Landkreis Harburg

Corona: Gaststätte geschlossen – Versicherung zahlt nicht

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Rolf Zamponi
Doris und Thomas Vick sind leidenschaftliche Gastwirte. Jetzt müssen sie wieder vor Gericht streiten.

Doris und Thomas Vick sind leidenschaftliche Gastwirte. Jetzt müssen sie wieder vor Gericht streiten.

Foto: Rolf Zamponi

Doris und Thomas Vick fühlen sich von Allianz im Stich gelassen. Anwalt Jürgen Hennemann sieht schwere Versäumnisse bei der Beratung.

Garlstorf.  Sie fühlen sich im Stich gelassen. Erneut. Die Corona-Pandemie ist der zweite schwerwiegende Einschnitt für das Ehepaar Vick, das seit 1996 die Gaststätte Waldklause in Garlstorf führt. Ihr Restaurant und Wohnhaus im ehemaligen Garlstorfer Bahnhof war im Jahr 2010 niedergebrannt, der damalige Versicherer weigerte sich zunächst zu zahlen. Jetzt stehen die Vicks wieder vor einer Auseinandersetzung. Dieses Mal mit der Allianz, die für die Einnahmeverluste während der knapp zwei Monate langen Schließung nicht aufkommen will.

Versicherung sieht kein schuldhaftes Verhalten

„Wir fühlen uns wie ein zweites Mal abgebrannt“, sagt Doris Vick. Sie und ihr Mann Thomas haben erneut den Buchholzer Rechtsanwalt Jürgen Hennemann eingeschaltet. Der hat die Allianz aufgefordert, ihre Haftung wegen der „grob fahrlässigen Schlechterfüllung ihrer Beratungspflichten“ anzuerkennen und ihm dies mitzuteilen.

Die Allianz sieht das anders. Zum von Hennemann festgelegten spätesten Termin, dem 2. Juni, traf ihre Antwort aus München in Buchholz ein. „Eine Beratungspflichtverletzung kann unsererseits nicht erkannt werden“, heißt es in dem Schreiben, das dem Abendblatt vorliegt.

2010 brannte der Dachstuhl

Alteingesessen ist die Waldklause, idyllisch liegt sie im Grünen am Rand von Garlstorf direkt an den Gleisen der OHE. Das Restaurant geht auf die ehemalige Bahnhofs-Wirtschaft zurück, die der Vater von Thomas Vick 1971 umgebaut hatte. Heute, in dritter Generation, bietet das Lokal gut bürgerliche Küche und ist wegen seiner ruhigen Lage trotz der Nähe zur A 7 bei Dänen und Schweden für einen Zwischenstopp beliebt. Doch am 16. Oktober 2010 gegen vier Uhr morgens hatte ein Feuer Dachstuhl und große Teile des Hauses schwer beschädigt. Ursache: technischer Defekt.

„Die alarmierten Feuerwehren pumpten 16.000 Liter Wasser in das Haus“, erinnert sich Doris Vick. Den Schaden beziffern die Eigentümer auf rund eine Million Euro. „Der damalige Versicherer weigerte sich einzuspringen, obwohl wir eine Ertragsausfall-Mehrkosten-Versicherung abgeschlossen hatten und unsere Familie seit 70 Jahren Kunde des Unternehmens war“, so Vick.

Nach fünf Jahren einen Vergleich erstritten

Damals riet der Steuerberater der Vicks, die sich als ausgebildeter Koch und Restaurant-Fachfrau als „Vollblut-Gastronomen“ sehen, den Buchholzer Rechtsanwalt Jürgen Hennemann einzuschalten. Der Experte für Haftungs- und Versicherungsrecht erkämpfte nach fünf Jahren einen Vergleich vor dem Landgericht. „Die Versicherung hat damals den Leistungsfall zu 100 Prozent anerkannt und den begründeten Schaden bezahlt, auch wenn über die begründete Schadenshöhe gestritten wurde“, sagt Hennemann.

Versicherung will wegen Lockdown nicht zahlen

Dennoch hat der Brand das Ehepaar schwer getroffen. „Wir mussten Darlehen aufnehmen, die wir bis 2023 abgezahlt hätten“, sagt Thomas Vick. Dann kam Corona und die Schließung vom 19. März bis zum 11. Mai. Nur noch ein Außer-Haus-Service konnte angeboten werden. Noch am Abend der Schließung rief Doris Vick ihren Allianz-Fachmann in Winsen an, zu dem das Ehepaar nach seinen Erfahrungen im Brandfall gewechselt war. „Die Versicherung greift nicht, war sein erster Satz“, erinnert sich Doris Vick noch genau. Für das Ehepaar wiederholen sich die Ereignisse, erneut holen sie Anwalt Hennemann. Der sieht ein klares Beratungsverschulden bei der Allianz.

„Meine Mandaten haben in mehreren Gesprächen immer wieder darauf hingewiesen, dass sie sich nach ihren Erfahrungen mit dem Brand gegen jegliche Risiken versichern wollen“, argumentiert Hennemann. Die Vicks hätten dabei ausdrücklich um Hilfe gebeten, um den Bedarf an Versicherungsschutz genau festzustellen. „Ihnen wurde stets deutlich gemacht, dass dies der Fall ist und sie sich keine Sorgen mehr machen bräuchten. Der Tenor war: Sie sind gegen alles versichert,“ fasst der Anwalt die Lage zusammen. Insgesamt 21 Policen schloss das Ehepaar nach eigenen Angaben bei ihrem Wechsel zur Allianz ab.

Hennemann: Meine Mandanten wurden falsch beraten

Für Hennemann ist deutlich: Für die besondere Situation eines Restaurants sei die gewählte Ertrags-Ausfall-Mehrkostenversicherung nicht geeignet. Denn diese tritt nur ein, wenn Sachschäden an den jeweils versicherten Firmengebäuden entstehen.

In diesem Sinne argumentiert die Allianz in einem Schreiben vom 21. April, das dem Abendblatt vorliegt. Darin heißt es: „Bei allen Produkten der Firmen Sachversicherung sind Sachschäden versichert, wenn diese durch Ereignisse verursacht werden, die in den Versicherungsbedingungen festgelegt sind, z.B. durch Brand oder Einbruchdiebstahl. Viren-Infektionen zählen nicht zu diesen Ereignissen, da durch Viren keine Sachschäden entstehen.“

Allianz weist Vorwürfe zurück

Doch gerade der Abschluss der Ertragsausfallversicherung macht nach Hennemanns Auffassung deutlich, dass trotz der zahlreichen Gespräche über den Versicherungsschutz vonseiten der Allianz eben nicht an die „hygienisch sensible Situation einer Gaststätte“ gedacht wurde. Denn auch ohne den Corona-Virus können Restaurants von Behörden geschlossen werden, wenn etwa Salmonellen oder ein Novovirus ins Spiel kommen. Solche bei Gastronomen auf der Hand liegenden Risiken seien aber „in keinster Weise“ angesprochen worden. Es hätte aber Sorge dafür getragen werden müssen, dass „meine Mandanten auch in Verbindung mit dem Infektionsschutz-Gesetz abgesichert sind“, sagt Hennemann. „Dafür wäre eine Betriebs-Schließungs-Versicherung notwendig gewesen.“ Die wurde aber trotz der Fachberatung nicht abgeschlossen.

Versicherung sieht Versäumnis bei Gastronomen

Den Grund dafür sieht die Allianz in ihrem Schreiben an Hennemann jedoch beim Gastronomen-Ehepaar. So habe der zuständige Winsener Kundenbetreuer den Kunden 2012, wie es heißt, „die Möglichkeit des Abschlusses einer Betriebsschließungsversicherung vorgestellt. Dies lehnte der Kunde jedoch ab. Auch im Rahmen der jeweiligen Jahresgespräche wurde die Betriebsschließungsversicherung konstant thematisiert, aber weiterhin als nicht notwendig erachtet.“

Damit steht Aussage gegen Aussage. Allerdings verweist Anwalt Hennemann darauf, dass die nach der von der EU erarbeiteten Vermittler-Richtlinie notwendigen Beratungsprotokolle nicht vorliegen. Sie könnten Licht in die Sache bringen. „Meine Mandanten können sich aber an solche Protokolle nicht erinnern, weil es sie nicht gibt. Außerdem hätte die Allianz gleich nachdem das Ehepaar die Betriebsschließungsversicherung abgelehnt hätte, darauf verweisen können, dass dann in einem solchen Fall eine Haftung abgelehnt werden müsste.“ Für Hennemann wirkt die Argumentation des Versicherers so schlicht „nachgeschoben.“

Schutz vor Risiken nicht umfassend geregelt

Der Fall Vick ist für den Buchholzer Juristen, der seit 20 Jahren bundesweit Mandanten bei Ansprüchen an ihre Versicherer vertritt, eine neues Beispiel dafür, dass die Praxis der Versicherer in Deutschland für die Kunden verwirrend ist. „Der Schutz vor Risiken wird nicht umfassend geregelt, sondern in verschiedene Ereignisse zerbröselt. Dabei machen uns andere Staaten in Europa vor, wie es am einfachsten wäre und bieten Versicherungen umfassend für alle Risiken an.“

Ob nun eine von einer Behörde angeordnete Schließung wie in der Corona-Krise, allein um Sozialkontakte einzuschränken, selbst bei einer Betriebsschließungs-Versicherung zu Zahlungen führen muss, ist derzeit umstritten. Ist die Leistungspflicht mit dem Infektionsschutzgesetz verknüpft, spricht zumindest einiges dafür. Das Außer-Haus-Geschäft, das auch die Vicks aufnahmen, ist für Spezialisten jedenfalls kein Grund, nicht von einer Schließung zu sprechen. Es wird vielmehr als Pflicht des Versicherten angesehen, den entstehenden Schaden auch im Sinne der Versicherung zu minimieren.

Bundesweiter Kompromiss liegt auf dem Tisch

Inzwischen gibt es einen ersten bundesweiten Kompromiss. Ihm haben sich viele Versicherungen, zu denen die Allianz zählt, angeschlossen. Er sieht vor, betroffene Restaurants mit einer Betriebsschließungsversicherung mit zehn bis 15 Prozent des vereinbarten Tagessatzes für maximal 30 Tage zu entschädigen. Dies schließt den Corona-Virus ein, auch wenn er zuvor noch nicht im Infektionsschutzgesetz stand.

„Ein Angebot, zumindest einen Teil des Ausfalls auch in diesem Fall innerhalb derselben Corona-Krise zu übernehmen, wäre für die Vicks eine Geste gewesen“, sagt Anwalt Hennemann. Doch diese Chance habe die Versicherung verpasst. Für die „grob fahrlässig schlecht“ erfüllte Beratung will er die Allianz nun „haftbar halten“. Hennemanns Ziel: Erneut dafür zu sorgen, dass das Ehepaar Vick von seiner Versicherung nicht im Stich gelassen wird.