Hittfeld

Seevetaler erinnern an die Toten der Pandemie

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Lena Thiele
Fritz Tietz (62) aus Helmstorf hat die bundesweite Aktion #coronatotesichtbarmachen regional umgesetzt. Am Fuße des Kirchbergs in Hittfeld kann jeder eine Kerze anzünden, um der Menschen zu gedenken, die an Corona/Covid-19 gestorben sind.

Fritz Tietz (62) aus Helmstorf hat die bundesweite Aktion #coronatotesichtbarmachen regional umgesetzt. Am Fuße des Kirchbergs in Hittfeld kann jeder eine Kerze anzünden, um der Menschen zu gedenken, die an Corona/Covid-19 gestorben sind.

Foto: Lena Thiele

Fritz Tietz setzt bundesweite Aktion in Hittfeld um. Kerzen leuchten für die Menschen, die an Covid-19 gestorben sind.

Hittfeld.  Grabkerzen, Teelichte in Gläsern, eine Lichterkette in einer Flasche – die am Fuße des Hittfelder Kirchbergs aufgestellten Lichter zur Erinnerung an die Coronatoten sind vielfältig. So unterschiedlich, wie auch die Menschen waren, deren Schicksal hinter jeder einzelnen Zahl aus der täglich verkündeten Sterbestatistik steht. Daran will Fritz Tietz erinnern, der in Hittfeld zum kollektiven Gedenken aufruft.

„Wir geben den Toten ein Gesicht“, sagt der 62-Jährige. Im Schutz des Findlings an der Kreuzung Kirchstraße und Hittfelder Schulstraße trotzen die Lichter seit Anfang des Jahres dem Winterwetter. Der Initiator sorgt dafür, dass immer mindestens eine Kerze leuchtet.

#CoronaToteSichtbarMachen ist eine bundesweite Aktion

Der Gedenkort ist Teil der bundesweiten Aktion #CoronaToteSichtbarMachen, die Fritz Tietz’ langjähriger Bekannter Christian Y. Schmidt in Berlin initiiert hat. Dieser hatte Anfang Dezember begonnen, an zentralen öffentlichen Orten mit Kerzen an die Toten der Pandemie zu erinnern. Fritz Tietz und seine Frau Marlene Voß, die in Helmstorf leben, wollen die Aktion unterstützen.

Zu Beginn der Pandemie sei man in Deutschland recht zufrieden mit dem Verlauf gewesen, sagt der Autor und Darsteller. Doch dann stieg die Zahl der Toten mit der zweiten Welle im Herbst auf mehr als 1000 am Tag. „Mit wachsendem Entsetzen haben wir gesehen, wie gleichgültig mit den Todeszahlen umgegangen wurde. Das klang wie Wasserstandsmeldungen oder Börsenwerte.“

Initiator will Gegenbild zu Corona-Leugnern schaffen

Mit dem Ort des Gedenkens wollen sie auch ein Gegenbild zu den Corona-Leugnern schaffen. Diese seien mit ihren lauten Protesten sehr präsent, sagt Fritz Tietz. Die andere Seite, auf der die Befürworter der Schutzmaßnahmen stehen, werde weniger wahrgenommen. „Unsere Aktion soll auch ein Statement sein. Wir sind die, die das ernst nehmen.“

Um sein Anliegen möglichst bekannt zu machen, informierte Fritz Tietz in zwei Facebookgruppen darüber. „Dafür gab es einige Likes, aber auch viel Unmut und starken Widerstand. Es haben sich sofort Leute gemeldet, die in Zweifel ziehen, dass so viele Menschen durch das Virus sterben.“ Vor allem aber hätten sich einige daran gestört, dass nur der Coronatoten gedacht werde. Natürlich würden auch viele Menschen durch andere Krankheiten oder bei Verkehrsunfällen sterben, sagt Fritz Tietz. „Aber der große Unterschied ist, dass der Tod durch Corona vermeidbar gewesen wäre. Man hätte nur rechtzeitig die entscheidenden Maßnahmen treffen müssen.“

Superintendent unterstützt die Gedenk-Idee

Mit der nahe gelegenen Mauritiuskirche haben die Kerzen an dem Gedenkstein zwar nichts zu tun. Dirk Jäger, Superintendent des Kirchenkreises Hittfeld, hält die Idee aber für unterstützenswert. Es sei „zynisch und menschenverachtend“, wenn die Tödlichkeit des Virus verharmlost werde, sagt er. „Dem müssen wir etwas entgegenhalten.“

Einige Corona-Leugner haben sich auch mehrfach in Hittfeld versammelt – ganz in der Nähe des jetzigen Gedenkorts. Ebenfalls mit Kerzen, aber ohne Masken oder Abstand, standen sie an der Kirchentür, sagt Dirk Jäger, der die Gruppe auf 15 bis 20 Menschen schätzt. Er informierte die Polizei, die Bußgelder verhängte. Die Gruppe musste das Kirchengelände verlassen. „Hier im Umfeld wollen wir nicht damit in Verbindung gebracht werden“, sagt Dirk Jäger.

Polizei löst Protest von Corona-Skeptikern an der Kirche auf

Allerdings wiederholte sich die Szene, insgesamt an vier Montagen im Dezember und Januar. Dass die Gruppe ihren Protest bewusst an die Montagsdemonstrationen in der damaligen DDR angelehnt habe, sei nicht zu akzeptieren, sagt der Superintendent. „Es kann nicht sein, dass diese Leute sich so historisch unwissend aufschwingen. Damals lehnten sich die Menschen gegen eine Diktatur auf, jetzt geht es um die Bekämpfung einer Krankheit.“

Er habe auch versucht, mit Teilnehmern ins Gespräch zu kommen, eine sachliche Diskussion sei jedoch kaum möglich gewesen. Als er beschimpft wurde, stellte Dirk Jäger Strafanzeige, die er später, gegen eine Spende an die Kirchengemeinde, zurücknahm. „Ich denke, sie haben die Lektion verstanden. Wir sind friedlich auseinandergegangen.“

Auseinandersetzung ist wichtiger Teil der Gedenk-Aktion

Auch der Kirchenvorstand in Hittfeld betont, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit sei ein hohes und schützenswertes Gut der demokratischen Zivilgesellschaft. Die Treffen einer Gruppe, die sich kritisch gegenüber den Corona-Maßnahmen zeigt, könne man man aber nicht gutheißen. Sie verstießen gegen das Versammlungsverbot, Kirchenvertreter und Polizisten wurden beleidigt. „Wir beachten alle Folgen der verhängten Pandemiemaßnahmen und helfen nach Kräften. Unwissenschaftlichen und unsachlichen, ideologisch-extremistischen und fundamental-oppositionellen Positionen geben wir aber weder Raum noch Legitimation.“

„Die Auseinandersetzung mit Corona-Leugnern ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit“, sagt Fritz Tietz. An mehr als 40 Orten in Deutschland werden mittlerweile Kerzen aufgestellt, sogar die New York Times hat über die Aktion berichtet. Hinzu kommen die Lichter, die nach einem Aufruf des Bundespräsidenten in den Fenstern von Privathäusern aufgestellt wurden.

Sonntags werden die Kerzen in Hittfeld entzündet

In Hittfeld sind die Menschen jeden Sonntag aufgerufen, zwischen 16 und 20 Uhr Lichter auf der öffentlichen Fläche an der Kirchstraße zu entzünden. Ein Zusammentreffen von vielen Menschen soll aus Gründen des Infektionsschutzes vermieden werden. Die Aktion folgt vielmehr dem Gedanken, die Kerzen mögen zusammenstehen, nicht die Menschen. Fritz Tietz hofft, dass sich noch mehr Seevetaler beteiligen. „Wir müssen uns bewusst machen, dass die Lage ernst ist. Die Corona-Pandemie ist noch lange nicht überstanden.“

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