Skandal

Pharmafirmen testeten Medikamente an Kindern

| Lesedauer: 13 Minuten
Insa Gall
Das Tor der Rotenburger Anstalten trennte „draußen“ und „drinnen“. Hinter dem Tor gab es vor allem Medikamente, aber kaum Therapie.

Das Tor der Rotenburger Anstalten trennte „draußen“ und „drinnen“. Hinter dem Tor gab es vor allem Medikamente, aber kaum Therapie.

Foto: Carmen Jaspersen / dpa

Unternehmen erprobten in vielen norddeutschen Heimen noch nicht zugelassene Arzneien. Dissertation deckt Missbrauch auf.

Hamburg. Heime waren für viele Kinder in den 1950er- und 1960er-Jahren kein guter Ort. Auch in den Einrichtungen der Behindertenhilfe hatten sie viel zu erleiden: Untergebracht in riesigen Schlafsälen ohne auch nur einen persönlichen Gegenstand, bei auffälligem Verhalten angebunden, bestraft durch Hunger und verwahrt durch oft unausgebildete, manchmal sadistische Pfleger.

Es muss für viele Betroffene das Grauen gewesen sein. Die Doktorarbeit, die die Wissenschaftlerin Sylvia Wagner an der Universität Düsseldorf vorgelegt hat, wirft ein Schlaglicht auf einen weiteren Skandal: Viele Bewohner der Heime wurden nach dem Krieg Opfer von Medikamentenmissbrauch und pharmazeutischen Versuchsreihen.

Etwa 1000 Kinder wurden Opfer von Medikamententests

Bundesweit sollen Pharmafirmen in rund 50 Einrichtungen und Kliniken, oft Kinder- und Jugendpsychiatrien, bis weit in die 1970er-Jahre hinein flächendeckend Medikamente wie Psychopharmaka an Heimkindern getestet haben – oftmals ohne die Einwilligung der Betroffenen oder Sorgeberechtigten. Wagner schätzt, dass insgesamt rund 1000 Kinder Opfer solcher Experimente geworden sind, auch in Norddeutschland. Und die Aufklärung hat gerade erst begonnen.

Sylvia Wagner beschäftigt sich seit Längerem mit dem Thema, das sie nicht mehr loslässt. Den Anstoß gaben ehemalige Betroffene aus ihrem privaten Umfeld, wie sie erzählt. Die waren viele Jahre in den Rotenburger Anstalten für geistig behinderte Menschen nahe Bremen untergebracht – teilweise, ohne tatsächlich behindert zu sein.

Wagner begann, das Geschehen in der Einrichtung systematisch zu untersuchen. Unterschiedliche Quellen belegen, dass in der Einrichtung in Rotenburg/Wümme Arzneimittel getestet wurden. Dabei handelte es sich um Präparate gegen Bettnässen, zur Verbesserung des Hirnstoffwechsels, zur Sedierung, zur Gewichtsreduzierung sowie zur Dämpfung des Sexualtriebes – in unterschiedlichen Kombinationen und teils viel zu hoher Dosierung.

Exemplarisch für die Situation in vielen Heimen

Was Wagner am meisten überraschte: „Ich habe direkt in den Bewohnerakten Nachweise gefunden, dass Arzneimittel an ihnen getestet wurden“, sagt sie. „Das zeigt, dass es keinerlei Unrechtsbewusstsein gab.“ Auch in Firmenarchiven wurde sie fündig: So geht aus einem internen Schreiben der Firma Merck aus dem Jahr 1963 hervor, dass zwei Mediziner etwa zwei Jahre zuvor und damit etwa eineinhalb Jahre vor der Registrierung des Präparates damit begonnen hatten, ein Mittel gegen Hirnleistungsstörungen an Kindern zu prüfen. Die Einwilligung fehlte meist. „Dabei ist jeder ärztliche Eingriff ohne Einwilligung eine Körperverletzung, und dies gilt ausdrücklich auch für Medikamente“, so Wagner.

Was in der Nähe von Bremen geschah, ist exemplarisch für die Situation in vielen Heimen. Zwei Umstände haben die Aufklärung dort begünstigt: Viele Akten sind erhalten, das ist nicht überall der Fall. Und die Rotenburger Werke, wie sie mittlerweile heißen, unterstützten Wagners Recherche. „Sie waren sehr kooperativ und gehen offen und offensiv mit dem Thema um“, lobt die Wissenschaftlerin. Die Vorstandsvorsitzende der Rotenburger Werke, Jutta Wendland-Park, hatte sich bereits bei allen entschuldigt, „die Leid und Unrecht erfahren haben“.

Doch: „Das, was in den Rotenburger Anstalten passiert ist, ist alles andere als ein Einzelfall. Es zeichnet sich ab, dass dies in den Einrichtungen der Behindertenhilfe und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gängige Praxis war“, sagt Wagner. Erst Anfang der 1970er-Jahre begann man, dieses Vorgehen infrage zu stellen. Es kamen mehr Psychologen und Sozialpädagogen in die Einrichtungen. Dies führte zu einer eher pädagogischen und psychologischen Ausrichtung der Betreuung der Bewohner und zu einem Abrücken vom medizinisch geprägten Menschenbild. Für viele Betroffene jedoch kam dieser Wandel zu spät.

Schlimme Leidensgeschichten – so wie die von Manfred

Die Fallbeispiele, die die 55-jährige Pharmazeutin in ihrer Doktorarbeit beschreibt, schildern akribisch Leidensgeschichten, die trotz der nüchternen Sprache ihrer wissenschaftlichen Abhandlung schwer erträglich sind. So wie das Schicksal des kleinen Manfred.

Manfred ist ein besonders fröhliches Kind, aber seine Startvoraussetzungen im Leben sind nicht die besten. Sofort nach seiner Geburt 1958 kommt er in ein Heim, die Eltern kümmern sich fast nie um ihn. Man hat ihnen das Sorgerecht „wegen äußerst ungünstiger Familienverhältnisse“ entzogen, seine Mutter ist eine Trinkerin, die man entmündigt hat.

Im Heim ist er gleichwohl ein fröhliches Kind und auffallend anhänglich – wohl auch liebebedürftig; die Schwestern geben ihm den Spitznamen „Schäker“. Sie interpretieren diese Anhänglichkeit nicht als Ausdruck eines Mangels an Nähe. Eines Mangels, der durch die Massenpflege in den Säuglingsheimen der damaligen Zeit ohne richtige Bezugsperson verursacht wird. Wissenschaftler glauben, dass so etwas auch die intellektuelle Entwicklung hemmen kann.

Manfred jedenfalls beginnt mit fünf Jahren unruhig zu werden, zunehmend aggressiv. Er kann sein Verhalten manchmal nicht steuern, läuft weg, klaut in den Lebensmittelgeschäften der Umgebung, hat kein Gefühl für Gefahren mehr. Als er sieben Jahre alt ist, bekommt er erstmals Antiepileptika, wird für acht Wochen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie Göttingen eingewiesen und dort mit neuroleptischen Medikamenten und Valium behandelt.

Mal wird er fixiert, um – wie es heißt – ihn und seine Umgebung zu schützen, mal bekommt er so starke Beruhigungsmittel, dass er schläfrig wird. In sein Heim zurück kann er nicht, so kommt er Anfang 1967 in die Rotenburger Anstalten. Laut seiner Akte sprechen ein EEG- und eine Röntgenuntersuchung dafür, dass seine Hirnfunktion beeinträchtigt ist.

Sie experimentieren bei Manfred mit unterschiedlichen Medikamenten

In den Rotenburger Anstalten setzt man weiter auf Medikamente. Von einem Neuroleptikum bekommt er täglich mehr als das Achtfache der empfohlenen Menge, dazu ein Antihistamin mit beruhigendem Effekt. Manchmal schläft er schon vor dem Abendessen ein. Doch es bleibt eine starke psychomotorische Unruhe.

Oft schaukelt Manfred mit dem Oberkörper. Dies ist als typische Erscheinung von Hospitalismus bekannt bei Kindern, die schon als Säuglinge im Heim untergebracht sind. Doch statt einer Psychotherapie bekommt Manfred immer mehr Medikamente. Wie viele Heime dieser Zeit setzen die Rotenburger Anstalten voll auf einen medizinisch-psychiatrischen Ansatz; psychologische oder heilpädagogische Therapien spielen kaum eine Rolle. Hier haben die Ärzte das Sagen.

Sie experimentieren bei Manfred mit unterschiedlichen Medikamenten, gegen Nebenwirkungen erhält er weitere Wirkstoffe. Der mittlerweile Zehnjährige bleibt extrem unruhig. „Manfred ist durch seine ausgesprochen motorische Unruhe mit bizarren Bewegungsabläufen und Grimassieren auffällig“, wird notiert. Diese Zwangsbewegungen stören ihn selbst. Er schaukelt beim Singen und Einschlafen – laut Wagner bekannte Nebenwirkungen von Neuroleptika.

Sie glaubt: Eine motorische Unruhe aufgrund einer Deprivationserfahrung – also dem Fehlen persönlicher Zuwendung als Säugling und Kleinkind – wurde durch die Medikamente eventuell noch verstärkt. Nach der Ursache jedenfalls sei nicht geforscht worden, er bekommt nur immer weitere Arzneimittel, darunter auch Versuchspräparate.

Wenn er morgens in der Schule einschläft, wird die Dosis der Medikamente und ihre Kombination verändert. Während Manfred ein recht guter Schüler ist und seine schriftlichen Arbeiten konzentriert und ausdauernd erledigt, explodiert er, sobald ihm etwas nicht gelingt. Er wütet, schimpft, schreit. Einmal versucht er, Feuer zu legen.

Phasenweise ist er ausgeglichen, dann wieder aggressiv und unberechenbar. Er läuft vom Schulhof weg und schlägt eine Fensterscheibe ein, klaut im Kaufhaus Süßigkeiten. Als Reaktion erhält er neue und alte Medikamente in unterschiedlichen Kombinationen, die jedoch keine durchschlagende Wirkung zeigen. Aus dem „Schäker“ ist nach gut zwölf Jahren im Heim ein extrem verhaltensauffälliger Junge geworden.

Statt einer Therapie bekommt er eine umstrittene Hirnoperation

Im Februar 1971 scheint sich das Blatt zu wenden. Manfred erhält eine sozialpädagogische Einzelbetreuung. Er stellt sich geschickt an beim Basteln und Malen, ist interessiert und ausdauernd, bekommt viel Lob und hat Spaß. Auch beim Sport ist er nahezu ausgeglichen, wie Wagner in einem Aktenvermerk gefunden hat. Seine Grundstimmung wird positiver, die Umtriebigkeit verschwindet ganz, kleinere Eigentumsdelikte werden seltener.

Trotz dieses Erfolges bleibt die sonderpädagogische Betreuung eine Ausnahme. Bald steht wieder die medizinische Behandlung ganz im Vordergrund – das bedeutet: die Medikamente. Sie können nicht verhindern, dass sich Manfred negativ entwickelt; bald werden bei dem 13-Jährigen sexuelle Übergriffe vermerkt.

Statt einer Therapie bekommt er stereotaktische Amygdalotomie, eine umstrittene Hirnoperation, die bei besonders aggressiven Patienten durchgeführt wird. Daraufhin entwickelt er sich körperlich stark, bekommt plötzlich eine starke Schambehaarung und onaniert fünf- bis sechsmal täglich. Seit 1957 sei bekannt gewesen, dass Hypersexualität eine typische Folge der Hirnoperation ist, so Wagner.

Manfred bekommt ein Medikament des Pharmaherstellers Schering, das erst ein gutes halbes Jahr später auf den Markt kommt – und eigentlich erst eingesetzt werden soll, wenn das Wachstum abgeschlossen ist. „Die ungünstige Wirkung des Präparates auf das Längenwachstum und die Gefahr der irreversiblen Schädigung des Hodengewebes bei Verabreichung vor Abschluss der Pubertät waren bekannt“, schreibt Wagner. In der Akte fand sie keinen Hinweis auf Einwilligung des Jungen, seiner Eltern oder des Jugendamts Göttingen als Vormund. Manfreds Schicksal ist keineswegs eine Ausnahme.

Wagners Recherchen stießen Studien in vielen Ländern an

Sylvia Wagners Recherchen schlagen früh Wellen – und bewirken einen öffentlichen Aufschrei. Mehrere Bundesländer stoßen eigene Untersuchungen an. So fördert eine Studie, die das niedersächsische Sozialministerium in Auftrag gab, zwischen 1945 und 1978 Medizintests und Impfversuche nicht nur in den Rotenburger Anstalten, sondern auch in den kinderpsychiatrischen Abteilungen des Psychiatrischen Krankenhauses Wunstorf und der Universität Göttingen, in der Kinderklinik der Uni Göttingen sowie im heilpädagogischen Kinder- und Jugendheim Brunnenhof in Rehburg-Loccum zutage. „Bei den Studien wurde gegen ethische und fachliche Standards verstoßen, für die Impfstudien ist zudem von Rechtsverstößen auszugehen“, heißt es in dem Bericht.

In Schleswig-Holstein ist eine ähnliche Untersuchung in Arbeit, wie das Sozialministerium mitteilt, angestoßen von Wagners Recherchen. Die Studie wird vom Medizinhistorischen Institut der Universität Lübeck erstellt und soll Ende 2020 vorliegen. Es habe sich gezeigt, so heißt es in einem Sachstandsbericht der Landesregierung an den Landtag, dass bis in die 1970er-Jahre Medikamentenversuche an Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig-Hesterberg sowie in der Erwachsenenpsychiatrie Schleswig-Stadtfeld durch-geführt worden seien.

„Medizinische Versuche an Heimbewohnern und untergebrachten Psychiatriepatienten sind grundsätzlich unzulässig“, schreibt Sozialminister Heiner Garg (FDP). „Wir sind erst am Anfang der Aufarbeitung“, sagt Wagner. „Ich hoffe, dass es weitergeht.“ Sie jedenfalls werde dranbleiben. In der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg hat man das Thema nach eigenen Angaben noch nicht untersucht. Auch der Sozial- und der Gesundheitsbehörde liegen bisher „keine Erkenntnisse oder Schilderungen von Arzneimitteltests in den 1960er-Jahren in stationären Hamburger Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie vor“, heißt es.

Ende Juli 1974 eskaliert die Situation

Bei Manfred bringt die Hirnoperation 1972 keine Besserung. Im Gegenteil: Der Junge kann sich nicht mehr längere Zeit mit einer Sache beschäftigen und läuft ziellos auf der Station umher. Er bekommt wieder höhere Dosen verschiedener Neuroleptika und ist „so frech wie nie zuvor“. Noch nicht zugelassene Medikamente sorgen allerdings – bei allen Nebenwirkungen – dafür, dass er nicht mehr sexuell auffällig ist.

Ende Juli 1974 eskaliert die Situation. Manfred streitet sich heftig mit anderen Kindern. Er schlägt die Treppenhaustür so stark zu, dass die Glasscheibe zerbricht, läuft weg und versteckt sich, klaut ein Mofa und fährt damit nach Bremen. Der Junge wird von der Polizei aufgegriffen. Jetzt ist für ihn in den Rotenburger Anstalten Schluss.

Weil man dort „nicht mehr die entsprechende Aufsicht führen“ kann, kommt Manfred im August 1974 nach 15 Jahren im Heim ins Psychiatrische Landeskrankenhaus Göttingen. Dort ist er weiter sehr aggressiv sowie völlig kritik- und distanzlos, bekommt Tobsuchtsanfälle und ist durch nichts zu beruhigen, versucht immer wieder zu entwischen und kommt in die Isolierzelle. In den Heimen, bilanziert Sylvia Wagner, habe man Manfreds auffällige Anhänglichkeit als Kleinkind nicht richtig gedeutet und sein problematisches Verhalten über Jahre produziert und weiter verstärkt.

Was aus ihm wurde? Auch Wagner hat sein Fall nicht losgelassen; sie begann zu recherchieren. Es stellte sich heraus, dass Manfred nicht mehr aus der geschlossenen Psychiatrie herauskam. Sein Weg endete dort. Er ist mittlerweile gestorben.

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