sich im Wind. Sie sind nicht mehr goldfarben, sondern im Alter ergraut. Die Ähren werden nicht eingefahren. Die einzigen, die die Körner ernten, sind Feldmäuse. Wer genau hinschaut, sieht kleine Eichen, Hainbuchen und Linden, die im Schutz des Getreides heranwachsen. „So haben schon unsere Altvorderen Jungbäume vor zu viel Sonneneinstrahlung, Wind und Frost geschützt“, sagt Armin Hirt, der die nicht einmal ein Jahr alte Pflanzung betreut. Mit seinem Chef Detlef Gumz, Leiter der Abteilung Naturschutz und Landschaftspflege des Landkreises Harburg, läuft er über die Fläche. Hier und auf dem benachbarten Acker, den die amtlichen Naturschützer ebenfalls erworben haben, wächst auf insgesamt 4,5 Hektar nun wilder Wald heran.

Bagger haben den Boden vorbereitet

Den Jungbäumen geht es gut, und das liegt nicht nur am Roggen. Vor der Pflanzung haben Baggerarbeiten nährstoffreiche Bodenschichten weitgehend abgetragen und den pottebenen ehemaligen Maisacker strukturiert, kleine Erdhügel und Senken angelegt. Hirt: „Wir haben auf diese Weise unterschiedliche Lebensbedingungen geschaffen. Und damit die Voraussetzung für einen vielfältigen, artenreichen Wald.“ Auf einigen der kleinen Anhöhen wurden zusätzlich einige Büsche, etwa Weißdorn, gruppiert. Den Rest erledigt die Natur. „Von den benachbarten Baumbeständen werden Samen von Zitterpappeln, Ebereschen und Birken auf die Fläche wehen und unsere Landschaft komplettieren.“

Senken halten das Wasser fest

Die Senken sind nicht nur Biotope für Pflanzen, die es gern feucht haben. Sie spielen vor allem eine wichtige Rolle im Wasserhaushalt des aufstrebenden Waldes. „Die Mulden halten das Wasser fest und verhindern, dass es in die seitlichen Gräben abfließt“, sagt Gumz. So kann es versickern und das Wasserreservoir im Boden auffüllen. Das ist gerade angesichts der trockenen Sommer der vergangenen Jahre ein entscheidender Vorteil. Der Erfolg sei erstaunlich, so Hirt: „Während in den jährlichen Trockenperioden viele Jungpflanzen in traditionellen Aufforstungen vertrockneten, haben wir auf unseren Flächen keinerlei Verluste gehabt.“

In jüngster Zeit habe die Bodenfeuchte „beängstigend abgenommen“, betonen die Naturschutzfachleute. Das Dilemma werde noch durch ein sehr dichtes und extrem leistungsfähiges Entwässerungssystem gefördert. Gumz: „Seit vielen Jahrhunderten wurde in den Wasserhaushalt eingegriffen. Immer mit dem Ziel, das Regenwasser möglichst schnell loszuwerden. Jetzt ist es an der Oberfläche verschwunden, und die Landwirte holen es aus tiefen Schichten heraus, um ihre Felder zu bewässern.“ Um Wasser in seinen Naturwäldern zu halten, lässt der Landkreis an verschiedenen Orten Gräben zuschütten. Und legt Wassersammelstellen in Form von Senken an.

Es gibt zu viele Entwässerungsgräben

Der Rückbau von Entwässerungsgräben könnte auch den Wirtschaftswäldern helfen. Das passiere aber nicht, sagt Armin Hirt: „Ich sehe kein Projekt, das so etwas macht.“ Er plädiert dafür, „mit Wasser klüger umzugehen, als es immer nur los werden zu wollen“. Andererseits würden ohne Entwässerung die Böden in vielen Forsten im Winter so nass sein, dass sie nicht mehr befahrbar wären – das Winterhalbjahr ist aber die Erntezeit der Holzwirtschaft. Dann stehen die Bäume weniger stark im Saft als in der Vegetationsperiode und sind unempfindlicher gegenüber Verletzungen.

Die Landschaft bietet viel Potenzial

Es sei sinnvoll, die Wasserstände so zu regulieren, dass man es zurückhält, wenn man es braucht, und wegfließen lässt, wenn Waldarbeiten anstehen, sagt Hirt. Dabei gelte es, „das Potenzial der Landschaft zu nutzen und nicht auf technische Lösungen wie Rückhaltebecken zu setzen“. Gumz ergänzt mit Blick auf Privatwaldbesitzer und Landwirte: „Der Boden ist wie ein Schwamm, er kann Wasser aufnehmen und später abgeben. Man muss sich intensiver um ein gescheites Wassermanagement in der Landschaft Gedanken machen, um den Klimaeffekten entgegen zu wirken.“

Baumarten, die mit dem Klimawandel besser klar kommen

Bei den Bemühungen, die bestehenden Wälder robuster gegen Folgen des sich wandelnden Klimas zu machen, liegt der Fokus der Forstwirtschaft auf Baumarten, die mutmaßlich mit den Bedingungen, wie sie voraussichtlich in 20, 30 Jahren herrschen werden, besser klar kommen. Die Douglasie, ein Nadelbaum mit Wurzeln in Nordamerika, ist eine heißer Kandidat für wärmere Sommer. Unweit von Otter entfernt, in den Lohbergen bei Buchholz, wurden Douglasien gepflanzt. In Reih und Glied. Das „wecke waldökologisch leider wenig Zuversicht“, kommentiert Hirt die Maßnahme.

Wildwuchs – aber von Fachleuten in Gang gesetzt

Der fachmännisch initiierte Wildwuchs bei Otter wird aus dem Kompensationsfonds des Landkreises finanziert, also mit der Ausgleichsabgabe, die bei Naturzerstörung, etwa durch Bauprojekte, fällig wird. Nicht nur hier, auch andernorts lässt der Landkreis wilde Wälder aufwachsen, etwa bei Kakenstorf, Marxen und demnächst auch in Dohren – „in dieser Woche beginnen dort die Pflanzungen“, sagt Hirt. Allerdings machen die kreiseigenen Wälder nur einen geringen Teil der rund 34.500 Hektar umfassenden Waldfläche im Landkreis Harburg aus. Aber wer weiß: Vielleicht werden manche Forstleute ein Teil des Know-hows, das die Ökologen mit ihren wilden Wäldern erwerben, später in ihre Wirtschaftswälder einfließen lassen.