Biografien

Von der Grafikdesignerin zur ewigen Bauherrin

| Lesedauer: 7 Minuten
Matthias Schmoock
Renata Wendt hat ihr altes Leben abgestreift. Heute ist sie eine Expertin in Sachen Lehmbau und unternehmungslustig wie ein Teenager.

Renata Wendt hat ihr altes Leben abgestreift. Heute ist sie eine Expertin in Sachen Lehmbau und unternehmungslustig wie ein Teenager.

Foto: Andreas Laible

Ein neues Buch erzählt von Renata Wendt und elf anderen Menschen, die ihrem Leben eine völlig andere Richtung gaben.

Lütau. Renata Wendts Haus im Kreis Lauenburg ist nicht schwer zu finden. In dem schmucken Ort Lütau fällt es auf, weil seine Besitzerin seit Jahrzehnten daran baut. Materialien liegen im Hof, eine Seitenwand ist eingerüstet, eine große Plane bedeckt Teile des Dachs. Als „ewige Bauherrin“ ist Wendt eine Lokalgröße, allerdings keine verzweifelte. Wasserschäden und Materialfehler bereiten ihr keine schlaflosen Nächte, sondern täglich neue Motivationsschübe.

Vieles hat sie schon geschafft – und so ziemlich alles in Eigenarbeit. Ein Betonfußboden wurde aufwendig durch einen Feldstein-Fliesen-Mix ersetzt, die Wände von Putz und Tapeten befreit. Renata Wendt ist Expertin für Lehmbau und verarbeitet das Material auch in den eigenen vier Wänden so großflächig wie möglich.

Besondere Lebensgeschichte

Doch nicht nur deshalb ist Wendts Lebensgeschichte eine besondere, sondern auch, weil sie einen Bruch enthält – oder besser: eine Kehrtwende. Denn vor vielen Jahren war sie Grafikdesignerin und führte als Mutter von zwei kleinen Kindern ein halbwegs bürgerliches Leben.

Dann scheiterte nicht nur ihre Ehe, sondern Wendt hatte auch keine Lust mehr auf den Job, dessen Inhalte sie für sich selbst nicht mehr vertreten konnte. Wie sie dann ausgerechnet an den Lehmbau kam und sich zur Fachfrau hocharbeitete, ist eine abendfüllende Geschichte. Erzählt wird sie in dem neuen Buch „Switch – Das Leben ändern“ der Journalistin Angela Meyer Barg.

Sinnfragen gehören zum Leben

Zwölf Menschen stellt die Autorin darin vor, die allesamt irgendwann noch mal neu durchstarteten – die meisten in Hamburg und Umgebung. Ein ehemaliges Model engagiert sich heute als Demenzaktivistin, ein Automanager wurde zum Apostel der veganen Bewegung, eine Ozeanografin zur Künstlerin. So ziemlich alle Menschen stellen sich Sinnfragen, und manche beantworten sie entschlossen bis rigoros. „Mit einem ,Switch‘ nämlich“, schreibt Meyer-Barg, „einem Dreh hin zu neuen Ufern.“

Wie gut das tun kann, wie verjüngend und belebend, zeigt sich wiederum am Beispiel Wendt. Näher an 80 als an 70, spricht sie mit glockenheller Stimme – viel und ziemlich assoziativ. Es ist nicht ganz leicht, ihr zu folgen, aber was sie erzählt, ist interessant, oft auch schreiend komisch und immer unterhaltend.

Sie hat Charisma und wirkt wie ein aufgekratzter Teenager mit der Lebenserfahrung einer älteren Dame. Beim Thema Lehmbau ist sie eine absolute Expertin, deren Kenntnisse überall gefragt sind. Wendt nennt ein paar Namen ziemlich bekannter Kunden, die ihren Rat einholten und sich dann wie selbstverständlich daran hielten.

Wendt profitiert vom Trend zum Häuschen im Grünen

„Einer wollte eine Mauer abreißen, dem habe ich gesagt: ,Das ist eine historische Brandmauer, die lassen wir mal hübsch drin.‘“ Der Trend zum Häuschen auf dem Land macht sich auch in ihren Auftragsbüchern bemerkbar – und ihre Wege führen bis in luxussanierte Anwesen oben an der Küste.

In Zeiten biologischen Bauens hat ihr Betrieb Hochkonjunktur, Wendts Lehmbau-Kurse sind gut gefüllt, Praktikantinnen hat sie auch. Wächst ihr das in Kombination mit der Dauerbaustelle Haus nicht manchmal über den Kopf? „Überhaupt nicht“, versichert Wendt glaubhaft. „Ich sehe keine Sinn darin, fertig zu werden.“

„Zum Glück sind meine Kinder ziemlich tolerant“

Eine Ausnahme gibt es doch: Wenn Gäste kommen, gerät die ihr vertraute Welt aus viel Improvisation und einigem Chaos doch gehörig ins Wanken. „Ich denke dann immer, dass ich sonst was aufbieten muss, um eine tolle Gastgeberin zu sein“, sagt Wendt und deutet in Richtung der nicht eben picobello aufgeräumten vielen Zimmer. Und dann lachend: „Zum Glück sind meine Kinder ziemlich tolerant.“

Ortswechsel. Biobauer Harald Quint stapft im rund 30 Minuten entfernten Linau durch Pfützen und Erdplacken, um den Stand seiner Birnbaumreihen zu prüfen. Vorsichtig biegt er einen Zweig nach oben und betrachtet die Blüte. „Sieht gut aus.“ 14 Hektar umfasst sein Reich – Apfel- und Birnbäume, Schweine, Schafe, Gänse, Hühner und ein Hofladen. Mit Mitte 50 arbeitete Quint noch in Hamburg, war Anwalt und als Finanzexperte und einer der Direktoren des Bankhauses Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co mit Sitz am Ballindamm.

Respekt der anderen Bauern vor Ort musste erst erarbeitet werden

Ursprünglich war er im Jahr 2007 auf der Suche nach einem lukrativen Investment, als er den Hof mit der Anschrift Vogelfängerkaten entdeckte. Das heruntergekommene Anwesen wurde aufwendig instand gesetzt und dann einem Verwalter übergeben. Dann registrierte Harald Quint zwei Dinge: Der Verwalter verwaltete nicht so, wie der Chef es sich vorgestellt hatte, und stattdessen beschäftigte er selbst sich immer intensiver mit seinem Anwesen.

Schließlich die Entscheidung. Quint wird zum, wie Angela Meyer-Barg schreibt, „Mann, der mit Mitte 50 die Last des Bankdirektors abwirft, um sich die Verantwortung für Haus, Hof, Obst und Tiere aufzuladen“. Der Anfang hatte auch seine rumpeligen Seiten, wie Quint offen erzählt. Den Respekt der anderen Bauern vor Ort musste erst erarbeitet und die Bürokratieflut mühsam eingedämmt werden. „Wer sich in der Stadt überlastet fühlt und ,mal eben‘ Biobauer werden will, sollte die vielen Stunden nicht unterschätzen, die er oder sie dann wieder mit Papierkram verbringen muss“, sagt Harald Quint.

Früher Anwalt am Ballindamm, heute Biobauer

Zufrieden und gelassen wirkt er, aber auch sehr beschäftigt. Wie steht er heute zu seiner Entscheidung? Statt langer Interpretationen eine kurze Beobachtung beim Besuch vor Ort, die mehr sagt als viele Worte: Im gepflegten Stall schnarchen dicht aneinandergedrängt die Schweine Willem und Wilma, die eigentlich mit aufs Foto sollten. Die „klassischen“ Namen tragen sie übrigens als Kontrapunkt zu den laut Quint oft ziemlich überspannt wirkenden Modenamen­ mancher Stadtkinder von heute.

Quint krault und tätschelt Willem, dann verpasst er Wilma eine Ohrmassage. „Ihr seid ganz fein, meine Guten“, säuselt er, was zwar Behaglichkeitsschübe auslöst, aber die Tiere ansonsten weiter schlafen lässt. Aufscheuchen kommt für Quint nicht infrage – „also dann bitte ein anderes Motiv“. Sind Schweine wirklich so klug, wie immer behauptet wird? Quint trocken: „Ich kenne überhaupt keine dummen Tiere.“

„Das Leben ist zu kurz, um in Routinen zu erstarren“

Wer Renata Wendt und Harald Quint fragt, ob sie noch einmal in ihr altes Leben zurückkehren könnten, erntet verständnisloses Kopfschütteln und abwehrende Bewegungen, so, als ob gleich ein Hagelschauer auf sie niederprasseln würde. Bloß das nicht. Warum das so ist, steht als zentrale Botschaft auch in dem Buch: „Das Leben ist zu kurz, um in Routinen zu erstarren. Und lang genug, um noch mal Neues zu probieren.“

Switch – Das Leben ändern“ von Angela Meyer-Barg ist im Verlag KJM erschienen. Es hat 200 Seiten und kostet 18 Euro.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Region