Corona-Pandemie

Bürgermeister: „Diese Krise ist für Sylt eine große Chance“

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Wenig
Wie wird die Saison auf Sylt? Auch für die Vermieter von Strandkörben stellt sich diese drängende Frage.

Wie wird die Saison auf Sylt? Auch für die Vermieter von Strandkörben stellt sich diese drängende Frage.

Foto: picture-alliance

Nikolas Häckel über die Corona-Folgen für den Tourismus, Unterstützung des Gastgewerbes und den Zwist zwischen Insulanern und Gästen.

Hamburg/Sylt.  Im Januar 2015 wurde Nikolas Häckel (46) Bürgermeister auf Sylt. Noch nie in seiner Amtszeit stand der gebürtige Sylter vor einer solchen Herausforderung. Über Wochen ruhte der Tourismus auf der Insel völlig, jetzt läuft er langsam wieder an. Das Abendblatt sprach mit ihm bedingt durch Corona über eine Videoplattform.

Hamburger Abendblatt: Herr Häckel, Sylt ist zu fast 100 Prozent vom Tourismus abhängig, entsprechend viele Insulaner fürchten derzeit um ihre wirtschaftliche Existenz. Sind Sie derzeit auch in einer Art Seelsorger-Sorge?

Nikolas Häckel: Ich bin natürlich der Ansprechpartner für die Bürger. Es gibt große wirtschaftliche, aber eben auch gesundheitliche Sorgen. Mein großes Ziel ist es, allen durch Antworten auf ihre Fragen Sicherheit und Vertrauen zu geben.

Der Tourismus wird zumindest in dieser Saison ein ganz anderer sein. Es wird überall Einschränkungen geben, wenn das Gastgewerbe Schritt für Schritt wieder hochfährt. Kann überhaupt ein Urlaubsgefühl entstehen, wenn es so sehr um Hygiene-Vorgaben und Abstandsgebote geht?

Häckel: Der Tourismus wird sich quantitativ und qualitativ deutlich verändern. Wir werden Corona nicht ausblenden können. Wir brauchen die Sensibilität von allen, da wir hier ein fragiles System haben, das nur dann gut und stabil bleibt, wenn sich Sylter wie Gäste an die Regeln halten.

Das bedeutet aber auch große Einschränkungen. Kein ausgedehntes Frühstück an großen Buffets, keine Besuche von Clubs und Diskotheken, keine Konzerte und auch stark eingeschränkte Nutzungen von Wellness-Angeboten.

Häckel: Wer sich auf den Weg zu uns macht, will doch vor allem die Natur genießen, die Strände, die herrliche Sylter Luft. Dafür wird er Einschränkungen akzeptieren, die auch seiner Gesundheit dienen. Ich vergleiche das gern mit der Maskenpflicht. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung akzeptiert diese Regelung, weil man weiß, dass wir uns damit schützen. Das kann man übertragen auf die notwendigen Maßnahmen, die wir nun auf Sylt brauchen, um eine Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Und selbstverständlich wird man auf Sylt auch weiter sehr gut essen können.

Weltweit wird in vielen Städten erwogen, den Verkehrsraum zu ändern, um Restaurants mehr Fläche für Außengastronomie zu bieten, die ja in Pandemie-Zeiten mit deutlich weniger Risiken behaftet ist.

Häckel: Ja, auch das diskutieren wir, einen entsprechenden Antrag haben wir am Dienstagabend in den entsprechenden Ausschuss überwiesen. Aber wir müssen dabei auch das Baurecht und die Interessen von benachbarten Grundstückseigentümern berücksichtigen. Das hängt immer vom Einzelfall ab.

Was hat Sylt getan, um die Gewerbetreibenden in der Krise zu unterstützen?

Häckel: Wir haben gleich zu Beginn der Krise festgelegt, dass wir die Grundsteuerabgaben und Gewerbesteuervorauszahlungen nicht einziehen. Wir haben Mahnverfahren ausgesetzt und noch vor den Bundes- und Landesbehörden den Gewerbetreibenden gesagt: Wir wissen, da kommt was auf Euch zu und wir helfen Euch. Gastronomen als Strandversorger auf unseren Grundstücken gewähren wir Pachtfreiheit für die Zeit der aufgelegten Schließungen. Damit wird unser Haushalt deutlich defizitär. Wir lösen jetzt eine Rücklage von 8,7 Millionen Euro auf, mit der wir eigentlich die Modernisierung des Rathauses finanzieren wollten. Zudem haben wir einen Kredit in Höhe von 15 Millionen Euro eingeplant.

Ihr Rathaus wird also vorerst nicht modernisiert?

Häckel: Nein, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass wir dafür einen weiteren Kredit aufnehmen würden. Aber das ist auch gar nicht schlimm. Viel wichtiger ist mir, dass wir in der Krise keine einzige kommunale freiwillige Leistung einschränken mussten.

Es gab in der Schließungsphase massiven Zwist. Der bekannte Sylter Journalist Werner Rudi hat im Abendblatt gefragt: Ist diese Insel irre geworden? Einige Insulaner hätten ihre Gäste regelrecht aus dem Haus geworfen. Sie wiederum haben sich darüber geärgert, dass Touristen sich auf die Insel mogelten, indem sie etwa Schein-Arbeitsverträge vorlegten.

Häckel: Ärgern ist der falsche Begriff. Ich habe immer sehr moderat kommuniziert. Nur vor Ostern habe ich einmal eine schärfere Form gewählt, um deutlich zu machen, dass diese Regeln im Interesse der medizinischen Versorgung respektiert werden müssen. Auf einer Insel ist diese Versorgung naturgemäß begrenzt.

Wie viel Porzellan ist zerschlagen worden?

Häckel: Da ist wenig Porzellan zerschlagen worden. Es handelt sich hier um wenige bedauerliche Einzelfälle. Der weitaus größte Teil der Insulaner freut sich auf die Gäste – und die Gäste freuen sich auf uns. Es gibt hier auf der Insel zwei Inter­essen, die wir versöhnen müssen. Auf der einen Seite geht es um die Gesundheit, die berechtigte Angst vor einer Ansteckung. Jede dritte Sylter ist über 60 Jahre alt, gehört damit zur Risikogruppe. Auf der anderen Seite geht es angesichts unserer Abhängigkeit vom Tourismus um wirtschaftliche Existenzfragen.

Ist diese Krise am Ende auch eine Chance? Corona könnte den Trend zum Urlaub im Inland und zur Nachhaltigkeit verstärken.

Häckel: Davon bin ich absolut überzeugt. Diese Krise birgt eine große Chance für Sylt. Ja, die Menschen vergessen oft schnell. Aber Corona wird uns alle zum Nachdenken, zum Umdenken zwingen. Sie sehen es doch auch beim Homeoffice. Vor ein paar Monaten haben noch viele gesagt, Homeoffice ist wie Urlaub. Jetzt spürt man das große Potenzial, den großen Wert dieser Form der Arbeit. Das wird sich festsetzen. Ähnlich wird es beim Tourismus sein. Wir haben schon vor Corona an Konzepten gearbeitet, Sylt nachhaltiger und klimafreundlicher zu machen. Diesen Trend werden wir sicher konsequent fortsetzen.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

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