Nach Corona-Rauswurf

Schleswig-Holstein entschuldigt sich bei Hamburgern

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Hamburger sollten ihre Ferienhäuser im Nachbarland räumen. Jetzt dürfen doch alle bleiben, die sich schon dort aufhalten.

Kiel/Hamburg.  Schleswig-Holsteins Tourismusminister Bernd Buchholz (FDP) hat sich „im Namen aller Tourismusakteure im Land“ bei Ferienhausbesitzern aus Hamburg (und anderen Bundesländern) entschuldigt, die am Wochenende von Einheimischen beschimpft worden waren (Abendblatt berichtete): „Die inakzeptablen Ausfälle einiger weniger Bürger gegenüber den Wohnungsbesitzern sind zutiefst bedauerlich. Sie sollen weder Zweifel an der Gastfreundschaft der Schleswig-Holsteiner noch an dem seit Jahrzehnten praktizierten guten Miteinander mit allen Zweitwohnungsbesitzern aufkommen lassen.“

Gleichzeitig traten die Allgemeinverfügungen, mit denen einzelne Landkreise Besitzer von Ferienwohnungen am Wochenende hatten zwingen wollen, Schleswig-Holstein zu verlassen, außer Kraft. „Wer eine Nebenwohnung bereits bezogen hat, muss diese nicht verlassen“, sagte Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) nach telefonischen Beratungen mit den Landräten. Dazu gebe es jetzt auch einen landesweiten Erlass. In dem steht allerdings auch, dass „Neuanreisen in Zweitwohnungen ohne triftigen Grund untersagt sind“.

Abendblatt-Leser berichtet von „Patrouillen“

Triftige Gründe sind unter anderem, dass das Ferienhaus aus „zwingenden beruflichen und gesundheitlichen Gründen“ genutzt wird, dass Verwandte ersten Grades, also zum Beispiel der Ehepartner, dort ihren Aufenthaltsort haben, oder am Hauptwohnsitz Personen, die unter Quarantäne stehen, nicht voneinander getrennt werden können. Unabhängig davon hat Schleswig-Holstein an alle Zweitwohnungsbesitzer appelliert, angesichts der Coronakrise auf Reisen zu verzichten. Jeder sollte im Moment dort bleiben, wo er ist, und seine sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzieren.

Am Wochenende hatte sich die Situation zwischen Einheimischen und Zweitwohnungsnutzern an verschiedenen Stellen in Schleswig-Holstein zugespitzt, gerade Hamburger mussten sich bisher nicht gekannte Anfeindungen gefallen lassen. „Als Hamburger erlebe ich hier in Niebüll unglaubliche Szenen“, schreibt Oliver Bischoff ans Hamburger Abendblatt. „Nachbarn, mit denen man jahrelang freundschaftlich Tür an Tür gelebt hat, patroullieren durch die Straßen, um Hamburger aufzuspüren. Ich bin entsetzt und schockiert.“

Spannungen zwischen den beiden Ländern

Das war offensichtlich auch Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) zu viel, die am Montagmorgen in einem Telefonat auch über die Spannungen zwischen den beiden Ländern sprachen – und dann alles in die Wege leiteten, um diese so schnell wie möglich zu beenden. „Wir müssen auch in der jetzigen Krise zusammenstehen, Rücksicht nehmen und im Rahmen aller geltenden Kontaktbeschränkungen das gute Miteinander mit unseren Gästen bewahren“, sagte Daniel Günther. Beschimpfungen von Gästen, wie sie vereinzelt vorgekommen seien, verböten sich nicht nur aus Gründen guter Gastfreundschaft.

Günther hatte anders als verschiedene Landräte nie von Zweitwohnungsbesitzern gefordert, Schleswig-Holstein zu verlassen. Im Gegenteil: Im Abendblatt hatte er am Sonntag noch einmal wiederholt, dass „diejenigen, die im Land seien, sich wie alle Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner an die geltenden Regeln halten sollen“. In Nordfriesland hatte der Landrat zu diesem Zeitpunkt schon Autos mit Hamburger Kennzeichen kontrollieren lassen, heute sollten Ordnungskräfte dort die Ferienwohnungen überprüfen.

Landrat: zu einem Miteinander nach der Krise zurückfinden

„Es ist nie darum gegangen, Einheimische gegen Zweitwohnungsbesitzer auszuspielen, sondern alle Möglichkeiten zu ergreifen, der Ausbreitung des Coronavirus entgegenzutreten“, sagt Reinhard Sager, Sprecher des Landräte und Landrat des Kreises Ostholstein. „Die Allgemeinverfügungen der Kreise waren aufgrund der gestrigen Entscheidungen von Bund und Ländern sowieso neu zu bewerten. So war das auch von uns als Maßnahme für das vergangene Wochenende gedacht.“

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Der Landrat des Kreises Schleswig-Flensburg, Wolfgang Buschmann, hatte die Allgemeinverfügung für seinen Bereich bereits im Laufe des Tages ausgesetzt und Zweitwohnungsbesitzer darüber informieren lassen, dass es eine Neuregelung geben werde. Ihm liegt gerade das gute Verhältnis von Hamburgern und Schleswig-Holsteiner am Herzen: „Ich hoffe sehr, dass wir, wenn diese Geschichte ausgestanden ist, wieder zu einem Miteinander zurückfinden, das es bisher auch immer gegeben hat“, sagt er. Hamburg und Schleswig-Holstein seien seit Langem eine eng verzahnte Einheit: „Vielleicht müssen wir das in Zukunft noch mehr herausstellen. Das kann schon einmal die erste Lehre aus diesen Tagen sein.“

Schleswig-Holstein ist bis 19. April für Touristen gesperrt

Schleswig-Holstein ist bis 19. April für Touristen gesperrt. Touristenhotels und Restaurants sind geschlossen. Selbst Tagestouristen dürfen das Land derzeit nicht besuchen. Am Verwaltungsgericht in Schleswig sind bisher insgesamt 17 Eilverfahren von Zweitwohnungsbesitzern eingegangen. Die Zweitwohnungen der Antragsteller liegen in den Kreisen Nordfriesland, Dithmarschen, Schleswig-Flensburg und Ostholstein. Die Verfahren würden zeitnah entschieden. Fünf der Verfahren waren bereits am Wochenende entschieden worden. Diese Antragsteller scheiterten mit ihrem Anliegen, trotz der Verfügung des Landes wegen der Coronapandemie in ihren Nebenwohnungen im nördlichsten Bundesland bleiben zu dürfen.

Das Hamburger Abendblatt hatte am Wochenende unter anderem darüber berichtet, dass ein Hamburger in Eckernförde von seinem Nachbarn angepöbelt worden war: „Hau ab!“ Auch heute sei er mehrfach im Ort von Leuten, „die in zehn Jahren noch nie mit mir gesprochen haben“, gefragt worden, was er als Hamburger denn noch in Schleswig-Holstein wolle?, erzählt der Mann. Zum Glück sei er gestern Abend geblieben, hätte heute eine Ausnahmegenehmigung beantragt und diese auch bekommen. Jetzt braucht er sie nicht mehr – und Hamburger und Schleswig-Holsteiner können sich wieder gemeinsam auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist: auf den Kampf gegen das Virus.

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