ICE Hamburg–München

Corona-Rat der Deutschen Bahn: "Fahren Sie nicht am Freitag"

Abstandsgebot, 50-Prozent-Belegung? Fehlanzeige.

Abstandsgebot, 50-Prozent-Belegung? Fehlanzeige.

Foto: Jörg Riefenstahl

Protokoll einer Fahrt im überfüllten ICE: Klimaanlage ausgefallen, Abstand unmöglich. Reservierungspflicht? Lehnt die Bahn ab.

Hamburg.  Wer in diesen Tagen mit der Deutschen Bahn verreisen will, sollte sich auf einiges gefasst machen. Vom Abstandsgebot und der von der Bahn proklamierten 50-Prozent-Auslastung in ICE- und IC-Zügen zum Schutz vor Corona ist seit dem Ende des Lockdowns nicht viel übrig geblieben. An Wochenenden wird es auf Fernstrecken eng.

,,In Stoßzeiten an den Wochenenden sind die ICE- und IC-Züge sehr stark ausgelastet“, bestätigte eine Bahnsprecherin, die namentlich nicht genannt werden möchte, auf Anfrage des Abendblattes. Eine Garantie, dass das Abstandsgebot von 1,5 Metern eingehalten wird, könne es nicht geben. Die Sprecherin verweist auf das Hygienekonzept der Bahn. Und darauf, dass Personal und Fahrgäste im Zug verpflichtet sind, eine Maske zu tragen. Wie eine Fahrt im ICE von Hamburg nach Würzburg aussehen kann, haben wir am vorigen Freitag im ICE 1589 Hamburg-München erlebt:

Chronik einer Reise in einem überfüllten ICE

13.01 Uhr, Hamburg Hauptbahnhof: Wir haben zwei Fensterplätze im Großraumwagen 27 reserviert. Eine Vierergruppe junger Leute ohne Reservierung steht auf und macht uns Platz.

15.01 Uhr, Göttingen: Ein Fahrgast mit einer Reservierung beansprucht den Sitzplatz direkt neben meiner Frau. 1,5 Meter Abstand? Fehlanzeige. Auf uns wirkt das befremdlich. Eine Zugbegleiterin kontrolliert die Tickets. Sie verrät uns, dass sie zur Risikogruppe gehört. ,,Ich kann Sie verstehen, auch ich leide unter der Nichteinhaltung des Abstandsgebotes im Zug“, sagt sie. Eine Projektleiterin aus Hamburg am Nachbartisch, die regelmäßig mit der Bahn von Hamburg nach München fährt, um ihre Eltern zu besuchen, sagt uns, dass sie es schon öfter erlebt habe, dass die ICE-Züge auf der Strecke am Wochenende überfüllt sind. ,Jeder, der einen gültigen Fahrschein hat, kann einsteigen. Das wird gleich noch mehr“, sagt sie.

15.35 Uhr, Kassel-Wilhelmshöhe: Die Projektleiterin hat recht behalten. Inzwischen sind viele Fahrgäste mit und ohne Reservierung zugestiegen. In der 2. Klasse sind alle Plätze belegt. Reisende sitzen in den Gängen auf dem Boden. Trotzdem steigen weitere Reisende zu.

15.50 Uhr: Das Zugrestaurant ist gut gefüllt, ein Kellner serviert Speisen und Getränke wie eh und je. Es ist scheinbar alles so wie immer – bis auf die Masken.

15.55 Uhr: In Fulda steht ein älteres Ehepaar an der offenen Wagentür und schnappt Luft. In den Waggons ist es stickig, die Temperaturen im Zug sind unangenehm hoch. Die Klimaanlage ist ausgefallen. Es herrscht dicke Luft. Ein Zugbegleiter sagt Reisenden, die wissen wollen, was los ist, dass die Klimaanlage im gesamten Zug ausgefallen ist. ,,Sie arbeiten schon länger daran. Sie kriegen es nicht in den Griff“, sagt der Zugbegleiter.

16.35 Uhr, Ankunft in Würzburg: Das Thermometer am Bahnsteig zeigt 27 Grad. Nach dreieinhalb Stunden im überfüllten ICE wirkt die Luft befreiend.

16.37 Uhr: Eine Mitarbeiterin am DB Infoschalter sagt uns, der Ausfall der Klimaanlage im ICE 1589 sei ihr nicht gemeldet worden. Nachdem der Zugchef auf eine Durchsage an alle Fahrgäste verzichtet hatte, wundert uns das nicht. ,,Was raten Sie Menschen, die zur Risikogruppe gehören und auf die Bahn angewiesen sind, um beispielsweise Weihnachten mit der Familie zu verbringen?“, frage ich die Dame hinter der Plexiglasscheibe. ,,Sie sollten nicht freitags, sondern unter der Woche anreisen. Da sind die Züge leerer. Abstand halten ist da eher möglich“, lautet ihre Antwort.

16.50 Uhr: Eine Mitarbeiterin von DB Vertrieb sagt uns, sie sei für eine generelle Reservierungspflicht. Damit lasse sich das Problem der überfüllten Züge auf Fernstrecken aus der Welt schaffen.

Deutsche Bahn lehnt Reservierungspflicht ab

Eine Reservierungspflicht will aber weder der Verkehrsminister noch die Deutsche Bahn. ,,Die Buchungszahlen für die Fernzüge sind in den letzten Wochen wieder gestiegen. Aktuell sind unsere ICE- und IC-Züge durchschnittlich rund 30 Prozent ausgelastet“, sagt die Bahnsprecherin. Damit ist klar, dass die Auslastung der Züge am Wochenende um ein Vielfaches höher liegt.

Warum werden auf hochfrequentierten Strecken nicht genügend Züge eingesetzt? ,,Wir nehmen seit dem Ende des Lockdowns die Anpassung unseres Angebots an die Nachfrage stets so vor, dass unseren Kunden eine hohe Kapazität an Sitzplätzen zur Verfügung steht“, teilt die Sprecherin mit. Es würden zusätzliche Züge eingesetzt.

Lesen Sie auch:

Deutsche Bahn empfiehlt: "Fahren Sie nicht am Freitag"

In der DB Navigator-App können Kunden sehen, sobald ein Fernzug über Vorabbuchungen zu mehr als 50 Prozent ausgelastet ist. Dennoch hätten Fahrgäste weiterhin die Möglichkeit, ,,spontan in jeden Zug einzusteigen“, betont die Sprecherin. Und was empfiehlt sie Reisenden, die sich, wie seit der Pandemie allgemein üblich, mit Abstand am sichersten fühlen? ,,Reisen Sie nicht am Freitag, sondern außerhalb der Hauptzeiten. Kaufen Sie sich ein Flexiticket. Wenn Ihnen der Zug zu voll ist, warten Sie und nehmen Sie den nächsten Zug.“

Für uns bleibt ein mulmiges Gefühl. Hätten wir gewusst, was auf uns zukommt, wären wir mit dem Auto gefahren.