Ausflüge

Kurzurlaub im Alten Land — mit dem Rad

Ein Radfahrer fährt in der Nähe von Lühe im Alten Land auf dem Elbdeich an den in voller Blüte stehenden Obstplantagen vorbei

Ein Radfahrer fährt in der Nähe von Lühe im Alten Land auf dem Elbdeich an den in voller Blüte stehenden Obstplantagen vorbei

Foto: Christian Hager / dpa

Abendblatt-Serie stellt die tollsten Ziele für den perfekten Tagesausflug in die Natur vor. Heute, Teil 2: Rund ums Obstparadies.

Jork.  Gleich am Anfang gibt es bunte Geschichten aus den Apfelkisten. Der urige Altländer Strandkorb steht direkt am Lühedeich. Kurz das Fahrrad abgestellt, ein paar Stufen nach unten und gemütlich Platz genommen.

Auf Knopfdruck ertönen spannende Erzählungen von früher. Wie aus diesem buchstäblich überflüssigen Stück Erde südlich der Elbe zwischen Hamburg und Stade urbares Land wurde. Wie holländische Siedler zwischen 1130 und 1230 das Gebiet Olland, plattdeutsch: Altland, durch das mühevolle Anlegen von Entwässerungsgräben mit harter Arbeit erst bewohnbar gemacht haben. Wie aus trostlosem Sumpfgebiet innerhalb von fast 900 Jahren blühende Landschaften wurden, die in diesen Tagen ihre volle Pracht entwickeln.

Schon die Anfahrt fühlt sich an wie Urlaub. Mit der S-Bahn nach Wedel, mit dem Rad runter zum Fähranleger, dort noch einen Kaffee und ein leckeres Fischbrötchen – und dann hinüber auf dem großen Strom ins Alte Land. Großzügig wird ein Containerriese vorbeigelassen, bevor es zum Fähranleger nach Lühe geht. Wieder rauf aufs Rad und schon beginnt eine entspannte Deich-Tour durch einen einzigartigen Obstgarten, der sich in den vergangenen Jahren zu einem wahren Radler-Reich verwandelt hat.

Auf dem Weg zum Unesco-Welterbe

Man kann hier ordentlich Strecke machen, um auf rund 1000 Kilometern ausgeschilderten Radwegen all das zu entdecken, was diese Urlaubsregion am Elbstrom, die auf dem Weg zum Unesco-Welterbe ist, zu bieten hat. Deiche und Fleete, Leuchttürme und Windmühlen. Prächtige Buntmauer-Fachwerke und schmuckreiche Prunkpforten, handgearbeitete Brauttüren und Altländer Filigranschmuck. Beeindruckenden Obstanbau auf rund 10.000 Hektar und barocke Orgelkunst in einer der zehn Kirchen, die in ihren Orten den Mittelpunkt bilden. Und deren Türme neben den Gotteshäusern stehen, weil der Boden ihre Last sonst nicht tragen würde.

Man kann zwischen zahlreichen Themen-Radtouren wählen. Es gibt die Kloster- und die Steinroute, die Wald- und die Obstroute, die Mühlen- und die Elbinselroute, die Moor- und die Has’-und-Igel-Route. Die Strecken sind zwischen 37 und 61 Kilometern lang und bieten eine Menge Sehenswertes. Nur eines nicht: steile Anstiege.

Ein Denkmal von Priester Heinrich erinnert an die Zeit der holländischen Kolonisation

Man kann aber auch einfach drauflos radeln. Dann kommt man auf dem Lühedeich nach kurzer Zeit bereits nach Steinkirchen. Offenbar, so heißt ist, gab die „Steinerne Kirche“ dem Ort seinen heutigen Namen. Sie wurde schon 1332 in einem Ablassbrief des Papstes erwähnt. Wann sie gebaut wurde, ist jedoch nicht bekannt. Draußen erinnert ein Denkmal von Priester Heinrich, der um 1113 gelebt hat, an die Zeit der holländischen Kolonisation. Aber man sollte auch unbedingt hineingehen. Denn dort befindet sich eine wertvolle, restaurierte Arp-Schnitger-Orgel aus dem Jahre 1687. Der berühmteste Orgelbauer Norddeutschlands, der eine Zeit lang in Neuenfelde gelebt hat, die Tochter eines ortsansässigen Obstbauern heiratete und in der dortigen Kirche beigesetzt wurde, ist an acht Orgeln im Alten Land tätig gewesen.

Weiter geht es nach Mittelnkirchen, wo auf dem Biohof von Kerstin Hintz, 51, feinster Fair-Trade-Kaffee und leckere hausgemachte Torten locken. Mit Sahne natürlich. „Ankommen und ausspannen“, lautet das Motto, wenn die Besucher im Garten unter dem 100 Jahre alten Wallnussbaum auch glutenfreie, vegetarische oder vegane Köstlichkeiten genießen können. Seit vier Jahren betreibt die Hamburgerin dieses kleine Idyll am Deich. Sie hat den Biohof „Ottilie“ genannt, weil ihre Großmutter so hieß. „Sie erinnert mich daran, wie es war, wenn man im Alltag eine Pause gemacht hat.“

Teil 1: Die Elbinsel Lühesand

Was man im Alten Land unbedingt gesehen haben sollte? „Auf jeden Fall sollte man einen Obsthof besuchen“, sagt Ana Drescher. Um zu erfahren, welche Apfelsorten hier in welchen Mengen und auf welche Weise erzeugt werden. Und dass auf 90 Prozent der Flächen der etwa 650 Obsthöfe Äpfel angebaut werden. Gefolgt von den Süßkirschen mit rund fünf Prozent Anbaufläche. Die junge Geschäftsführerin des Tourismus-Vereins in Jork, die auf der anderen Elbseite in Blankenese aufgewachsen ist, hat noch eine weitere Empfehlung: „Ein Spaziergang zu Fuß auf den Deichen.“

Den Schafen beim Grasen zusehen

Oder ein Abstecher ins Museum in Jork. Oder ein Besuch im Haus der Maritimen Landschaft Unterelbe in Grünendeich, wo es ein begehbares Modell der Unterelbe, eine Kapitänsbrücke und ein Planetarium gibt. Oder ein Gang über den Obstlehrpfad in Jork.

Oder aber man setzt sich wieder aufs Fahrrad. Radelt über Borstel zum Elbdeich. Setzt sich auf eine Bank an der kleinen Badestelle der DLRG. Sieht den Schafen beim Grasen zu. Und lässt die großen Pötte langsam von links nach rechts und von rechts nach links vorbeiziehen. Bevor es um 18.10 Uhr mit der letzten Fähre wieder zurück nach Schulau geht. Wo der Urlaub mit einem letzten wehmütigen Blick auf den großen Fluss und die Leuchttürme dahinter im Alten Land endet.

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