Handorf

Die Leih-Oma, die um die halbe Welt reist

| Lesedauer: 7 Minuten
Hanna Kastendieck
Drei Monate in China – da schließt man neuen Freundschaften: Carmela Röhr kam auf diese Weise zum Teepflücken mit den Einheimischen

Drei Monate in China – da schließt man neuen Freundschaften: Carmela Röhr kam auf diese Weise zum Teepflücken mit den Einheimischen

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Carmela Röhr war mit der Agentur Granny Aupair in den USA, Südafrika und in China. Jetzt hat sie eine Familie fürs Leben gefunden.

Handorf.  Eigentlich hatte sie keinen Grund, sich auf den Weg zu machen. Der Alltag war doch bequem. Sie hatte sich daran gewöhnt, an seinen immer gleichen Ablauf. An ein Aufstehen ohne Weckerklingeln, das ausgiebige Frühstück mit ihrem Mann, die langen Vormittage ohne Termine. Sie hatte mochte die Stille in der Straße, die akkuraten Gärten, das Leben auf dem Lande.

Und die Freiheit, das zu tun, worauf sie Lust hatte. Vielleicht wäre Carmela Röhr nie auf die Idee gekommen, ihren ruhigen Alltag mit dem eines Au-Pair zu tauschen, wenn sie nicht diesen Termin beim Arzt gehabt hätte. Und im Wartezimmer einen Artikel über „Granny Aupair“ gelesen hätte, dem Hamburger Unternehmen, dass „Leih-Omas“ ins Ausland vermittelt.

Das war im Januar 2014. Zwei Monate später steht die damals 61-Jährige auf einem bewachten Innenhof inmitten der Hochhäuser von Hangzhou. 8540 Kilometer von Zuhause entfernt. In dem Kinderwagen vor ihr liegt ein neun Monate altes Mädchen und lächelt sie an. Sie ist die einzige Europäerin inmitten von unzähligen chinesischen Nannys, die im Schatten der gewaltigen Betonfassaden den Nachwuchs betreuen.

Sie setzt sich zu den Frauen, kommt ins Gespräch. Kommuniziert mit Händen und Füßen. Und plötzlich spürt sie, dass sie nicht mehr nur eine Durchreisende ist. Sondern eine Zugehörige. Eine von ihnen. Wenn auch nur auf Zeit. Genau das hatte sich die Handorferin gewünscht, als sie im Januar 2014 beschloss, sich als Granny-Aupair zu bewerben.

Seitdem hat sie viel gesehen, ist als „Leih-Oma“ quer durch die Welt gereist. Hat bei Familien in China und Südafrika, in Washington und Köln Station gemacht, fremde Länder und Menschen kennengelernt und dort gelebt, wo andere Urlaub machen. „Es sind Erfahrungen, die mein Leben bereichert haben“, sagt sie. „Als Reisende wäre ich nie so tief ins Leben anderer Kulturen eingetaucht.“

Es ist der 12. März 2014, als sie ihre erste Reise als Granny-Aupair startet. Die vergangenen Wochen hat die Handorferin mit Formalitäten verbracht. Sie hat Kontakt zur Hamburger Agentur Granny Aupair aufgenommen, eine Mitgliedschaft beantragt, ein Profil in das Online-Portal stellen lassen und abgewartet.

Innerhalb einer Woche meldete sich der erste Interessent: eine Familie aus China, Vater Deutscher, Mutter Chinesin. Das Paar suchte für seine neun Monate alte Tochter eine Nanny. „Wir haben miteinander telefoniert und anschließend war klar: Ich fahre nach Hangzhou.“ Ehemann Manfred unterstützt die Pläne seiner Frau. Gemeinsam buchen sie einen Flug. Die Kosten dafür übernimmt die Familie.

„Viele unserer Familien tragen die Reisekosten oder zahlen vor Ort ein Taschengeld“, sagt Geschäftsführerin Michaela Hansen. „Dazu verpflichtet sind sie jedoch nicht.“ Die Hamburgerin gründete vor acht Jahren das Unternehmen „Granny Aupair“. „Ich hatte im Fernsehen eine Sendung über jüngere Au-pairs gesehen und dachte, warum gibt es das nicht für Ältere?“ Also schickte sie ein paar Pressemitteilungen Und trat damit eine „Weltidee“ los.

Tausende Frauen hat sie inzwischen in mehr als 50 Länder vermittelt. Agentur-Chefin Hansen versucht grundsätzlich für die Gastfamilien und Grannys alles passend zu machen. In einem Bewerbungsbogen geben beide ihre Wunschvorstellungen an: Land, Größe der Familie, Alter der Kinder. „Passt das zusammen, stelle ich den Kontakt her.“

Für die Aufnahme in die Kartei, in der 100 Frauen stehen, berechnet Frau Hansen eine Mitgliedsgebühr. Für zwölf Monate zahlt eine Teilnehmerin 358,80 Euro. Das sind 29,90 Euro im Monat. „Inzwischen bewerben sich bei uns sogar Frauen aus dem Ausland, die als Granny vermittelt werden möchten“, sagt sie.

Das Prozedere ist einfach. Über das Online-Portal www.granny-aupair.de stellen sowohl die Familien als auch die „Leih-Großmütter“ ihr Profil ins Netz. Bei Interesse wird Kontakt aufgenommen.

Das Angebot ist vielfältig. So sucht aktuell eine Familie aus dem australischen Melbourne eine „Granny“ für ihre zwei Töchter, eine Familie aus London braucht Unterstützung bei der Versorgung ihrer neugeborene Tochter, eine Familie aus New Jersey sucht Verstärkung bei der Betreuung ihres dreijährigen Sohnes. Es gibt Anfragen aus Cambridge und Verona, aus Kalifornien und New York, aus Kanada, Schweden und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

„Das klingt alles wunderbar und aufregend“, sagt Carmela Röhr. „Aber man muss sich im Klaren sein, dass die Eltern den Ton angeben.“ Als sie im März 2014 in China ankommt und ihre Gasteltern verbieten, mit dem Kinderwagen den Innenhof der Siedlung zu verlassen, wird ihr plötzlich klar, dass sie „nur“ ein Aupair ist.

Ihre Ideen von Erziehung lehnt die Mutter ab. Also hält sie sich an die Regeln. Die freien Wochenenden aber geht sie ihre eigenen Wege, fährt mit dem Bus quer durchs Land. Sie lernt Einheimische kennen, tanzt mit ihnen auf dem Marktplatz, sitzt an ihren Küchentischen und arbeitet auf den Teeplantagen mit. Drei Monate bleibt sie in China. Dann kehrt sie in die Heimat zurück.

Kaum angekommen, kommt die nächste Anfrage. Eine Familie aus Pretoria, Mutter Deutsche, Vater Peruaner sucht eine Granny für ihre drei Kinder. Die Familie ist ein Glücksgriff. „Ich hatte ein eigenes Appartement in einer riesigen Luxusvilla. Und meine einzige Aufgabe war es, auf die Kleinste aufzupassen.“ Sie verbringen die Tage am Pool, fahren den Wochenenden ans Meer, besuchen Safari-Parks.

Die Eltern vertrauen ihr. Manchmal hütet sie die Kinder tagelang allein. Seitdem ist sie immer wieder zu dieser Familie gereist. Hat sie bei ihren Umzügen in die USA begleitet und jetzt in Köln besucht. „Auch künftig will ich für diese Familie da sein“, sagt sie. Also hat sie ihr Profil aus dem Onlineportal von Granny Aupair genommen. „Ich bin jetzt kein Aupair mehr“, sagt sie. „Sondern eine richtige Großmutter.“

Granny Aupair

Granny Aupair ist ein international bekanntes Online-Portal, über das lebenserfahrene Frauen als Leihoma ins In- und Ausland vermittelt werden. Das Programm richtet sich auch an jüngere Frauen, die eine Auszeit oder ein Sabbatical von Beruf oder Familie nehmen möchten.

Vermittelt wird auch in soziale Projekte wie zum Beispiel ins Altenheim in Namibia, in den deutschsprachigen Kindergarten in Bolivien oder ins Straßenhunde-Projekt in Nepal.

Infos gibt es unter www.granny-aupair.com oder bei der Infoveranstaltung am 24. 2. im Gästehaus der Uni Hamburg. Anmeldungen Tel. 040-87 97 61 40