Zweiter Weltkrieg

Aufstand gegen einen Admiral wegen Todesurteilen

Die durch Luftangriffe schwer zerstörte Insel Helgoland nach Kriegsende. Fünf Männer hatten versucht, die Insel vor der Zerstörung zu bewahren, und wurden dafür hingerichtet.

Die durch Luftangriffe schwer zerstörte Insel Helgoland nach Kriegsende. Fünf Männer hatten versucht, die Insel vor der Zerstörung zu bewahren, und wurden dafür hingerichtet.

Foto: picture-alliance

Weil er kurz vor Kriegsende fünf Menschen erschießen ließ, wehrt sich eine Initiative gegen die Ehrung von Rolf Johannesson.

Helgoland. Die Ereignisse dieser Geschichte erstrecken sich über eine Zeitspanne von mehr als 75 Jahren – und haben bis heute nichts von ihrer Dramatik eingebüßt. Darum geht es: Am 21. April 1945, um 18.30 Uhr, nur wenige Tage vor Kriegs­ende, werden auf Helgoland fünf Todesurteile vollstreckt. Durch ein Erschießungskommando sterben Erich Friedrichs, Martin Wachtel, Kurt Pester, Karl Fnouka und Georg Braun. Das Quintett, vier Soldaten und ein Zivilist, hat eine waghalsige Aktion vorbereitet, um die hochgerüstete Nordseeinsel vor der erwarteten Zerstörung durch britische Luftangriffe zu bewahren.

Doch die Gruppe war verraten und umgehend verhaftet worden. Kurz nach der totalen Zerstörung Helgolands am 18. und 19. April werden die fünf, die im Bunker überlebt haben, angeklagt. „Tod durch Erschießen wegen Verschwörung und Aufforderung zur Meuterei“, lautet das Urteil im Schnellverfahren. Ein Verteidiger wird ihnen verweigert, auch die inständige Bitte eines Pastors um Aufschub bleibt ungehört. Die Todesurteile unterzeichnet ein Mann, dessen Andenken die Bundesmarine bis heute in Ehren hält. Nach dem Konteradmiral Rolf Johannesson (1900 bis 1989), 1945 Seekommandant Elbe-Weser, ist ein Bestenpreis benannt, und seine Büste steht in der Aula der Marineschule Mürwik.

Namhafte Gruppe will die unkritische Verherrlichung des Admirals beenden

Mittlerweile macht sich eine namhafte Gruppe dafür stark, die unkritische Verherrlichung des Admirals zu beenden. „Schluss mit der Tradition um Admiral Johannesson“ steht über einem Aufruf, der von mehr als 200 Menschen unterschrieben wurde. Höchst ungewöhnlich: Neben namhaften Historikern und Angehörigen der Hingerichteten finden sich darunter zahlreiche hochrangige ehemalige Marineoffiziere. In dem Aufruf stellen sie fest, dass Johannesson als Vorbild für die Marine untauglich sei. Als einer der Sprecher der Gruppe fungiert der ehemalige Kapitän zu See und frühere Sprecher des Verteidigungsministeriums, Heiko Leopold. Gegenüber dem Abendblatt erläutert der in Rotherbaum lebende vitale Pensionär, warum er sich der Initiative angeschlossen hat. Leopold ist kein aggressiver Bilderstürmer, sondern ein toleranter, sympathischer Typ, der während seiner aktiven Zeit beim Bund als (für damalige Begriffe) eher linker Sozialdemokrat immer mal gerne aneckte. „Johannesson war kein Kriegsverbrecher“, stellt Leopold klar, „aber er hat einen Teil seiner Vergangenheit verschwiegen und anderes beschönigt.“

Der Fall Johannesson ist nicht so einfach gelagert, wie es zunächst scheint. Viel früher und gründlicher als andere hatte der gut aussehende Admiral der Marine Schuld während der NS-Zeit eingestanden und über Jahrzehnte immer wieder thematisiert – auch gegen erhebliche Widerstände. Das war lange keineswegs selbstverständlich, und Johannesson hatte bei nicht wenigen alten Kameraden zunächst als Nestbeschmutzer gegolten. Mit der Zeit wandelte sich dann sein Bild: Er wurde zu einer Art moralischem Aushängeschild der Marine und ist es für viele noch heute. Seine Verteidiger sehen in ihm einen integren Soldaten, ein Vorbild für andere. Die Todesurteile hätten der damaligen Rechtsprechung entsprochen, sagen sie, und wären in anderen Ländern kaum anders ausgefallen. In seiner Autobiografie „Offizier in kritischer Zeit“ schrieb Johannesson kurz vor seinem Tod scheinbar schonungslos über die eigene Verstrickung ins Hitler-Regime und setzte sich für eine maximale Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ein. Die Todesurteile von Helgoland sparte er darin freilich komplett aus, andere Schilderungen seines Lebenswegs wirken zudem unglaubwürdig.

Stolpersteine und ein Gedenkstein zur Erinnerung

Heiko Leopold zieht den Vortrag „Admiral Johannesson – ein Täter als Bestpreis-Vorbild?“ des Fregattenkapitäns a. D. und Buchautors Dieter Hartwig hervor, der auch als Aufsatz vorliegt. Darin listet Hartwig, der zu den Unterzeichnern des Anti-Johannesson-Aufrufs gehört, weitere Ungereimtheiten in der Autobiografie des Admirals auf, die diesen in einem weniger hellen Licht erscheinen lassen als bisher. Beispielsweise hatte sich der Admiral quasi als Gegenspieler des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine und späteren Hitler-Nachfolgers Karl Dönitz präsentiert. Trotz dieser angeblichen Distanz wurde er aber noch im Januar 1945 von Dönitz zum Konteradmiral befördert. Und: 1957 machte Johannesson als Admiral der Bundesmarine einen Antrittsbesuch bei dem 1945 als Kriegsverbrecher verurteilten Dönitz. Auch die fünf Todesurteile von 1945 lagen haargenau auf Dönitz’ Linie. Obwohl Johannesson damals nachweislich mit einem baldigen Kriegsende rechnete, folgte er umgehend der Anweisung des von ihm angeblich innerlich abgelehnten Endsieg-Fanatikers. Sie lautete: „Verteidigung nicht nötig, Vollstreckung innerhalb von 24 Stunden!“

„Angesichts der eigenen Erwartungen vom baldigen Kriegsende waren die Urteile unmenschlich, das Totschweigen nach dem Krieg unredlich“, heißt es in dem Aufsatz über Johannesson. Beides zusammen mache ihn als Vorbild untauglich. Ungewöhnlich deutlich fällt ein Fazit im Text aus: „Admiral Rolf Johannesson ist nach heutigem Kenntnisstand ein dönitz- und hitlerhöriger Täter durch Bestätigung menschenverachtender Todesurteile.“ Unerträglich finden es Hartwig, Leopold und viele andere zudem, das Johannessons Büste in Mürwik auch noch direkt neben der des Widerstandskämpfers Alfred Kranzfelder (1908 bis 1944) steht. Die Initiative fordert jetzt: Der Admiral Johannesson-Preis solle umbenannt, die Büste andernorts aufgestellt werden.

An die fünf Männer von Helgoland, nicht wenige sehen sie als Helden, erinnern heute Stolpersteine und ein Gedenkstein. Doch vielen ist das zu wenig, und sie beklagen ein Missverhältnis: Während die Namen der fünf in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind, wird der desjenigen hoch gehalten, der ihren Tod mit zu verantworten hat. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) kündigte schon vor längerer Zeit eine Untersuchung der Affäre an, doch geschehen ist – zum Verdruss von Leopold und seinen Mitstreitern – noch nicht viel. Klar ist schon jetzt:

Die Geschichte dieser Tragödie ist noch lange nicht zu Ende erzählt.