Region Harburg

Zahl der Senioren-Unfälle steigt deutlich

Vor allem auf dem Lande wollen Ältere nicht gern auf ihr geliebtes Auto verzichten. Dabei wäre Taxifahren in vielen Fällen günstiger

Vor allem auf dem Lande wollen Ältere nicht gern auf ihr geliebtes Auto verzichten. Dabei wäre Taxifahren in vielen Fällen günstiger

Foto: Felix Kästle / dpa

2017 gingen erstmals mehr als 1000 Unfälle im Landkreis auf das Konto älterer Autofahrer. Warum ist das so?

Harburg/Buchholz.  „Hoher Schaden: 84-Jährige rast in Hollenstedt durch Waschstraße“. „Kamikaze-Fahrt in Stelle: Gas und Bremse verwechselt – Rentner legt Zugverkehr lahm“. „Gas und Bremse verwechselt: Rentner rast in Tostedt gegen Eisdiele“. Immer öfter wird über spektakuläre Verkehrsunfälle von „Rentnern“ in der Region südlich der Elbe berichtet. Die Schlagzeilen elektrisieren. Dabei stellt sich die brisante Frage, ob Autofahrer im fortgeschrittenen Alter in der Lage sind, ein Fahrzeug sicher im Verkehr zu führen.

Die Verkehrsunfallstatistik weist für den Landkreis Harburg folgende Zahlen aus: Ältere Verkehrsteilnehmer ab 65 Jahre waren im Jahr 2016 an 1299 Unfällen beteiligt (2015: 1280 Unfälle). Davon haben sie 1007 Unfälle selbst verursacht – und damit so viele wie noch nie (2015: 982 Unfälle).

„Das bedeutet: Mehr als drei Viertel der Unfälle, an denen Ältere beteiligt sind, wird von derselben Personengruppe verursacht. Das ist eine sehr hohe Quote“, sagt Polizeisprecher Jan Krüger von der Polizeiinspektion Buchholz. Der Kommissar geht noch einen Schritt weiter: „Die anderen Unfälle hätten durch eine schnellere Reaktion der Fahrer möglicherweise verhindert werden können.“

Erfreulicherweise steigt die Anzahl derjenigen, die ihren Führerschein aus Altersgründen abgeben. Während vor drei Jahren im Landkreis ein einziger Autofahrer freiwillig auf seinen „Lappen“ verzichtete, entschlossen sich 2016 immerhin vier. Voriges Jahr gaben sogar schon elf Senioren ihre Lizenz zum Fahren freiwillig ab – ein einziger weniger als in den zehn Jahren von 2002 bis 2012 insgesamt. „Möglicherweise setzt durch Aufklärung ein Umdenken ein. Dass sich die Leute eingestehen: ,Okay, so geht es nicht’“, betont Krüger.

Nur gelegentlich hätten Medikamente Einfluss auf das Fahrverhalten von Senioren. „Wir hatten voriges Jahr im Landkreis zehn Fälle. Die Medikation wurde in diesen Fällen umgestellt. Damit war die Sache erledigt“, sagt Krüger. Ein größeres Problem sieht der Kommissar darin, dass die Fitness im Alter schleichend nachlässt – insbesondere, was das Sehvermögen anbetrifft. „Unser Appell lautet: Gehen sie zum Hausarzt. Lassen Sie regelmäßig ihre Sehkraft und ihre körperliche Beweglichkeit von einer Vertrauensperson überprüfen.“

Es gilt das Prinzip der freiwilligen Selbstkontrolle. Das kann man positiv bewerten. Aber auch negativ. „Wer nicht von sich aus kommt und Hilfe annimmt, kann unterm Radar weiterfahren, solange nichts passiert“, schildert Krüger das Dilemma. Frank Waldhaus, Leiter des Sachbereichs Verkehr in der PI Buchholz, ergänzt: „Ein Lkw-Führerschein läuft nach fünf Jahren ab. Dann wird der Trucker getestet.“ Auch Taxifahrer müssen spätestens alle fünf Jahre zum Gesundheitscheck. „Ein Pkw-Führerschein gilt dagegen ein Leben lang.“

Wenn die Polizei bei einer Kontrolle gravierende Mängel beim Fahrer feststellt, wird die Führerscheinstelle informiert. Anschließend muss der Fahrer zur Fahrtauglichkeitsprüfung erscheinen. Bei sehr starken körperlichen Gebrechen – oder etwa bei einer beginnenden Demenz – wird die Fahrerlaubnis entzogen. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig das Ende der automobilen Mobilität. „In vielen Fällen ist es wirtschaftlicher, das eigene Auto abzuschaffen und stattdessen Taxi zu fahren“, betont Waldhaus. „Aber viele glauben, das Taxifahren Luxus ist. Das ist ein Problem“, ergänzt Krüger.

Um die eigene Fahrtüchtigkeit richtig einzuschätzen, gab es bis vor Kurzem im Landkreis Angebote wie „Fit im Auto“. Nach einer kurzen Einführung von der Polizei ging ein Fahrlehrer mit den Senioren auf Probefahrt. Anschließend gab der Lehrer und die Teinehmer untereinender ein Feedback. Momentan liegt das Angebot der Verkehrswacht jedoch auf Eis. „Die Nachfrage war nicht so, wie wir es uns erhofft haben“, sagt Dirk Poppinga, der zweite Vorsitzende der Verkehrswacht.

Assistenzsysteme wiegen in trügerische Sicherheit

Immer wieder gehe es im Kern darum, das eigene Fahrverhalten kritisch zu hinterfragen. „Häufig sind es Parkrempler, die auf Defizite hindeuten. Wenn wir diesen Autofahrern sagen: ,Stellen Sie sich vor, Sie wären nicht gegen dieses Auto sondern vor einem Schulbus ungebremst in eine Gruppe von Kindern gefahren...’ wird ihnen klar, worum es eigentlich geht“, sagt Krüger.

Fahrassistenzsysteme halten in immer mehr Neuwagen Einzug. Aber die elektronischen Helfer haben ihre Tücken. „Wir sind auf dem Weg zum autonomen Fahren. Systeme wie der Spurhalteassistent, der für Komfort und Sicherheit sorgen soll, vermitteln dem Autofahrer den Eindruck, ,Ach, ich kann ja fahren’. Aber das stimmt oft nicht!“ sagt Krüger.

Viele ältere Verkehrsteilnehmer seien körperlich nicht in der Lage, den Schulterblick auszuführen. „Sie vertrauen blind auf die Technik. Sie glauben, die Spur neben ihnen sei frei. Bis es kracht“, sagt Krüger und beschreibt ein weiteres Manko: Vor 30 Jahren hatten nur die wenigsten Autos ein Automatikgetriebe – heute gehört die Automatik für viele selbstverständlich dazu.

„Wenn früher jemand in einer stressigen Situation Gas und Bremse verwechselt hat, hat er schlimmstenfalls den Motor abgewürgt. Das war’s. Heutzutage schießt er mit seinem Automatikwagen durch die Waschanlage. Oder er landet im nächsten Schaufenster und nimmt Schaden“, so der Kommissar.

Auch in Harburg werden laut ADAC statistisch drei von vier Unfällen mit Senioren von ihnen selbst verursacht. „Viele Ältere wissen insgeheim, dass sie im Verkehr nicht mehr klarkommen“, sagt ADAC-Hansa-Sprecher Christian Hieff. „Es ist oft das Problem, dass sie Angst haben, von anderen abhängig zu werden.“ Dass Busse und Bahnen auf dem Lande seltener fahren als in der Stadt, dürfe nicht aufwiegen, dass man „eigentlich nicht mehr Auto fahren kann“, ergänzt Kommissar Krüger.

Ältere Autofahrer haben Erfahrung. Sie fahren in der Regel defensiv und nicht so schnell. Darüber sind sich die Fachleute einig. „Aber in komplexen Verkehrssituationen sind sie überfordert. Sie sind dann nicht in der Lage, richtig zu reagieren“, sagt Waldhaus. Wenn man Senioren frage, bewerteten sie ihr fahrerisches Können „zumeist mit der Note ,Gut’“, sagt Krüger. „Weil sie Angst haben, ihre Mobilität zu verlieren.“ Dabei sei es in vielen Fällen gar nicht nötig, täglich mit dem eigenen Auto zum Einkaufen in den Supermarkt zu zockeln.

„Wenn sich die Leute besser organisieren, reicht einmal die Woche“, meint Krüger. Das lässt sich bequem mit dem Taxi erledigen. Viele Defizite bei Älteren seien Angewohnheiten, betont Hieff. Ältere würden den Schulterblick vergessen. Aber nicht, weil sie es nicht könnten, sondern aus Routine. Oder am Zebrastreifen nicht anhalten, sobald am Fahrbahnrand ein Fußgänger auftaucht. Hieff: „Sie haben es anders gelernt.“

Mit Fahrtrainings für Senioren steuert der ADAC gegen (siehe Kasten). Es sei ein Fehler, Autofahrern mit zunehmendem Alter pauschal die Fähigkeit zum Fahren abzusprechen, meint Hieff: „Wir hatten im Training eine alte Dame, die ging auf die 100 Jahre zu. Sie hat jedes halbe Jahr ein Fahrtraining gemacht. Sie fuhr wie ein junger Gott, sogar nach Paris, auf den Champs Elysee.“

Die jungen Wilden aus den 1950er-Jahren sei die erste Generation, die mit dem Auto groß geworden ist. Für sie sei Autofahren eng mit Emotionen verknüpft und eine Mobilitätsgarantie, gerade im ländlichen Raum. „Sie kommen jetzt ins Alter. Viele schränken sich schon ein. Sie fahren nicht mehr zur Rushhour, nicht mehr nachts und auch nicht mehr weit weg“, betont Hieff. „Aber sie behalten ihren Führerschein.

Angehörige sollten mit äußerster Sensibilität an das Thema Führerscheinrückgabe herangehen: „Da kann ein FahrFitness-Check helfen.“ Der ADAC-Sprecher findet Sicherheitssysteme wie den Notbremsassistenten sinnvoll. Im Mobilitätskonzept von VW, in Hamburg demnächst mit 1000 Elektro-Bullys als Sammeltaxis an den Start zu gehen, sieht Hieff eine gute Alternative für Verkehrsteilnehmer, die in den nächsten auf ihr Auto verzichten wollen.

In den Seniorenbeiräten ist das Thema angekommen. „Ich mache mir große Sorgen“, sagt Horst Lefers, Vorstandsmitglied des Seniorenbeirates im Landkreis Harburg. „Ältere dürften meiner Ansicht nach gar keine Automatikwagen fahren. Das ist zu gefährlich. Wenn sie den Kopf nicht drehen können, dürften Sie eigentlich auch nicht mehr fahren. Ich würde es begrüßen, wenn der Notbremsassistent in neuen Autos Pflicht wird.“

Ein Dilemma sei, dass in vielen Dörfern die Infrastruktur fehlt. „Kein Arzt, keine Einkaufsmöglichkeiten, keine Apotheke. Es gibt zwar Lieferdienste, siehe Edeka. Aber auch die älteren wollen am Leben teilhaben. In der Stadt, auf den Märkten. Sie wollen raus, unter Menschen.“

Kontrolle über Auto verloren – Besitzer gibt es ab

Viele machten sich etwas vor. „Sie sagen, ,Ich fahre doch nur noch zu Hause. Ich fahre nur noch zu Edeka“, hat die Kreisseniorenbeiratsvorsitzende Elisabeth Schmidt aus Hollenstedt beobachtet. „Man sollte sich fragen: Kann ich wirklich noch Autofahren?“ Sie hält einen von der Verkehrswacht geschulten Mediator für sinnvoll, um dringend notwendige Aufklärung im Landkreis zu betreiben.

„Viele Ältere haben tolle Autos. Aber sie nutzen Fahrassistenzsysteme wie Einparkhilfen oder Abstandhalter auf der Autobahn nicht. Sie glauben, ohne geht es schneller.“ Sie hat mit ihrem Mann voriges Jahr in Lüneburg einen „Crashkursus“ beim ADAC gemacht. Für sie eine gute Erfahrung. „Ich wünsche mir, dass Ältere ihr Auto stehen lassen.“

Das hat Friedrich Wilhelm Jacobs (66) getan. Der Bezirksseniorenbeiratsvorsitzende hatte einen Schlaganfall. Er setzte sich wieder hinters Lenkrad seines 250er-Mercedes. „Am Harburger Ring sprang die Ampel auf Rot“, erzählt Jacobs. „Statt zu bremsen habe ich Gas gegeben. Mein Wagen schoss nach vorn. Ich war zutiefst dankbar, dass keiner auf dem Zebrastreifen war.“

Jacobs Frau saß daneben. Sie sprachen darüber. Jacobs brachte sein Auto zum Händler und gab es ab. „Ich hatte Angst, dass ich jemanden körperlich schädige. Viele überschätzen sich. Stellen Sie sich vor, der Vorsitzende des Seniorenbeirats überfährt auf dem Zebrastreifen drei Kinder. Das geht nicht. Ich will eine reine Weste.“

Jacobs hat das Thema Ältere im Straßenverkehr in den Seniorenbeirat gebracht. Er will aufklären. Auf Veranstaltungen mit Fachleuten vom ADAC oder von Autoherstellern. In Seniorenheimen oder im Harburger Rathaus. Die Resonanz ist positiv. Erste Kontakte gibt es schon.

Fit am Lenkrad

Fahrsicherheitskurse für Senioren wie „Neue Technik im Auto“ zum richtigen Umgang mit Assistenzsystemen (25 Euro) oder „Richtig bremsen – leicht gemacht“ (30 Euro) bietet die Hamburger Verkehrswacht an. Dauer: jeweils 150 Minuten. Termine und Ort auf Anfrage unter Telefon 040/78 51 57.

Die Verkehrswacht des Landkreises bietet zurzeit kein Fahrtraining mehr für Senioren an. „Örtliche Fahrschulen wie ,Four Motion’ in Buchholz machen Beobachtungsfahrten im Straßenverkehr und geben Tipps zu Assistenzsystemen wie Einparkhilfen“, empfiehlt Dirk Poppinga von der Verkehrswacht. Die Kosten entsprechen weitgehend den Fahrstundenpreisen.

Der ADAC bietet den „FahrFitnessCheck“ (ab 49 Euro) oder „Fahrtraining für Senioren“ (ab 95 Euro) im Fahrsicherheitszentrum Hansa in Lüneburg an. Telefon 04134/9070.