Norddeutschland

Wie Bahnfahren durch eine App für viele leichter werden soll

Kay Macquarrie sitzt seit 20 Jahren im Rollstuhl. Er ist berufsbedingt sehr viel unterwegs – mit der Bahn und mit dem Flugzeug.

Kay Macquarrie sitzt seit 20 Jahren im Rollstuhl. Er ist berufsbedingt sehr viel unterwegs – mit der Bahn und mit dem Flugzeug.

Foto: Uwe Paesler

Aktion: „Nicht meckern, machen!“ Kay Macquarrie hat eine Anwendung für Menschen mit Handycap entwickelt.

Kiel.  Eine Bahnfahrt, die ist nicht immer lustig. Vor allem nicht, wenn man mit dem Rollstuhl unterwegs ist. Wenn Kay Macquarrie aus Altenholz (Kreis Rendsburg-Eckernförde) Zug fahren will, braucht es viel Planung und Vorlaufzeit. Der 44-Jährige hat nun zusammen mit einem Fachmann ein Tool entwickelt, das Bahnfahren erheblich einfacher macht.

Nicht nur für Menschen mit Behinderung, sondern auch für Eltern mit Kinderwagen, Reisende mit schwerem Gepäck oder Rollator. An die 100 Menschen nutzen das Tool bereits, einige Pendler täglich. Der Deutschen Bahn hat er seine Internetanwendung bereits vorgestellt. Das Interesse ist groß.

Er möchte Dinge und Barrieren sichtbar machen

Kay Macquarrie ist ein positiver und pragmatischer Mann. Wenn er Probleme sieht, packt er sie selber an und macht sich auf die Suche nach Lösungen. „Ich möchte Dinge und Barrieren sichtbar machen“, sagt der Projektmanager für neue Medien, der für einen großen internationalen Sender arbeitet. Ihm ist wichtig, dass Menschen mit Behinderung ganz selbstverständlich zum gesellschaftlichen Leben dazugehören. Denn daran hapert es häufig noch.

Beim Fototermin auf dem Kieler Hauptbahnhof könnte man eigentlich ständig „Vorsicht an der Bahnsteigkante“ rufen. Mal liegen die Doppelstockwagen so tief, dass zum Einsteigen eine Rampe für Rollstuhlfahrer nötig ist, mal liegen sie zu hoch. Der sportliche Mann, der seit 20 Jahren nach einem Unfall auf den Rollstuhl angewiesen ist, zuckt gelassen mit den Schultern. Er erzählt von unterschiedlich hohen Bahnsteigkanten, defekten Fahrstühlen und gesperrten Zugtoiletten. Oder davon, dass seine vorab bei der Bahn bestellte Unterstützung in Form eines Bahnmitarbeiters aufgrund von Krankheit einfach ausfällt und er auf einem zugigen Bahngleis dumm aus der Wäsche guckt. Der ganz normale Alltag auf den Bahnhöfen Deutschlands.

Macquarrie liefert Lösungen statt zu meckern

Doch nörgeln kann jeder. Kay Macquarrie geht lieber einen Schritt weiter und liefert Lösungen. Bereits 2005 startete der gebürtige Niebüller (Kreis Nordfriesland) eine Initiative, um das Fliegen für Rollifahrer einfacher zu machen. „Die Herausforderung im Flieger ist, die Toiletten zu erreichen“, sagt er. Für den Journalisten, der weltweit unterwegs ist, war das ein echtes Problem. Denn der eigene Rollstuhl reist im Frachtraum mit. Sein Engagement zahlte sich aus. „Inzwischen haben alle Airlines einen kleinen Rollstuhl an Bord“, so der dreifache Familienvater.

Die Bahn zeigt sich interessiert an dem Projekt

Kürzlich startete Macquarrie eine Online-Petition (http://change.org/bahn­fueralle) für barrierefreies Zugfahren. „91.216 Menschen haben bisher unterschrieben“, sagt er. Gerade hat er seine Einladung an Bahnchef Richard Lutz erneuert, doch einmal mit ihm Zug zu fahren. „Ich würde ihm gerne zeigen, wo die Probleme liegen“, sagt er. Für den Sozialverband Deutschland sitzt er in einer Arbeitsgruppe der Bahn, um an Verbesserungen mitzuarbeiten.

Sein nutzerfreundliches Anmeldeformular

Doch nun zu seinem Tool: Damit Menschen mit Behinderung, sperrigem Gepäck oder Kinderwagen ohne Probleme in die Züge hinein- und wieder hinauskommen, kann man eine Hilfeleistung von Bahnmitarbeitern anfordern. „Das erfolgt per Formular im Voraus“, sagt Kay Macquarrie. Doch dieses Bahnformular habe es in sich. „Allein für eine Reise von Kiel über Hamburg nach Berlin sind über 70 Formularfelder auszufüllen“, sagt er. „Das kann ich besser“, dachte sich der Journalist.

Zusammen mit dem Entwickler Philipp Maier aus Karlsruhe, den er über seine Petition kennengelernt hatte, machte er sich ans Werk. Herausgekommen ist eine Internetanwendung, die Bahnfahren künftig viel einfacher machen wird. „Das Tool funktioniert dank einer offenen Bahn-Schnittstelle schon jetzt“, so der Journalist. Anwender benötigen nur ihren Bahnticketcode. „Das Ziel ist, Ideen aus dem Tool in die Bahn-App zu integrieren“, sagt er. Zudem sei es möglich, in Echtzeit benachrichtigt zu werden, wenn Züge ausfallen oder sich verspäten.

Wir sind an einem Wendepunkt

Die Bahn, der Kay Macquarrie seine Entwicklung vorgestellt hat, zeigt sich interessiert. Eine Bahnsprecherin gibt an, dass an den Themen „nutzerfreundlicheres Anmeldeformular“ und „Barrierefreiheit“ gearbeitet werde. „Im Jahr 2018 haben unsere Servicemitarbeiter Reisende mit Mobilitätseinschränkungen mit rund 850.000 Hilfeleistungen unterstützt. Diese Zahl ist in den zurückliegenden vier Jahren um rund 50 Prozent gestiegen“, erklärt sie. Kay Macquarrie kann da nur zustimmen. „Wir befinden uns gerade an einem Wendepunkt – gesellschaftlich, politisch und ökologisch. Wir werden älter und wollen weiter mobil bleiben. Barrierefreiheit spielt da eine immer größere Rolle.“

Das Abendblatt präsentiert die Aktion gemeinsam mit mehreren norddeutschen Zeitungen und NDR Info. Dienstag: Laufen für die Frühchenstation