Harsefeld

Dieses Dorfkino hat Kultstatus

So sah das Kino kurz vor dem Umbau aus, die Atmosphäre soll aber erhalten bleiben.

So sah das Kino kurz vor dem Umbau aus, die Atmosphäre soll aber erhalten bleiben.

Foto: Kino Hotel Meyer / Katrin Schneider

Harsefelder Lichtspiele werden behutsam renoviert, alte Einrichtung und Technik kommen jetzt ins Kiekeberg-Museum.

Harsefeld.  Die Stuhlreihen sind schon raus, Tische und die kleinen Lämpchen bereits abmontiert. Doch noch immer strahlt der alte Kinosaal in den Harsefelder Lichtspielen den Charme der 1920er-Jahre aus. „Sehen Sie mal hier“, sagt Martin Engelmann und deutet auf die dicke Wandbespannung. „Das ist noch die erste von 1928“. Der 33-Jährige ist Chef im „Kino Hotel Meyer“ , das er 2017 von seiner Mutter, einer gebürtigen Meyer, übernommen hat. Seit 1848 schon betreibt die Familie in der kleinen Gemeinde auf der Stader Geest eine Gastwirtschaft, später ein Hotel und eben das Kino. Gegründet 1928 in einer Zeit, als jedes Dorf einen solchen Ort hatte, wo man zusammenkam, die Wochenschau und Stummfilme anschaute. In Harsefeld am Klavier begleitet von einem Uhrmachermeister, der dafür mietfrei im Hotel einen Verkaufsraum betreiben konnte. Während jedoch die kleinen Kinos auf dem Land im Laufe der Jahrzehnte verschwanden, blieben die Harsefelder Lichtspiele. Heute ist es ein Kino, das für seine besondere Filmauswahl jenseits des Mainstreams bekannt ist und das man daher wohl eher in einem Hamburger Szeneviertel vermuteten dürfte. Es sei mehr ein „Arthouse-Kino“ , schrieb die taz vor einigen Jahren einmal.

Renovierung war ohnehin vorgesehen

Wie alle Kinos im Land musste es jetzt aber auch in den Corona-Lockdown gehen. Doch für Martin Engelmann ist diese Schließung nicht so schmerzhaft wie für andere Kinobetreiber, da er ohnehin eine behutsame Renovierung geplant hatte. Stammkunden haben ihn zwar immer wieder gebeten, bloß nichts zu verändern. „Doch irgendwann sehen Teppich und Stühle auch kaputt aus“, sagt Engelmann. Viele Teile der Einrichtung und der Technik sollen daher nun in der Corona-Pause ausgetauscht werden – und da ist jetzt das Kiekeberg-Museum im Landkreis Harburg hellhörig geworden, das sich auf die jüngere Kulturgeschichte der Region spezialisiert hat.

Die alten Möbel gehen an den Kiekeberg

Nach kurzer Kontaktaufnahme war man sich schnell einig: Das „alte“ Harsefelder Kino soll am Kiekeberg weiter zu sehen sein – was Engelmann ein besonders gutes Gefühl gibt, wie er sagt: „Da brauche ich wegen des Umbaus kein schlechtes Gewissen mehr zu haben.“ Man wolle neben der Einrichtung auch die Geschichte des Kinos bewahren, heißt es dazu aus dem Museum. Aus „musealer Sicht“ gebe es keinen Zweifel, dass das Kino ein erhaltenswertes Zeugnis der Zeit- und Kulturgeschichte der 1950er und 1960er-Jahre sei. Und genau das ist auch die Zeit, als die Krise der kleinen Kinos auf dem Land begann. Immer mehr Haushalte leisteten sich lieber einen Fernseher, später gab es auch noch Videos zum Verleih.

Die Familie Meyer konnte sich in den 70er- und 80er-Jahren noch gegen diesen Trend stemmen, baute das Kino zum Verzehrkino um, das es noch heute ist und auch in Zukunft bleiben soll. Man drückt am Platz auf eine kleine Taste, eine Servierkraft kommt – und der Zuschauer kann sich zum Hauptfilm noch ein Gläschen Wein bestellen. Lange Zeit war das Harsefelder Kino auch ein Raucherkino, an leisen Stellen im Film hörte man dann das Rauschen der Lüftung. „Die linke Seite war Nichtraucher“, sagt Kinochef Engelmann. Es war die Zeit der Bud-Spencer-Filme, aus Buxtehude und Bremervörde kamen die Jungs mit ihren Mopeds, um dort heimlich zu rauchen.

Der Trend ging weg vom Kino

Doch der Trend ging immer weiter weg vom Kino, immer weniger Publikum kam. „Es gab auch schon einmal eine ganze Woche ohne Zuschauer“, erinnert sich Engelmann, der es damals „irre“ fand, wie er sagt, dass seine Mutter dennoch so am Kino festhielt. Dabei mussten die Filmeakte lange noch eigenhändig zusammengeklebt und vorher von der Post abgeholt werden. „Ein Stundenaufwand“, wie Engelmann sagt. Unerbittlich für die kleinen Kinos setzte auch eine Spirale nach unten ein: Weil wenige Zuschauer kamen, gab es die Blockbuster von den Filmverleihern immer später, manchmal gar nicht.

Die rettende Idee: Besondere Filme

Und da kam Martin Engelmanns Mutter auf eine Idee, die das alte Dorfkino schließlich zum Kult-Kino machten. Nicht mehr die großen Hollywood-Streifen wie überall zeigte sie, sondern Klassiker, Filmreihen, besondere Filme. Etliche Preise hat das Harsefelder Lichtspiel-Theater mittlerweile für sein Programm erhalten. Der Dokumentarfilm „Die Nordsee von oben“ hatte in Harsefeld seine Premiere, in keinem anderen Kino sahen ihn mehr Menschen als dort.

Vor einigen Jahren dann stand für das Kino aber dennoch eine weitere existenzielle Entscheidung an: Sollte man den Umstieg in die neue digitale Technik wagen, noch einmal viel Geld investieren? Engelmann hatte seinerzeit erst Koch und dann Barkeeper gelernt und war gerade auf der Hotelfachfachschule, als seine Mutter anrief und ihm eröffnete, dass sie nur dann investieren werde, wenn er Hotel und Kino übernimmt. „Lange nachgedacht habe ich da nicht“, sagt er.

Investition in digitale Technik

Die Weitsicht seiner Mutter mit der Filmauswahl und dann die Investition in neue Technik haben sich aber gelohnt. Heute ist die Kombination aus Hotel und Kino eine Art Alleinstellungsmerkmal des Harsefelder Familienunternehmens. „Das Kino ist unser Juwel“, sagt Engelmann, der den Kurs weiterentwickelt hat. Firmen veranstalten in Hotel und Restaurant Tagungen und Feiern, anschließend schaut man sich gemeinsam Wunschfilme an. Es gibt dort beispielsweise Arrangements in Kombination mit Schnitzel oder Currywurst zum jeweiligen Film.

Spezielle Angebote für Paare

Ein besonderes ist das Angebot „Kino und Kopfkissen“ für Pärchen, im Restaurant wird dann stilvoll gespeist, das Dessert zum Film im Kino serviert, anschließend geht es in die Kino-Bar und dann in die Suite des Hotels, das mit dem Thema Kino überall spielt. Die Zimmer heißen da etwa Quentin Tarantino oder auch Til Schweiger, an den Wänden hängen Filmfotos.

Eine Erfolgsgeschichte also, aber eben auch eine, die zeigt, dass Erfolg nur mit steter, aber vorsichtiger Veränderung funktioniert. Und deshalb habe er sich auch zur Renovierung entschlossen, sagt Engelmann „Das wird kein Retro-Mist“, sagt er. Aber die alte Atmosphäre solle bleiben oder sogar noch ausgebaut werden. „Noch wirkt das hier nicht so cool wie es mal war – und jetzt auch wieder werden soll“, verspricht er.​​