Gesundheit

„Wir sind stärker bedroht als im Frühjahr“

Die Task-Force der Waldklinik: Krankenhaus-Chef Hans-Heinrich Aldag, Pflegeleiterin Gudrun Wiegels, Hans-Peter Neunzig, der Ärztliche Direktor, Bernd Schulte, Chefarzt der Orthopädie, Therapieleiterin Petra Böker und Nils Aldag, dem Leiter der Unternehmensentwicklung.

Die Task-Force der Waldklinik: Krankenhaus-Chef Hans-Heinrich Aldag, Pflegeleiterin Gudrun Wiegels, Hans-Peter Neunzig, der Ärztliche Direktor, Bernd Schulte, Chefarzt der Orthopädie, Therapieleiterin Petra Böker und Nils Aldag, dem Leiter der Unternehmensentwicklung.

Foto: Rolf Zamponi

Wie sich die Waldklinik in Jesteburg auf die neue Corona-Welle einstellt. Patienten mit Symptomen werden abgewiesen.

Jesteburg.  Die Waldklinik in Jesteburg gerät durch die zweite Corona-Welle jetzt noch stärker unter Druck als im Frühjahr. „Die Situation ist bedrohlicher als zuvor “, so das Fazit des Ärztlichen Direktors der Klinik, Hans-Peter Neunzig. Denn durch die steigenden Infektionszahlen kommen nicht nur immer mehr Mitarbeiter in Gefahr, sondern sie sind auch häufiger gefragt, wenn sich ihre Kinder oder andere Familienmitglieder anstecken. „Sie fallen dann aus und können nicht behandeln“, sagt Neunzig. Zudem gibt es derzeit weder für die Reha neue finanziellen Regelungen für leerstehende Plätze in Folge verschobene Operationen noch eine rasche pauschale Abrechnung für leerstehende Krankenhausbetten. Alle bisherigen Regelungen sind zum 30. September ausgelaufen.

Bislang kein einziger Corona-Fall

Neunzig und Geschäftsführer Hans-Heinrich Aldag ist es gelungen, das Haus seit Beginn den Pandemie coronafrei zu halten. Damit das auch mit den aktuellen Zahlen so bleibt, wurden bereits Patienten mit Symptomen abgewiesen. Aufgenommen wird seit zwei Wochen nur, wenn ein negatives Ergebnis eines PCR-Tests vorlegt, das nicht älter als 48 Stunden ist. „Für die leichte stationäre Reha gilt zudem, seit der Inzidenzwert von 50 Infizierten auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen überschritten ist, ein striktes Besuchsverbot. Für die Patienten in den 55 Krankenhausbetten muss der jeweilige Oberarzt einem Besuch einer ausgesuchten Person zustimmen. „Das geschieht dann nur in Einzelfällen“, sagt Neunzig.

Sieben Beatmungsgeräte

Obwohl die Waldklinik ausdrücklich nicht für Corona-Patienten vorgesehen ist, hält sie inzwischen sieben Beatmungsgeräte vor. „Vier werden im tägliche Betrieb eingesetzt, drei sind in Reserve“, sagt Nils Aldag, den sein Vater im April als Leiter der Unternehmensentwicklung in die Klinikleitung geholt hat. „Wir können im Ernstfall aber das Personal für alle Geräte sicherstellen,“ sagt der Betriebswirt und Gesundheitsökonom mit Masterabschluss.

Krankenhauschef Aldag, der der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft vorsitzt und auf Bundesebene zum Vorstand gehört, setzt nun auf einen neuen finanziellen Rettungsschirm ähnlich wie im Frühjahr. Damals galt, dass die weggefallenen Erlöse der wegen des erwarteten Bedarfs an Infizierten ungenutzte Krankenhausbetten und der wegen zurückgestellten Behandlungen leerlaufenden Rehaabteilungen kompensiert wurden, wenn auch nicht komplett kostendeckend.

Hilfe für die Kreiskrankenhäuser

Der promovierte Kaufmann kann gemeinsam mit Direktor Neunzig auf ein aufgegangenes Konzept für die Übernahme von Patienten vor allem aus den Kreiskrankenhäusern in Buchholz und Winsen verweisen. So gehörte die Waldklinik zu den ersten 22 vom Land ausgewählten Häusern, die etwa Schlaganfallpatienten oder Unfallopfer aus anderen Einrichtungen aufnehmen konnten, deren Betten für Corona-Infizierte frei bleiben mussten. „Wir haben die beiden Kliniken im April und Mai um rund 100 Patienten entlastet und die Menschen an mehr als 1000 Tagen gepflegt“, rechnet Aldag vor. „Darauf sind wir stolz.“

Kurzarbeit wurde bislang vermieden

Zumal Kurzarbeit komplett vermieden werden konnte. Hintergrund: Therapeuten wechselten aus der langsam immer weniger belegten Reha in die Pflege. Der pro Tag für diese Patienten abgerechnete Satz von 410 Euro pro Bett trug über die Monate hinweg dazu bei, die wirtschaftliche Situation in Jesteburg zu stabilisieren. Ambulante Physiotherapie und ambulante, teilstationäre Reha bietet das Krankenhaus seit Anfang Juli wieder an. Coronagerecht wurden die Einzelstunden in die Fortbildungsakademie der Waldklinik abseits des Haupthauses verlegt. Zur Reha treffen sich derzeit zwei Gruppen mit je sechs statt zuvor insgesamt 25 Patienten zu unterschiedlichen Zeiten am Vor- und Nachmittag. Auch mit den den stationär in der Waldklinik behandelten Patienten kommt niemand zusammen.

Für die zweite Welle stehen nun neue Beschlüsse von Bund und Land jedoch aus. Vorgesehen ist allein, dass beim Budget für leerstehende Betten in Krankenhäusern zum Jahresende oder im Folgejahr nachverhandelt werden kann. Für die Reha oder die Aufnahme von Patienten aus den Akutkrankenhäusern ist dagegen über Hilfen nicht entschieden. „Mit der Entwicklung im Sommer, den Zuschüssen und einem neu aufgelegten Rettungsschirm könnten wir selbst in diesem Jahr in den schwarzen Zahlen bleiben“, sagt Aldag. Jedenfalls wenn die Zahl der Infizierten nicht noch deutlich stärker ansteigt.

Waldklinik expandiert um 60 Betten

Wirtschaftlich würde mit neuen Hilfen ein Unternehmen unterstützt, das derzeit expandiert. So soll zum Jahresbeginn ein neues Bettenhaus fertig werden. Die Kapazität der Klinik erhöht sich um 60 auf 230 Krankenhausbetten. Dafür fließen elf Millionen Euro vom Land. Die Waldklinik stemmt ein Darlehen über weitere sechs Millionen Euro.

„Wir wollen 60 neue Vollzeitstellen besetzen und brauchen dafür zwischen 80 und 90 Mitarbeiter, Pfleger, Ärzte und Therapeuten“, sagt Neunzig. Seit neun Monaten wird mit Filmen auf Facebook über den Klinikalltag aber auch mit Fotos von Mitarbeitern auf den Kleinbussen der Jesteburger um neues Personal geworben. „Mit Erfolg“, wie der Ärztliche Direktor sagt. „Wir bekommen zahlreiche Bewerbungen.“ Dennoch: 30 Plätze sind noch frei.