Touristenansturm

Viele Gäste auf Sylt – steigt jetzt die Inzidenz?

| Lesedauer: 6 Minuten
Maximilian Bronner
In den Rantumer Dünen warten am Karfreitag rund 20 Menschen auf ihr bestelltes Essen. Viele von ihnen sind Zweitwohnungsbesitzer und Tagesurlauber.

In den Rantumer Dünen warten am Karfreitag rund 20 Menschen auf ihr bestelltes Essen. Viele von ihnen sind Zweitwohnungsbesitzer und Tagesurlauber.

Foto: Maximilian Bronner

Trotz dringlicher Appelle verbringen Menschen aus ganz Deutschland die Feiertage auf der Insel. Man fürchtet steigende Corona-Zahlen.

Sylt. „Mann, Papa, ich weiß auch nicht, wieso diese dumme Tüte tropft“, quengelt die Jugendliche, während sie neben ihrem Vater zum Verkaufstresen der Sansibar stapft. Hinter sich lassen die beiden eine grüne Spur aus Kräutersoße. Die Jugendliche – schwarze Hose, DesignerJacke, Sonnenbrille – wirkt überfordert. In der Hand hat sie eine große Tüte des kultigen Strandrestaurants, im Gesicht eine Mischung aus Ekel und schlechter Laune. Währenddessen tropft ihr Mittagessen auf die Holzplanken des Strandaufgangs. Ein Drama.

Wie viele Sylter Restaurants bietet auch die Sansibar Essen zum Mitnehmen an, in ganz Schleswig-Holstein sind anderweitige gastronomische Angebote wegen der angespannten Corona-Lage untersagt. Auch touristische Reisen sind nicht erlaubt, Hotels dürfen nur Geschäftsreisende beherbergen.

Polizei ist auf Sylt verstärkt auf Streife

Die Polizei ist an diesem Wochenende verstärkt auf Streife. Allerdings können – im Gegensatz zu Mecklenburg-Vorpommern – Tagesgäste und Eigentümer von Ferienhäusern oder -wohnungen auf die Insel kommen. Eigentümer, die ihre Zweitwohnsitze nicht selbst nutzen, dürfe sie Verwandten oder Freunden unentgeltlich überlassen. Obwohl die Hamburger Gesundheitsbehörde appellierte, „auf private Reisen und Besuche zu verzichten“, nutzten viele diese Chance.

Während die Jugendliche mit der tropfenden Tüte noch auf Hilfe wartet, stapft ihr genervter Vater zurück in Richtung Strand. Anders als an vielen anderen Strandabschnitten stehen hier viele Strandkörbe, in denen die Menschen ihr teures Tüten-Essen genießen dürfen.

Carsten Kerkamm bereiten die vielen Menschen Sorgen

Auf der Sansibar-Karte stehen nicht nur Linsensuppe und Gulascheintopf, sondern auch ausgefallenere Gerichte. Wer möchte, kann sich in Knoblauchbutter gebratene Salzwasser-Gambas mit Baguette schmecken lassen. To go, im Strandkorb. Auf Vorbestellung gibt es für 55 Euro auch Babybutt mit Ofenkartoffel. Den mehr als 70, überwiegend hochmotorisierten Luxusautos auf dem Parkplatz nach zu urteilen, dürfte das für viele erschwinglich sein.

Lesen Sie auch:

Carsten Kerkamm, stellvertretender Bürgermeister auf Sylt, bereiten die vielen Menschen Sorgen. „Wir haben momentan ein erhebliches Risiko, durch das, was hier gerade geschieht. Ich kann jeden verstehen, der momentan aus seinen eigenen vier Wänden herausmöchte. Trotzdem hat die Gesundheit einen höheren Stellenwert“, sagt Kerkamm.

Steigt die Inzidenz auf Sylt?

Der Vizebürgermeister befürchtet, dass die Inzidenz auf Sylt (derzeit 24,1) durch die Ostergäste ansteigen könnte. „Im schlimmsten Fall hätten wir einerseits viele Krankheitsfälle auch unter den Insulanern, andererseits könnte aber auch die Tourismus-Saison erheblichen Schaden erleiden“, sagt Kerkamm. Als Insel könne man die Tagestouristen und Zweitwohnungsbesitzer nicht abweisen. Die Entscheidungen treffe die Landesregierung, erklärt er.

Bei der Autoverladung in Niebüll passen am Gründonnerstag-Nachmittag kaum noch Fahrzeuge in die drei Wartespuren, ein voll besetzter Autozug wartet bereits auf die Abfahrt. Neben vereinzelten weißen Sprintern warten überwiegend hochpreisige SUV, Sportwagen und Kleinbusse in der Schlange.

Hotelbetreiberin kann die Reiselust nachvollziehen

Ein Hamburger erzählt, dass er die Ostertage mit seiner Familie wie immer in der Wohnung seiner Schwiegereltern verbringen wolle. Seinen Namen möchte er wie die meisten Leute nicht nennen. Nordfriesische Kennzeichen sind die absolute Ausnahme, der Großteil der Autos stammt nicht aus Schleswig-Holstein. Viele von ihnen sind bis unters Dach mit Gepäck beladen. Die Lautsprecherstimme wünscht einen „angenehmen Aufenthalt auf Sylt“.

Dort betreibt Claudia Kochanek mit ihrem Mann in Westerland ein kleines Hotel, zudem vermieten beide zahlreiche Ferienwohnungen. Kochanek kann die Reiselust nachvollziehen. „Ich kann es nicht verurteilen, weil ich das Bedürfnis der Leute verstehen kann. Tourismus lebt auch von Toleranz“, sagt die 52-Jährige.

Auslastung massiv gesunken

„Ich persönlich würde mit meinem Mann jetzt nicht verreisen, weil ich weiß, wie es ausgehen kann. Mein Onkel ist an Corona verstorben, mein Cousin war im Krankenhaus. Zur Beerdigung durften nur drei Personen kommen“, erzählt Kochanek. Im Alter von zehn Jahren floh die aus der Nähe von Leipzig stammende Wahlsylterin mit ihrem Vater aus der DDR, mit 18 zog sie auf die Insel. „Wenn man in einem Land geboren ist, in dem Reisen verboten waren, sieht man das extrem tolerant. Wenn jemand reisen will, steht es mir nicht zu, über ihn zu urteilen“, sagt Kochanek.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Wirtschaftlich geht es ihrem kleinen Familienhotel schlecht. Vor Corona habe sie im Jahr eine Auslastung von 94 Prozent gehabt. Und heute? Kochanek muss lachen. „Unter 50 Prozent, gerade sind wir bei 40“, sagt sie. Kochanek ist eine von 20.000 Insulanern. Hinzukommen mehr als 60.000 Gästebetten, die meisten sind zurzeit leer.

Forderung nach negativen Corona-Tests bei der Anreise

Damit überhaupt noch Gäste kommen, fragt Kochanek per E-Mail bei Handwerksfirmen an. Direkt-Akquise in Corona-Zeiten. „Ich wollte schon als Vierjährige ein Hotel haben. Das hier ist ein Kindheitstraum von mir“, sagt sie. „Es ist wie eine Welle. Es gibt Tage, an denen man völlig fertig ist. Und dann gibt es wieder Tage, an denen man gut drauf ist. Man muss immer nach Lösungen suchen. Wenn es finanziell grenzwertig wird, hilft die Familie.“

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Vizebürgermeister Carsten Kerkamm fordert, dass die Landesregierung negative Corona-Tests bei der Anreise vorschreibt. „Das halte ich für sinnvoll und notwendig, um hier im Sommer einen Tourismus im Sinne aller zu gewährleisten“, sagt Kerkamm.

Dass die Gäste zurzeit nicht erwünscht sind, entspricht eigentlich nicht dem Naturell seiner Heimatinsel. „Es ist kein schönes Gefühl, aber der Notwendigkeit geschuldet. Die Gesundheit ist das höchste Gut“, sagt Kerkamm. Für die Jugendliche mit der tropfenden Tüte dürfte am Karfreitag für einen kurzen Moment ihr Mittagessen das höchste Gut gewesen sein. Am Ende gab es Entwarnung – ein Sansibar-Mitarbeiter konnte ihr helfen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Region