Schiffbau

Die „Gorch Fock“ ist Elsfleths Schicksal

Das Segelschulschiff „Gorch Fock“

Das Segelschulschiff „Gorch Fock“

Foto: dpa

Mit dem Segelschulschiff der Bundesmarine hat die Werft und mit ihr die Stadt jahrelang prächtig verdient. Nun droht das Ende.

Elsfleth.  „Navigare necesse est“, also „Seefahrt tut not“, steht über dem Glockenspiel am Elsflether Rathausplatz. Passend dazu erklingen hier alle zwei Stunden Shantys wie „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren“. Sie werden als Dank an alle Seeleute angestimmt und sollen an das Auf und Ab der Elsflether Schifffahrtsvergangenheit erinnern. Als das Glockenspiel 1989 zum ersten Mal ertönte, ahnte noch niemand, dass bis zum nächsten „Ab“ nicht mehr viel Zeit vergehen würde: Denn nur fünf Jahre später meldete die Elsflether Werft Insolvenz an, zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Eine Schreckensnachricht, an die sich noch viele erinnern. Gerade jetzt, wo alles wieder so nah wirkt.

Denn in der vergangenen Woche meldete die Elsflether Werft erneut Insolvenz an – und dieses Mal bangt nicht nur die Stadt, sondern das ganze Land, wie es weitergeht. Die Werft, die mit der Sanierung der „Gorch Fock“ beauftragt wurde, sorgt seit Wochen für Schlagzeilen. Kaum ein Tag, an dem nicht neue Vorwürfe laut wurden, neue Details ans Licht kamen. Kostenexplosion, Zahlungsstopp, Betrugsvorwürfe, Verdacht auf Bestechlichkeit und Untreue, die Geschäftsführung wurde abgesetzt und vergangene Woche dann der vorläufige Tiefpunkt: der Insolvenzantrag.

130 Menschen arbeiten bei der Werft

Die Stadt trifft das ins Mark: Rund 130 Menschen arbeiten bei der Werft, Subunternehmer und Zulieferfirmen sind ebenfalls betroffen. Die IG-Metall spricht von weiteren 550 Arbeitsplätzen. „Die Stimmung hier ist schlecht“, sagt Claus-Peter Pultke. Der 63-Jährige arbeitet seit 29 Jahren bei der Werft, damit ist jetzt Schluss. Er habe seinen Resturlaub genommen und so den Einstieg in die Rente etwas vorgezogen. „Ich bin einfach nur froh, dass ich da jetzt raus bin. Aber die Kollegen tun mir leid.“

Gerade gestern hätte er sie noch auf der Werft besucht, aber viele seien nicht mehr da gewesen. „Ihnen wurde angeraten, ihren Urlaub zu nehmen und zu Hause zu bleiben. Wer weiß schon, ob man ihn später noch nehmen kann?“ Die vergangenen Wochen seien extrem schwierig gewesen. „Und vor allem konnte sich niemand von uns erklären, warum die Kosten plötzlich so in die Höhe gingen.“ Erklären konnte das – und das ist vielleicht das größte Problem – bisher auch sonst niemand.

Seit drei Jahren liegt die „Gorch Fock“, das Segelschulschiff der Bundesmarine, in der Bredo-Werft in Bremerhaven, wo die Elsflether Werft ein Dock angemietet hat. Anfangs war von 9,6 Millionen Euro für die Sanierung die Rede, zuletzt waren es 128 Millionen. Im Dezember dann der Cut: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ließ die Zahlungen stoppen. Was seitdem bekannt geworden ist, gleicht einem Wirtschaftskrimi. Von dubiosen Darlehen ist die Rede, von einem undurchschaubaren Firmengeflecht und von Korruption.

Drama für Elsfleth

Für Elsfleth ist das ein Drama. Die 9000-Einwohner-Stadt an der Hunte im Mündungsbereich der Weser ist ein Paradebeispiel für das, was in vielen ländlichen Regionen geschieht. Die Innenstadt ist wie leergefegt. Um sich die Schuhe reparieren zu lassen, muss man rund zwölf Kilometer bis nach Brake fahren. Dafür ist am Ortseingang eine Art vorgelagerte Supermarkt-Parkplatz-Stadt entstanden. Dass das früher mal alles anders und schöner war, weiß Gästeführerin Lina Walter zu erzählen.

In einer menschenleeren Fußgängerzone erzählt sie von belebteren Zeiten, vom wuseligen Treiben im Ort und davon, wie die Frauen mittags mit einem Henkeltopf in der Hand über den Deich radelten, um ihren Männern Mittagessen in die Werft zu bringen. „Ein ganz typisches Bild.“ Das sei immer so gewesen, in früheren Zeiten habe es gleich mehrere Werften in der Stadt gegeben. „Elsfleth war immer die Stadt der Werften. Und auch heute noch ist die Werft die Identität der Stadt“, sagt sie. Und einer der größten Arbeitgeber der Region noch dazu.

Bürgermeisterin ist in großer Sorge

Und so wundert es nicht, dass Elsfleths Bürgermeisterin Brigitte Fuchs (parteilos) in großer Sorge ist. Immer mehr Einwohner wollen jetzt auch von ihr wissen, wie es weitergeht. Doch Fuchs weiß es nicht. Sie sagt: „Wir erfahren das meiste immer erst aus der Zeitung und dem Fernsehen. Der alte Vorstand hat mit uns nicht kommuniziert.“ Sie selber sei von der Insolvenz völlig überrascht worden. Die neue Geschäftsführung habe nun aber zeitnah einen Gesprächstermin zugesichert – immerhin.

Was also tun, wenn man nichts weiß, die Bürger aber trotzdem Antworten haben wollen? „Im Grunde können wir uns nur solidarisch zeigen mit den Beschäftigen der Werft und ihren Familien“, sagt die gebürtige Elsfletherin, deren Vater selbst auf der Werft gearbeitet hat. Und so verfasste sie eine Stellungnahme, schrieb Sätze wie: „Für die Fehler der Geschäftsführung sind nicht die Beschäftigten verantwortlich“ und „Das handwerkliche Können ist nach wie vor vorhanden und darf durch das Fehlverhalten anderer nicht herabgesetzt werden.“ Man könne nur hoffen, dass durch den Insolvenzantrag eine Möglichkeit gegeben werde, dass der Geschäftsbetrieb weiterlaufen kann. „Diese Chance muss die Politik sehen und uns unterstützen“, sagt Fuchs. „Monatelange Unsicherheit verunsichert die Betroffenen. Die Menschen sind zu Recht wütend und verzweifelt.“

IG Metall hält sich bedeckt

Öffentlich darüber reden würde aber derzeit kaum einer. „Niemand will etwas sagen, das dazu führt, dass die Werft deswegen nicht weitergeführt wird“, sagt Fuchs. Und damit behält sie recht. Der Betriebsrat schweigt, auch die IG Metall hält sich bedeckt, der Zulieferbetrieb Shiptec, der bereits Kündigungen geschrieben haben soll, wiegelt ab. Man „habe schon genug Ärger provoziert“.

In der Elsflether Fußgängerzone finden sich am Nachmittag zwischen Eiscafé La Veneziana und Jugendtreff dann aber doch einige, die etwas sagen wollen. Da ist zum Beispiel Monika Bergstede, die sich um den Enkel sorgt, der in der Werft gerade seine Ausbildung angefangen hat. Oder Leweke von Marschall, die bei dem Seefracht-Unternehmen Timbercoast arbeitet. Eins der zwei Schiffe der Firma wird gerade in der Werft überholt. Sie sei „völlig platt“ gewesen angesichts der neueren Entwicklungen, man habe nur gute Erfahrungen mit der Werft und insbesondere auch mit der alten Geschäftsführung gemacht.

Und so stimmt es wohl, was man hier sagt: Irgendwas hat jeder mit der Werft zu tun. Um 15 Uhr schlägt die Uhr am Rathausplatz zur vollen Stunde. Die Straßen und Gassen ringsum sind trotz schönstem Frühlingswetter nahezu menschenleer. Einige hier sagen, dies liege am Wochentag. Andere sagen, es sei sonst auch nicht anders. In einer Stunde wird das Glockenspiel, das nun bald seinen 30. Geburtstag feiert, wieder ertönen. Das erste Lied, das es je gespielt hat, war übrigens: „Üb immer Treu und Redlichkeit.“ Ein Volkslied über die Bedeutung tugendhaften Verhaltens. Es ist immer noch im Repertoire.