Steigende Corona-Zahlen

Landkreis Harburg schließt Sperrstunden nicht aus

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Rolf Zamponi
Sozialdezernent Reiner Kaminski, die Leitende Amtsärztin Astrid Schwemin und Landrat Rainer Rempe im Besprechungszimmer des Landrats geschützt von Plexiglasscheiben

Sozialdezernent Reiner Kaminski, die Leitende Amtsärztin Astrid Schwemin und Landrat Rainer Rempe im Besprechungszimmer des Landrats geschützt von Plexiglasscheiben

Foto: Rolf Zamponi

Landrat Rainer Rempe fordert weiter mindestens ein Testzentrum im Kreis Harburg. Zusammenkünfte könnten künftig beschränkt werden

Kreis Harburg.  Der Landkreis Harburg wird reagieren, sobald die Zahlen für die Corona-Infizierungen noch weiter steigen. Daran lässt Landrat Rainer Rempe keinen Zweifel. Die Grenze liegt bei 35 Infizierten innerhalb von sieben Tagen auf 100.000 Einwohner. Wird dieser Wert überschritten, wird es wie in Hamburg Sperrzeiten etwa für die Gastronomie, eine begrenzte Zahl von Teilnehmern an Zusammenkünften sowie möglicherweise auch eine Anordnung geben, im Freien Schutzmasken zu tragen. Derzeit liegt der statistische Wert für Neuinfizierte (Inzidenz) im Landkreis mit 23,6 deutlich unter dem Schnitt in Niedersachsen mit zuletzt 34,2.

Im Einzelnen würden die Sperrzeiten zwischen 23 Uhr und sechs Uhr morgens festgelegt. Bei Treffen und Feiern würden im privaten Bereich noch 15 Menschen zugelassen, im öffentlichen Bereich 25 Teilnehmer. „Wir können diese Zahlen aber noch weiter reduzieren“, sagte Rempe am Montag dem Abendblatt. Der Landkreis kann sich für sein Handeln auf eine Verordnung des Landes stützen, nach der die Behörden vor Ort Beschlüsse fassen können, die für den Gesundheitsschutz zwingend erforderlich sind.

Ziel sei es in jedem Fall, Schulen und Kindergärten offen zu halten. „Sie sind kein originärer Infektionsherd“, so der Landrat. Niedersachsenweit werde derzeit noch über eine Maskenpflicht im Unterricht oder eine Aufteilung von Klassen diskutiert.

Appell des Landrates: Kontakte reduzieren!

Rempe appellierte an die Menschen im Kreis, private Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren, möglichst auf Reisen zu verzichten und Privatfeiern zurück zu stellen: „Wir gehen in einen langen Winter und steuern damit auf eine kritische Phase im Jahr zu.“

Der Landkreis hält an seiner Forderung fest, mindestens ein, besser zwei Corona-Testzentren auf seinem Gebiet einzurichten. Dies hatte der Kreistag in seiner jüngsten Sitzung auch über eine Resolution festgelegt. Zuletzt hatte die Kassenärztliche Vereinigung jedoch den abgelegenen Standort Rosche (Kreis Uelzen) geschlossen. „Nach den mir vorliegenden aktuellen Informationen soll bislang jedoch kein Standort wieder eröffnet werden“, sagte Kreis-Sozialdezernent Reiner Kaminski.

„Für eine solche Entscheidung habe ich dabei keinerlei Verständnis“, sagt Landrat Rempe. Hintergrund: Der Kreischef rechnet mit einem steigenden Bedarf an Testkapazitäten. Denn jetzt haben auch unmittelbare Kontaktpersonen von Infizierten ohne Symptome Anspruch auf einen für sie kostenlosen Test. „Wir brauchen mindestens ein Testzentrum im Landkreis und wären bereit, mit dem Landkreis Lüneburg zusammen zu arbeiten.“

20 Mitarbeiter im Pandemie-Team

In der Kreisverwaltung sind derzeit 20 Mitarbeiter im Pandemie-Team damit befasst, sich um die einzelnen Fälle und die Kontaktpersonen zu kümmern. „Wir gehen derzeit von durchschnittlich zehn bis 20 solcher Kontaktpersonen pro Fall aus“, sagte Astrid Schwemin, die Leitende Amtsärztin. „Schließlich gehen die Bürger ihrer Arbeit nach, besuchen Restaurants oder treiben Sport.“ Dazu kommt, dass das Team auch Einrichtungen wie Pflegedienste, Krankenhäuser und Altenheime im Auge behalten muss.

Bislang jedoch musste noch keine Verstärkung von der Bundeswehr oder vom mobilen Team des Landes angefordert werden. Nach den Erfahrungen aus dem Frühjahr wurden 40 Verwaltungsmitarbeiter zusätzlich qualifiziert, die jederzeit die Belegschaft des Gesundheitsamts ergänzen können. „Wir können flexibel reagieren, sind mit Schutzkleidung, Masken und Handschuhen inzwischen gut ausgestattet und haben die Lage bislang im Griff“, versichert Rempe.

Im gesamten Niedersachsen nehmen die Ansteckungen mit dem Corona-Virus jedoch auch abseits der Hotspots immer mehr zu. „Der generelle Anstieg der Infektionszahlen ist besorgniserregend“, sagt Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD). Neben den Beschränkungen bei Zusammenkünften soll es „regional gezielte Ausweitungen der Maskenpflicht im öffentlichen Raum, Sperrstunden in der Gastronomie und Verringerungen der bei Veranstaltungen zulässigen Personenzahl“ geben.

Sperrstunden in Niedersachsen noch eine Ausnahme

Auch die Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum dürften bedauerlicherweise bei steigenden Infektionszahlen „wieder strikter notwendig“ werden. „Wir werden die Sperrstunde, wie alle anderen Ergebnisse der Berliner Konferenz, in Niedersachsen Punkt für Punkt umsetzen und im Zweifel auch in die nötigen Gerichtsverfahren gehen“, sagte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) der Tageszeitung „Welt“ (Montagausgabe) zu diesem Thema.

Bis zum Wochenende waren Sperrstunden in Niedersachsen noch eine Ausnahme: Lediglich drei Landkreise – Vechta, Cloppenburg und Grafschaft Bentheim – setzten auf dieses Mittel. Die vier weiteren Regionen mit Corona-Werten von mehr als 50 verzichteten bis dahin darauf.

Weil will versuchen, den Schutz vor Ansteckungen mit möglichst milden Mitteln zu gewährleisten. „Milde Maßnahmen erzielen aber naturgemäß nur überschaubare Wirkungen. Wenn das allerdings dazu führt, dass diese Maßnahmen wegen genau dieser überschaubaren Wirkung von den Gerichten kassiert werden, dann landen wir ganz automatisch bei härteren Maßnahmen“, sagte er. Zuletzt hatten Gerichte unter anderem das Beherbergungsverbot für Reisende aus deutschen Corona-Hotspots gekippt, auch in Niedersachsen.

110 Menschen sind aktiv erkrankt

Den Corona-Grenzwert von 50 überschritten dem Landesgesundheitsamt zufolge am Sonntag sieben niedersächsische Regionen: die Landkreise Cloppenburg (158,2), Emsland (70,0), Grafschaft Bentheim (75,8), Northeim (105,8), Osnabrück (55,9) und Vechta (91,7) sowie die Stadt Delmenhorst (138,0). Nur knapp darunter lagen demnach die Kreise Celle (46,9) und Oldenburg (45,8). Über dem Wert von 35 lagen auch die Region Hannover (38,7), der Kreis Verden (38,6) sowie nach eigenen Angaben vom Sonntag die Stadt Osnabrück (39,5).

Im Landkreis Harburg erhöhte sich die Zahl der Infizierten am Montag um elf auf insgesamt 1000. 110 Menschen sind aktiv erkrankt, 24 gestorben. Als genesen gelten 866. In Quarantäne befinden sich 422 Personen.

( mit dpa )