Schleswig-Holstein

Ärzte übersehen Schlaganfall – 900.000 Euro Schmerzensgeld

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Nach einem Schlaganfall müssen Patienten schnell ins Krankenhaus, am besten auf eine sogenannte Stroke Unit, von der es zum Beispiel in Hamburg mehrere gibt (Archivbild).

Nach einem Schlaganfall müssen Patienten schnell ins Krankenhaus, am besten auf eine sogenannte Stroke Unit, von der es zum Beispiel in Hamburg mehrere gibt (Archivbild).

Foto: Boris Roessler / Boris Roessler/dpa

Seit dem „groben Behandlungsfehler“ in der Notaufnahme ist der Patient pflegebedürftig. Der Fall zog sich über neun Jahre hin.

Schleswig/Hamburg. In einem Vergleich zwischen dem Schlei-Klinikum Schleswig und einem ehemaligen Patienten erhält der Mann jetzt 900.000 Euro Schmerzensgeld. Der heute 77-Jährige ist pflegebedürftig nach einem „groben Behandlungsfehler“ vor mehr als neun Jahren, den das Landgericht Flensburg in diesem Jahr in einem Urteil festgestellt hat.

Er leidet unter einer halbseitigen Lähmung, Sprachstörungen, Inkontinenz und Depression. Im Prozess brachten seine Anwälte vor, dass der Mann einen Schlaganfall erlitt, den die Klinikärzte nicht erkannt und deshalb falsch behandelt hätten. Das Krankenhaus bestritt im Prozess die Darstellung des Klägers.

Kribbeln und Schwindel: Verdacht auf Schlaganfall

Demnach sei er im Mai 2012 gegen 11.30 Uhr mit dem Rettungswagen in die Notaufnahme gekommen. Der Verdacht auf einen Schlaganfall habe bestanden. Die Rettungswagenbesatzung habe notiert, der Patient habe ein Kribbeln in einer Gesichtshälfte benannt, Schwindel und Übelkeit. Im Krankenhaus wurde auch ein „diffuses Schwanken“ notiert – ohne jedoch sofort dem Verdacht auf einen Schlaganfall weiter nachzugehen.

Um 12.15 Uhr verließ der offenbar orientierungslose Mann das Krankenhaus. Warum – darüber stritten sich die Parteien vor Gericht. Der Mann sagte, er sei orientierungslos gewesen, die Ärzte hätten nur ein Blutbild gemacht und ihn ins Wartezimmer zurückgeschickt. Das stellte die Klinik anders dar. Der Mann habe sich geweigert, sich untersuchen zu lassen. Um 14.30 Uhr erschien der Patient wieder im Krankenhaus, offenbar gedrängt von seiner Tochter, die die Ärzte auf den desolaten Zustand ihres Vaters hinwies.

Hirninfarkt: Patient ins Uni-Klinikum nach Kiel verlegt

Die wichtige craniale Computertomografie (CCT) wurde um 15.38 Uhr gemacht. Um 16.15 Uhr kam er auf die Stroke Unit, um 16.50 Uhr wurde eine Spiral-Computertomografie im Hals-Kopf-Bereich durchgeführt. Nach 18 Uhr wurde der Patient unter Notfallbedingungen ins Uni-Klinikum nach Kiel verlegt – Hirninfarkt.

Wie das Landgericht urteilte, hätte der Patient schon kurz nach seinem ersten Eintreffen in der Klinik einer Computertomografie unterzogen werden müssen. Deshalb liege ein „Befunderhebungsfehler“ vor. Zu dieser Einschätzung kam im Prozess auch ein Gutachter der Hamburger Asklepios Klinik Nord. Die Symptome wie Sehstörung, fehlende Orientierung im Raum sowie der unsichere Gang hätten auf einen Schlaganfall hingedeutet. In der medizinischen Leitlinie für die Computertomografie bei diesem Verdacht heißt es, dass die CT 25 Minuten nach Eintreffen des Patienten beginnen soll.

Gutachter sah „elementare Fehler“ bei Behandlung

Das Krankenhaus war im Prozess der Überzeugung: Der Krankheitsverlauf hätte auch durch ein frühes CT nicht verbessert werden können. Tatsächlich war sich das Gericht und waren sich die Sachverständigen unsicher, ob die Schädigung, die der Patient erlitt, eindeutig auf den Behandlungsfehler zurückgeht. Der Arterienverschluss hätte auch schon vorliegen können, als der Mann zum ersten Mal in die Notaufnahme kam. Doch das Krankenhaus konnte das Gegenteil nicht belegen. In jedem Fall hätte eine Behandlung früher erfolgen müssen. Ein Gutachter sah „elementare Fehler“ bei den Klinikärzten.

Der Patienten-Anwalt Malte Oehlschläger sagte dem Abendblatt: Er bewundere seinen Mandanten dafür, dass er „mit unerschütterlichem Mut und Tapferkeit gekämpft“ habe. „Über neun Jahre nach dem groben Behandlungsfehler und über sieben Jahre nach der Einreichung der Klage kann die Familie meiner Mandantschaft nun zumindest wirtschaftlich in eine gesicherte Zukunft blicken.“

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